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Formel E

Formel-E-Rennanalyse Chile: Günther-Sieg dank Techeetah-Hilfe

Die Analyse zum Santiago ePrix: Techeetah hilft tatkräftig mit, das Rennen zu verlieren. Heftige Worte fallen. BMW-Youngster Max Günther clever zum Sieg.
von Robert Seiwert

Motorsport-Magazin.com - Den zweiten Platz gewonnen oder den Sieg verloren? Antonio Felix da Costas Gemütslage tendierte nach dem Formel-E-Rennen in Santiago de Chile in Richtung Zweiterem. Der Techeetah-Neuzugang musste im heißen und hitzig geführten Rennen mitansehen, wie ihm ausgerechnet sein Nachfolger beim BMW-Werksteam, Maximilian Günther, drei Kurven vor dem Zieleinlauf den Sieg entriss.

Der dramatische Schlussakt inmitten der chilenischen Hauptstadt hätte auch anders enden können. Das amtierende Meister-Team Techeetah half allerdings tatkräftig dabei mit, Günther auf seinem Weg zum ersten Sieg in der Formel E zu unterstützen.

Hätte der Allgäuer nach einer blitzsauberen Leistung aus eigener Kraft gewinnen können? Vermutlich. Wäre es ohne die Techeetah-Stolpersteine noch enger geworden als die zwei Sekunden Abstand, die Günther und Felix da Costa beim Überfahren des Zielstrichs trennten? Mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit!

Selbst Günther zeigte sich im Anschluss an das dritte Saisonrennen überrascht, dass der zu diesem Zeitpunkt Führende Felix da Costa in der letzten Runde in der schnellen und langgezogenen Linkskurve plötzlich Gas rausnahm und es seinem BMW-Kontrahenten erleichterte, ihn auf der Außenbahn zu überholen.

Team-Ansage: Runter vom Gas

Der Portugiese musste tatsächlich auf Anweisung des Teams das Gaspedal lupfen - aus Sorge, es wegen einer überhitzten Batterie nicht einmal bis ins Ziel zu schaffen. Denn eines hat sich seit dem Beginn der Formel E nicht verändert: Erreicht die Einheitsbatterie eine bestimmte kritische Temperatur, schaltet sie sich sofort ab.

Dass es bei Felix da Costa überhaupt soweit kommen konnte, lag offenbar an einer uneindeutigen Kommunikation zwischen Fahrer und Team in der Schlussphase des Rennens. "In den letzten zehn Runden war die Situation kritisch", erklärte Rennsieger Günther. "Damit ist wohl jeder ein bisschen anders umgegangen."

Falsche Informationen

Während Günther an der Spitze seine Temperaturen und das gesamte Energie-Management zusammen mit den BMW-Ingenieuren genau kontrollierte und seine Geschwindigkeit anpasste, preschte Felix da Costa in den letzten Runden nur so nach vorne - weil Techeetah ihn in Sicherheit wiegte.

Felix da Costa: "Entweder wurden mir nicht alle oder etwas falsche Informationen übermittelt. Mir wurde gesagt, dass bei den Temperaturen alles gut sei. Dabei sagte ich, dass ich das nicht denke. Und in dem Moment, als ich in Führung ging, sagten sie, dass ich langsamer fahren muss. Es hing alles an der letzten Runde, aber diese Jungs (BMW; d. Red.) hatten es besser im Griff."

Wilde Aufholjagd auf Günther

Als Felix da Costa nach dem Ausfall seines Teamkollegen und zweifachen Champions Jean-Eric Vergne freie Fahrt nach vorne hatte, lag er in Runde 30 von 40 stolze 5,193 Sekunden hinter Spitzenreiter Günther zurück. In den folgenden sieben Runden überholte er nicht nur den Zweitplatzierten Mitch Evans (Jaguar), sondern machte auch den kompletten Rückstand auf Günther wett, überholte ihn und fuhr eine halbe Sekunde Vorsprung heraus.

Vergleich: Günther / Felix Da Costa (Runde 30-37)

Runde Günther Felix da Costa Rückstand
30 1:07.857 1:08.673 + 5,193
31 1:08.104 1:07.539 + 4,628
32 1:08.192 1:07.326 + 3,762
33 1:08.260 1:07.271 + 2,773
34 1:08.013 1:07.357 + 2,117
35 1:08.575 1:07.280 + 0,822
36 1:08.115 1:07.849 + 0,556
37 1:09.741 1:08.614 - 0,571

Auf einen solchen Energie-Kraftakt hätte Felix da Costa höchstwahrscheinlich verzichtet, wenn ihn das Team korrekt über den Zustand seiner Batterie informiert hätte. Er selbst hatte Zweifel, schließlich können die Fahrer ihre Temperaturen auf dem Dashboard am Lenkrad genau verfolgen. Und so dauerte es nach dem Überholmanöver gegen Günther nicht lange, bis die Anweisung kam, langsamer zu fahren.

Da hatte die BMW-Mannschaft den Braten längst gerochen und wies Günther an, weiter Druck zu machen - in dem Wissen, dass Felix da Costas Energie-Management im Zweifel zuerst kollabieren würde. Es dauerte nach dessen Überholmanöver genau dreieinhalb Runden, bis Günther final zurückschlagen konnte.

