Die in der US-Verfassung geschützte Rede- und Pressefreiheit ist nicht nur im politischen Amerika ein großes Thema, sondern jetzt auch im motorsportlichen. Die nationale IMSA-Meisterschaft verbietet all ihren Teilnehmern ab sofort per Reglement, sich in irgendeiner Form öffentlich zur Balance of Performance zu äußern. Widersetzt sich jemand dieser neuen Regel, droht eine nicht genannte Strafe.

Jetzt verpasst also auch IMSA den Fahrern und Herstellern einen BoP-Maulkorb! Das Verbot, öffentlich über die Balance of Performance zu sprechen, gibt es in der WEC bereits seit 2023. "Willkommen in der Sowjetunion", entgegnete uns einst hinter vorgehaltener Hand ein hochrangiger Motorsport-Manager auf die Frage zu seiner Meinung nach dem Maulkorb in der Langstrecken-WM. Internationale Medienvertreter kritisieren das Sprechverbot seit Langem, weil Interviews mit Motorsportchefs oder Piloten teilweise zu einer Farce verkommen aus Sorge der Befragten, eine Bestrafung zu kassieren.

Alex Palou im Interview bei den 24h Daytona 2025
Rennfahrer wie Alex Palou müssen aufpassen, was sie sagen..., Foto: IMAGO/Andreas Beil

BoP-Maulkorb jetzt auch im IMSA-Reglement

Im Artikel 2.2.3 des überarbeiteten Sportlichen Reglements der IMSA heißt es jetzt: "Hersteller, Wettbewerber, Fahrer, Konstrukteure sowie alle Personen oder Einrichtungen, die mit deren Nennungen in Verbindung stehen, dürfen nicht versuchen, die Festlegung der Balance of Performance (BoP) zu beeinflussen, und dürfen keine öffentlichen Kommentare zum BoP Prozess, zur Methodik, zu Daten oder zu Ergebnissen abgeben. Dies umfasst insbesondere, aber nicht ausschließlich, Aussagen über traditionelle Medien, digitale Medien oder Social Media Plattformen."

Allein die Verantwortlichen der IMSA um Präsident John Doonan entscheiden, ob ein Teilnehmer einen Verstoß begangen hat. Die Regeländerung kommt zwei Wochen vor dem Saisonauftakt und gleichzeitig dem wichtigsten Rennen im Kalender, den 24 Stunden von Daytona (24.-25. Januar 2026).

IMSA-Präsident John Doonan im Interview
IMSA-Präsident John Doonan in einer Interview-Runde, Foto: IMAGO/PsnewZ

Nach Leupen-Strafe: Teamvertreter noch vorsichtiger

In der WEC ist seit der Einführung des Sprechverbots bisher eine Strafe verhängt worden: Der frühere Toyota-Teamdirektor Rob Leupen wurde im Juli 2024 zu einer Zahlung in Höhe von 10.000 Euro verdonnert, weil er sich in einem Interview kritisch zur Balance of Performance geäußert hatte. Die Geldstrafe wurde zur Bewährung ausgesetzt, doch die 'Gelegenheit' für einen Wiederholungsfall erhielt Leupen ohnehin nicht: Wenige Monate nach dem Vorfall verlor er seinen Job im Toyota-Team aus bis heute unbekannten Gründen.

Seitdem sind Teamvertreter und Fahrer noch vorsichtiger geworden, das Kürzel 'BoP' auch nur in den Mund zu nehmen. Lieber verklausulieren sich die Protagonisten in aussagelosen Phrasen und führen einen wahren Eiertanz in Interviews auf. "Auf äußere Umstände haben wir keinen Einfluss", heißt es dann gerne, oder wie es Porsche-Entwicklungschef Michael Steiner zum WEC-Ausstieg formulierte: "Wir bedauern sehr, dass wir aufgrund der aktuellen Rahmenbedingungen unser WEC-Engagement nach dieser Saison nicht fortsetzen werden."

Joseph Newgarden bei einem IMSA-Rennen
BoP-Maulkorb: Jetzt herrscht Sprechverbot für Rennfahrer, Foto: IMAGO/HochZwei

IMSA: BoP spielt eher untergeordnete Rolle

Warum die IMSA ausgerechnet jetzt auf die Idee gekommen ist, dem WEC-Maulkorb im Reglement nachzueifern, ist noch nicht klar. In der US-Sportwagenmeisterschaft spielt die Balance of Performance im Vergleich zur WEC eine untergeordnete Rolle. Zum einen, weil es hier nicht den Konflikt zwischen LMDh- sowie LMH-Prototypen gibt und die Performance in der Topklasse deshalb näher beisammen liegt. Zum anderen, weil die reine Performance durch mehr oder weniger künstlich erzeugte Safety-Car-Phasen zu Unterhaltungszwecken eher verwaschen wird.

In der abgelaufenen IMSA-Saison wurde die Balance of Performance nur einmal zum großen Streitfall, als Porsche die ersten vier Rennen inklusive Daytona gewann. Nach einer umwälzenden BoP-Änderung zur Saisonhalbzeit holten die Zuffenhausener in den folgenden fünf Läufen keinen weiteren Sieg. Internationale Experten waren der Meinung, dass Porsche seinen Siegeszug aufgrund perfekter Ausführung der Rennen feierte - und nicht wegen einer angeblich vorteilhaften BoP.

Porsche-Fahrer Laurin Heinrich und Robert Seiwert beim WEC-Rennen in Bahrain im Gespräch
Porsche-Werksfahrer Laurin Heinrich im Gespräch mit MSM-Reporter Robert Seiwert, Foto: IMAGO/Andreas Beil

WEC: Aktuelles WEC-Konzept gescheitert

In der WEC sieht es anders aus: Hier gilt das aktuelle BoP-Konzept spätestens seit dem dritten aufeinanderfolgenden Sieg von Ferrari bei den 24 Stunden von Le Mans als gescheitert, obwohl es während der laufenden Saison mehrfach überarbeitet wurde. Die BoP-Thematik überschattete das sportliche Geschehen auf der Strecke zeitweise - auch, wenn öffentlich niemand drüber sprechen durfte...

In anderen BoP-Rennserien wie der DTM, der GT World Challenge oder auch beim 24h-Rennen Nürburgring ist es nicht per Reglement verboten, sich öffentlich zur BoP zu äußern. Die Angelegenheit ist trotzdem heikel und viele Protagonisten halten lieber den Mund, aus Sorge, bei der nächsten Einstufung potenziell benachteiligt zu werden. Andere Vertreter gehen hingegen gezielt an die Öffentlichkeit, in der Hoffnung, dadurch eine für sie vorteilhaftere Balance of Performance zu provozieren.