Formel E

Formel-E-Analyse: Drama und Kontroversen bei Finale in New York

Meisterschafts-Entscheidungen sparen in der Formel E traditionell nicht an Drama. So auch in New York. Der kontroverse Titel-Thriller um Jean-Eric Vergne.
von Robert Seiwert
Finale in New York: Unsportliches Verhalten vom neuen Champion?: (14:14 Min.)

Seit geraumer Zeit veröffentlicht die Formel E im Nachgang zu einem Rennen die spannendsten Funksprüche der Fahrer und Teams. So auch nach dem Saisonfinale in New York, wo die Kommunikation von Jean-Eric Vergne mit seiner Techeetah-Mannschaft (siehe Ende des Artikels) für große Diskussionen sorgte.

Für seine Forderung nach einer Safety-Car-Phase wurde Vergne nachträglich unsportliches Verhalten vorgeworfen und er mit einem Tag Sozialstunden belegt. Aus FIA-Kreisen weiß Motorsport-Magazin.com, dass "eine Bombe geplatzt wäre", wenn das Team auf die Anweisung reagiert und es tatsächlich zu einem Safety Car gekommen wäre...

Konkret ging es um den Vorfall in der zweiten Runde des Samstags-Rennens. In den engen Kurven 6 und 7 löste ein Kontakt zwischen Sam Bird und Jose Maria Lopez einen regelrechten Stau aus, in den auch die beiden Techeetahs von Vergne und Andre Lotterer verwickelt wurden. Der Deutsche konnte nicht rechtzeitig anhalten und erwischte seinen Teamkollegen am Heck.

"In den Kurven 6 und 7 hat es sich aufgestapelt", erklärte Lotterer bei Motorsport-Magazin.com. "Ich habe versucht, das Auto zu stoppen. In der selben Phase kam Lucas von hinten. Der ist irgendwie auf dem Gas geblieben und hat mich rumgedreht. Ich konnte nichts machen."

Offener Krieg: Techeetah-Protest gegen Audi

Lotterer wurde dabei von Hintermann Lucas di Grassi in Richtung Streckenbegrenzung gedrückt. Aufgrund dieses Vorfalls legte Techeetah nach dem Rennen einen offiziellen Protest gegen Audi ein mit der Begründung, di Grassi habe Lotterer in dieser Situation mehrfach angeschoben.

Der Protest wurde abgelehnt, der gesamte Vorfall als unvermeidbar beurteilt. "Das war ein Kampf, ein offener Krieg zwischen Audi und uns an diesem Wochenende", sagte Vergne später im Interview mit Motorsport-Magazin.com.

Vergne stoppt - Lotterer humpelt

Vergne zog sich durch den Kontakt von Lotterer einen Reifenschaden an der Hinterachse zu und auch sein Frontflügel bekam durch eine Berührung mit HWA-Pilot Gary Paffett etwas ab. Während Lotterer seinen Frontflügel verlor und rücklings vor der Bande parkte, bog Vergne auf P13 liegend nach der zweiten Runde in die Box ab, um Reifen und den Frontflügel wechseln zu lassen.

Im Gegensatz zu Vergne blieb Lotterer zunächst auf der Strecke. Der künftige Porsche-Werkspilot erhielt die Anweisung, dass Vergne zuerst in der Box an der Reihe sei und er nach Möglichkeit noch eine weitere Runde fahren solle. Lotterers Frontflügel hatte sich gelöst und hing unter seinem rechten Vorderrad. Auch die Vorderradabdeckung hatte einigen Schaden genommen.

Formel E: Jean-Eric Vergnes kompletter Funkspruch in New York: (10:42 Min.)

Lotterer verteilt Auto auf der Strecke

Als Lotterer in Runde drei vom Team die Anweisung erhielt, zum Boxenstopp reinzukommen, machte sich der Frontflügel selbstständig und blieb auf der Strecke liegen. Auch die Radabdeckung fiel halb von seinem Techeetah-Rennwagen ab. Mit diesen beiden Teilen und der Radabdeckung von Lopez' Dragon-Boliden lagen ab der dritten Runde drei große Teile quer über die Strecke verteilt.

Da sich die Radabdeckung bei Lotterer hinter dem rechten Vorderrad verhedderte, verlor er während der vierten Runde die Kontrolle über das Auto und schlug ein weiteres Mal leicht in die Bande ein. Ohne den Frontflügel bohrte sich die Nasenspitze seines Techeetah in die Streckenbegrenzung rein und hinderte ihn zunächst an der Weiterfahrt.

Vergne teilte zunächst am Teamfunk in Richtung von Renndirektor Scot Elkins mit, dass sich überall auf der Strecke Karbon-Teile befänden und nachdem er die Unfallstelle seines Teamkollegen passiert hatte, folgten die inzwischen berüchtigten Forderungen nach einer Safety-Car-Phase. Zu diesem Zeitpunkt belegte Vergne den 19. Platz.

