Hans, war dieses Rennen der Beweis dafür, dass in der Formel 1 eben doch nicht alles planbar ist?
Hans Joachim Stuck: Mit Sicherheit. Letztlich war es genau das, was wir uns alle gewünscht haben: Ein direkter Zweikampf zwischen Alonso und Schumacher am absoluten Limit. Das war einfach schön anzuschauen.

Wo hat Schumacher das Rennen verloren?
Hans Joachim Stuck: Da gibt es für mich zwei Punkte. Zum einen war es für mich unverständlich, warum man beim ersten Boxenstopp nicht Schumacher vor Massa reingeholt hat. In der Formel 1 kann man schließlich nicht wie in anderen Rennserien beide Fahrer auf einmal abfertigen. Zum anderen war da Schumachers Fahrfehler in Kurve 8. Er hat am Limit einen kleinen Fehler gemacht, wollte zurückfahren, kam aber auf die Wiese und musste wieder nach rechts ausweichen. Dort hat er noch einmal 4,7 Sekunden liegen lassen.

Ohne seinen Fehler gestern wäre es vielleicht gar nicht dazu gekommen...
Hans Joachim Stuck: Auch so hätte man es regeln können, aber mit dem Fehler heute nicht.

Könnte es sein, dass Ferrari ein bisschen zu arrogant war und glaubte, dass es nicht so wichtig sei, ob Schumacher vor oder hinter Massa liegt, da er Alonso so oder so überholen würde?
Hans Joachim Stuck: Du sprichst mir aus dem Mund: Das habe ich vorhin während des Rennens auch schon gesagt. Die waren sich so sicher, dass sie gewinnen würden, dass sie diese Variante gar nicht probierten.

Für Michaels WM-Hoffnungen war das natürlich ein bitterer Rückschlag.
Hans Joachim Stuck: Das ist richtig. Massas Sieg ist ein schöner Erfolg für ihn und toll für Ferrari, aber ihre Zielsetzung haben sie nicht erfüllt.

Zwischen den Titelrivalen ging es eng zu., Foto: Sutton
Zwischen den Titelrivalen ging es eng zu., Foto: Sutton

Hat es Dich andererseits überrascht, wie stark Alonso und Renault im Rennen waren?
Hans Joachim Stuck: Ich habe es mir angesichts der Sektorenzeiten schon gedacht. Auch ihre Aussagen haben darauf hingedeutet. Das hat sich heute bestätigt: Alonso war voll bei der Musik - trotz des Verbots des Masse-Dämpfers. Dieser hat meiner Meinung nach hier sowieso keine so große Rolle gespielt, wie er sie in 14 Tagen in Monza spielen würde. Trotzdem hat sich Renault aus dem Tief herausgezogen und kämpft jetzt wieder um den Titel.

In einem Vergleich der beiden WM-Kandidaten hat Fernando an diesem Wochenende den besseren Job gemacht...
Hans Joachim Stuck: Ja, aber Michael Schumacher hat für mich auch einen super Job gemacht. Beide sind hart gefahren, da ist es normal, dass einer mal einen kleinen Fehler macht. Alonso ist fünf Runden vor Schluss auch einmal ein Verbremser unterlaufen und schon war Michael dran. Allerdings war das kein entscheidender Fehler. Motorsport ist eben keine Kaffeefahrt - alle sind am Limit und da es Menschen und keine Computer sind, gibt es eben Fehler.

Bei BMW Sauber sah es nach dem Qualifying so toll aus, aber dann...
Hans Joachim Stuck: Bei Heidfeld war es Pech, dass er mit Ralf Schumacher kollidiert ist. Kubica hat mir noch vor dem Rennen gesagt, dass er das gesamte Wochenende schon Probleme mit der Abstimmung hatte - das Auto hatte einmal Übersteuern, dann mal Untersteuern. Hinzukam eine verkehrte Reifenwahl, da ging einfach nichts. Aber BMW hat schon so viel erreicht, was man gar nicht eingeplant hatte, da ist so ein Wochenende auch einmal okay. Es können nicht immer alle Bäume in den Himmel wachsen.

Noch ein Wort zu Sebastian Vettel. Du warst ja noch skeptisch, ob er schon so weit ist, diese Rolle auszufüllen.
Hans Joachim Stuck: Das ist richtig, aber Mario Theissen hat sowohl mit Kubica als auch mit Vettel zwei Joker gezogen. Sebastian ist mit Kart, Formel BMW und Formel 3 durch die härtesten Schulen des Rennsports gegangen. Wer das kann, kann auch Formel 1 fahren. Er war für mich der Held des Wochenendes. Als jüngster Fahrer eines Freitagstrainings muss man erst einmal Bestzeit fahren. Aber nicht nur das: Er ist auch neben der Strecke ein perfekter Interviewpartner, kommt eloquent rüber und macht gute Aussagen.

Zuletzt hast Du bei Deinem WM-Tipp eher in Richtung Schumacher tendiert. Hat sich das hier geändert?
Hans Joachim Stuck: Ich bleibe dabei, ich falle nicht so leicht um.