Formel E

Formel E: Sammelbecken für gescheiterte Formel-1-Fahrer?

Kritiker verspotten die Formel E als Serie für gescheiterte Formel-1-Existenzen. Kann dieser Vorwurf so simpel sein? Das sagen Wehrlein, de Vries und Co.
von Daniel Geradtz & Robert Seiwert

Motorsport-Magazin.com - Neun ehemalige Formel-1-Piloten werden in der anstehenden Saison 2019/20 in der Formel E antreten und mehr als ein Drittel des 24-köpfigen Starterfeldes ausmachen. Ist die junge Rennserie ein Auffangbecken für Fahrer, die in der Formel 1 gescheitert sind? So betrachten jedenfalls noch immer einige Kritiker die Formel E...

"Das ist eine Beobachtung, die man machen kann", zeigt der frühere F1- und heutige Formel-E-Pilot Jerome D'Ambrosio bei Motorsport-Magazin.com teilweise Verständnis. "Ich kann verstehen, was hinter solchen Aussagen steckt. Und wenn etwa Ferrari mir nach meiner ersten Saison in der Formel E ein Cockpit angeboten hätte, dann hätte ich das natürlich angenommen."

Formel 1 - aber nicht um jeden Preis

Eine deutliche Aussage des Belgiers, der die meisten seiner Formel-E-Mitstreiter wohl zustimmen würden. Ganz so simpel ist es aber doch nicht mit der Formel 1, wie D'Ambrosio ausführt: "Die Formel 1 ist atemberaubend - aber nicht um jeden Preis! Da gibt es vielleicht vier bis sechs Cockpits, die spannend sind. Die anderen sind es nicht. Als Fahrer kannst du dann nicht mit dem Ziel ins Wochenende gehen, das Rennen zu gewinnen."

Während in der Formel 1 seit Jahren nur Mercedes, Ferrari und Red Bull siegfähig sind, ist der Wettbewerb in der Formel E wesentlich ausgeglichener; nicht zuletzt wegen der einheitlichen Chassis und Batterien. Ein Beispiel: In der vergangenen Saison gewannen acht unterschiedliche Fahrer von sieben Teams die ersten acht Rennen. Dem späteren Meister Jean-Eric Vergne (Techeetah) gelang in Monaco als erstem Fahrer der zweite Saisonsieg.

Formel E 2019/20: Das Starterfeld für Saison 6

Team Fahrer 1 Fahrer 2
Audi Daniel Abt Lucas di Grassi
BMW Maximilian Günther Alexander Sims
Mercedes Stoffel Vandoorne Nyck de Vries
Porsche Andre Lotterer Neel Jani
DS Techeetah Jean-Eric Vergne Antonio Felix da Costa
Nissan Sebastien Buemi Oliver Rowland
Jaguar Mitch Evans James Calado
Mahindra Jerome D'Ambrosio Pascal Wehrlein
Venturi Felipe Massa Edoardo Mortara
NIO Oliver Turvey Ma Qing Hua
Virgin Racing Sam Bird Robin Frijns
Dragon Brendon Hartley Nico Müller

Wehrlein: Hat mich nicht befriedigt

Der Reiz, in der Formel E mit so ziemlich jedem Team um Siege und Pole Positions kämpfen zu können, überwiegt inzwischen bei Fahrern, die mit kleineren F1-Teams früher im hinteren Mittelfeld verhungerten. So auch bei Pascal Wehrlein, D'Ambrosios Mahindra-Teamkollegen in der Formel E. Der 25-Jährige errang in 39 Grands Prix mit Platz acht sein bestes Ergebnis.

"Mit dem Auto war das gut, aber es hat mich nicht befriedigt", sagt Wehrlein zu Motorsport-Magazin.com. "Das hat mir nicht die Gefühle gegeben, die mir eine Pole oder ein Podium geben würden. Wenn man ehrlich ist: In den Rennen für Manor oder Sauber bin ich meist unter dem Radar gefahren. Wenn wir ein paar Autos hinter uns lassen konnten, war das schon ein positives Wochenende fürs Team. Für mich aber nicht."

Wehrlein ist als Simulator-Fahrer bei Ferrari weiterhin in der Formel 1 tätig und will eine Rückkehr ins Renncockpit überhaupt nicht ausschließen - aber nicht mehr um jeden Preis: "Ich bin nicht mehr so versteift wie früher auf die Formel 1. Für mich sind Spaß und Zufriedenheit wichtiger als einfach nur in der Formel 1 zu fahren und bei einem Team zu sein, das nicht um den Sieg kämpfen kann."

De Vries: Formel E statt Formel 1

Ein Schicksal, das zahlreiche weitere Fahrer in der Formel 1 teilten, bevor sie ihre Cockpits verloren und sich anderweitig umschauen mussten. Piloten wie Sebastien Buemi, Lucas di Grassi oder Jean-Eric Vergne etwa, die vor wenigen Jahren ihr Glück in der neuen Formel E suchten und nach ihren Titelgewinnen nun die Stars der Serie sind - und von den Herstellern dafür entsprechend entlohnt werden.

Den Vorwurf der abgehalfterten Formel-1-Fahrer in der Formel E widerlegte jüngst Nyck de Vries. Der Niederländer gewann in diesem Jahr die Meisterschaft in der Formel 2, dem natürlichen Sprungbrett in die Königsklasse des Formelsports. Weil er aber in der Formel 1 kein Cockpit fand, schloss sich der 24-Jährige in der Formel E dem Neueinsteiger Mercedes-Benz an. Dies sei laut de Vries in der aktuellen Situation die beste Möglichkeit gewesen.

So sieht es derzeit auch de Vries' Mercedes-Teamkollege Stoffel Vandoorne, der 2016 als hochgehandeltes Talent in die Formel 1 einstieg, nach 41 Rennen für McLaren aber seinen Platz verlor. "Ich denke nicht an die Vergangenheit, die kann ich eh nicht ändern", sagt der Belgier zu Motorsport-Magazin.com. "Was ich ändern kann, ist meine Zukunft. Der Fokus liegt zu 100 Prozent auf der Formel E. Und bei Mercedes sehe ich die besten Chancen, wieder um Siege und Titel zu kämpfen."

Lotterer: Formel E schwierigster Job meiner Karriere

Dass in der Formel E angeblich keine fahrerische Herausforderung bestehe, dagegen wehrt sich Andre Lotterer. "Jeder, der das behauptet, soll sich mal in einen Formel-E-Rennwagen setzen und am Limit fahren", so der dreifache Le-Mans-Sieger zu Motorsport-Magazin.com. "Das ist viel schwieriger, als beispielsweise in Le Mans mit mehr als 330 km/h Topspeed über die Hunaudieres-Gerade zu rasen. Für mich ist das Racing in der Formel E der schwierigste Job in meiner Rennkarriere!"

Dass die Boliden der Formel E mit ihrer Performance nicht ansatzweise an die Leistung eines Formel-1-Rennwagens heranreichen, dürfte kein Geheimnis sein. Und das Gefühl, ein F1-Auto über die Strecke zu steuern, ist einmalig im Motorsport, wie die Fahrer unisono bestätigen.

"Aber in der Formel E hast du ein Auto, das immer das Potenzial hat, um auf Pole zu fahren", sagt D'Ambrosio. "Und die Rennen sind aus strategischer Sicht eine große Herausforderung. Da kannst du als Fahrer einen großen Unterschied ausmachen."


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