Der ominöse Funkspruch

Vergnes Funkspruch: "Sagt Andre, er soll auf der Strecke anhalten. Sagt Andre, er soll auf der Strecke anhalten. Wenn er nicht weiterfahren kann, sagt ihm, dass er auf der Strecke anhalten soll, um das Safety Car zu bringen. Jungs, habt ihr mich gehört?"

Sein Renningenieur bestätigte, doch die geforderte Team-Ansage an Lotterer fand nicht statt. "Wenn das Auto kaputt und er eine Runde zurück ist und es keine Punkte zu holen gibt, hätte jeder Fahrer in meiner Situation gesagt: Stoppe das Auto", sagte Vergne im Interview mit Motorsport-Magazin.com. "Ich habe nicht danach gefragt, dass er einen Unfall bauen soll. Nichts in der Art. Ich bin ja nicht dumm. Ich habe nach gar nichts verlangt. Was soll daran so falsch sein?"

Nachdem Vergne vorbei war, konnte sich Lotterer aus der Bande befreien und in die Boxengasse humpeln. Der gesamte Vorfall kostete ihn fast zwei zusätzliche Minuten, wodurch er mit einer Runde Rückstand auf das Feld das Rennen nach dem Stopp wieder aufnahm.

Nicht endend wollendes Drama

Bis zur letzten Runde hatte sich Vergne auf den zehnten Platz zurückgekämpft und zu diesem Zeitpunkt auch den Extra-Punkt für die schnellste Rennrunde inne. Doch das Drama wollte an diesem Samstag einfach nicht aufhören. In Kurve 1 griff der spätere Meister seinen Vordermann Felipe Massa an, wobei es zu einer Kollision kam.

Und zur nächsten Massen-Karambolage: Mit Jose Maria Lopez (schon wieder), Lotterer (ebenfalls erneut), Paffett (siehe weiter vorne), Stoffel Vandoorne und Oliver Rowland waren fünf weitere Autos involviert. Fast schon verrückt, dass Lotterer dabei erneut Vergne erwischte. "War auf jeden Fall keine Absicht", sagte der 37-Jährige.

Vergne überquerte die Ziellinie wenige Sekunden später ohne Frontflügel und Punkte auf dem 15. Platz. Die erfolgreiche Titelverteidigung - die erste in der fünfjährigen Geschichte der Formel E - musste auf das Sonntags-Rennen im Hafengelände von Brooklyn verschoben werden.

Was Vergne dazu bewegte, in der letzten Runde derart beherzt zur Sache zu gehen, erklärte er Motorsport-Magazin.com: "In der letzten Runde sagte mein Ingenieur: 'Wenn du Massa überholst, bist du Meister'. Also habe ich es versucht. Aber die Räder blockierten, er ist ein bisschen in mich rein, es kam zur Berührung in Kurve eins. Ich fuhr weit und als ich zurückkam, hat er mir keinen Platz gelassen."

Formel E: Unfälle, Crashes, Dramen beim Finale in New York: (04:15 Min.)

Vergne, Lotterer, Techeetah: Funkverkehr nach dem Unfall

Andre Lotterer: Lucas oder jemand anders hat mich komplett rumgedreht. Mein Flügel ist fucked.

Team: Wenn du noch eine Runde draußen bleiben kannst, bleib draußen. Jev ist als Erster in der Box.

Andre Lotterer: Der fucking Flügel ist unter meinem Auto.

Team: Okay, dann stopp, stopp, stopp, stopp, stopp!

Andre Lotterer: Okay, er ist weg.

Team: Okay, dann fahr weiter und bleib auf der Strecke. Bleib auf der Strecke.

Jean-Eric Vergne: Ich muss stoppen. Ich habe ein Problem. What the Fuck ist gerade passiert? Im Ernst?! Was zur Hölle ist das für ein Racing? Was zur Hölle hat Andre gemacht? Er hat mich getroffen! Überall auf der Strecke liegen Teile herum. Sie müssen die Strecke säubern. Überall liegen Flügel herum.

Jean-Eric Vergne: Das ist eine Nachricht an den Renndirektor: Überall liegt Karbon auf der Strecke rum.

Team: Okay, Andre. Wir müssen stoppen und in die Box. Die FIA zwingt uns zu einem Frontflügel-Wechsel an die Box.

Jean-Eric Vergne: Sagt Andre, er soll auf der Strecke anhalten. Sagt Andre, er soll auf der Strecke anhalten. Wenn er nicht weiterfahren kann, sagt ihm, dass er auf der Strecke anhalten soll, um das Safety Car zu bringen. Jungs, habt ihr mich gehört?

Team: Ja, wir haben dich gehört.

Andre Lotterer: Wer auch immer hinter mir war, hat Vollgas gegeben und mich komplett rumgedreht. Er hat nicht mal... versucht...

Team: Das war di Grassi.

Jean-Eric Vergne: Also, was passiert jetzt? Überall auf der Strecke ist Karbon.

Andre Lotterer: Ja, auf jedem Teil der Strecke. Das ist gefährlich.

Team: Verstanden, wir teilen es der Rennleitung mit.


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