"Wir haben damit gerechnet, dass Antonio Kühlprobleme bekommen könnte und genauso ist es gekommen", sagte BMW Motorsport-Direktor Jens Marquardt. "Mit Hilfe dieser Einschätzung konnte Max dieses fantastische Überholmanöver in der letzten Runde durchführen."

Hinter den Kulissen des BMW-Teams in der Formel E - Foto: BMW Motorsport

Ein Bremsklotz namens Vergne

Möglicherweise wäre die Schlussphase anders verlaufen, wenn Felix da Costa zuvor nicht mehrere Runden lang ausgerechnet vom eigenen Teamkollegen aufgehalten worden wäre. Er lag fast das ganze Rennen über hinter Vergne, nachdem sich die beiden Techeetahs von den Startplätzen 10 (Felix da Costa) und 11 (Vergne) mit ihren starken Autos nach vorne gekämpft hatten.

Vergne belegte im zweiten Renndrittel sogar den dritten Platz, nach Runde 28 betrug sein Rückstand auf Spitzenreiter Günther nur 2,2 Sekunden. Doch dann nahm das Drama seinen Lauf. Vergnes linke Vorderradabdeckung war abgeknickt und schleifte an Reifen und Asphalt. Das Teil hatte bereits in der Startphase einen leichten Schlag abbekommen.

Ärger über Vergne: So verhält sich ein Werksfahrer nicht!

Rauchschwaden vom Auto des amtierenden Meisters nebelten Teile der Strecke ein, während er seine Fahrt fortsetzte. Direkt dahinter beschwerte sich Felix da Costa über seinen Bremsklotz-Teamkollegen, der zwischenzeitlich langsamer wurde. "So verhält sich ein Werksfahrer nicht. Sein Auto raucht wie Hölle, aber er fährt nicht aus dem Weg", funkte Felix da Costa ans Team.

Der Ärger war verständlich, schließlich büßte Vergne innerhalb einer Runde (29) 1,8 Sekunden auf Günther ein. Bis der Franzose in Runde 30 schließlich Platz machte, hatte Felix da Costa effektiv 1,3 Sekunden auf den Führenden BMW verloren.

Was der Neuzugang im französischen Werksteam von dieser Aktion hielt, ließ er auf der Presse-Konferenz nach dem Rennen durchblicken. Felix da Costa: "Es war super mit JEV. Ich war glücklich darüber, wie wir zusammen durchs Feld nach vorne gefahren sind. Aber dann... Na ja, das müssen wir intern noch besprechen."

Feierabend: Jean-Eric Vergne fällt in Runde 32 mit Reifenschaden aus - Foto: LAT Images

Der Vergne-Vorfall auf den zweiten Blick

Hätte Vergne angesichts des drohenden Reifenschadens seinen Teamkollegen früher passieren lassen müssen? Immerhin verlor er eine Runde später direkt zwei Sekunden. Rückblickend hätte es Felix da Costa zum Sieg verhelfen können. Vergne hoffte aber bis zuletzt, dass sich die Radabdeckung komplett lösen würde ohne dabei den Reifen zu beschädigen.

Dass die Situation nicht so eindeutig war wie der erste Blick vermuten lassen könnte, zeigt sich bei genauerer Betrachtung. Nach zwei Runden (27, 28) im 1:07er-Bereich machte sich der Schaden an Vergnes Auto erstmals bemerkbar. In Runde 29 fuhr er eine 1:09.695, im darauffolgenden Umlauf ließ er Felix da Costa vorbei und schaffte eine 1:13.083.

In Runde 31 jedoch konnte Vergne wieder zulegen und fuhr eine Zeit von 1:09.450 Minuten! Feierabend war erst im Umlauf danach, als er nach einer weiteren 1:13er-Runde die Techeetah-Box ansteuern musste.

Keine einfache Entscheidung für Vergne, der nach dem schwierigen Saisonauftakt in Saudi-Arabien auf Wiedergutmachung aus war. "Ich bin enttäuscht, das Rennen nicht gewonnen zu haben", sagte er später. "Denn ich war in der Position, es zu schaffen."

Vergnes letzte Runden bis zum Ausfall

Runde Rundenzeit
28 1:07.778
29 1:09.695
30 1:13.083
31 1:09.450
32 1:13.959 (Box)

Felix da Costa und BMW: Komische Situation

Stattdessen feierten am Ende BMW und Shooting-Star Günther, der in seinem erst dritten Rennen für den Autobauer aus München den ersten Sieg erzielte. Durch einen weiteren Sieg und zwei Pole Positions von Teamkollege Alex Sims in Saudi-Arabien, führt BMW die Teamwertung in der Formel E an.

"Eine komische Situation für mich, weil mein ehemaliges Team Rennen gewinnt und Poles holt", schmunzelte Felix da Costa angesichts der Erfolge seines ehemaligen Arbeitgebers. "Trotzdem bin ich sicher, dass mein Wechsel zu 100 Prozent richtig war."


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