Eins muss ich Madrid lassen. Dieses Wochenende hat so viele absurde Dinge produziert, dass ich mich am Montag jetzt hinsetze und diesen Kommentar schreibe. Wenn nur das Rennen schlecht gewesen wäre, gut, darauf konnten wir uns einstellen, seit wir vor eineinhalb Jahren die Streckenkarte gesehen haben. Das wäre witzlos gewesen. Aber Madrid mutierte für die Formel 1 auch noch zum Slapstick-Wochenende.

Mein Kollege Christian Menath war wie üblich vor Ort, und schickte schon am Donnerstag wenig aufreizende Bilder von grau-weißen gigantischen Messehallen. Noch nie so wenig F1-Flair wie hier. Wie eine überdimensionierte Formel-E-Veranstaltung. Dafür durfte er wenige Stunden später den ersten Pressekonferenzen in einem nicht klimatisierten Raum beiwohnen, bei gefühlt 35 Grad. "Ich werden sicherstellen, dass dieser Raum nächstes Jahr eine bessere Klima hat", machte sich Event-Botschafter Carlos Sainz direkt eine Notiz.

Christians Aussicht im Messezentrum von Madrid
Taubenkot am Arbeitsplatz, Foto: Motorsport-Magazin.com
Der Übeltäter des dreckigen Journalistentischs in Madrid
Der Übeltäter im Gebälk, Foto: Motorsport-Magazin.com

Am Freitag fand eine Taube ihren Weg in die riesige Halle, in der die Medienvertreter untergebracht waren. Aus dem Dachgebälk sorgte sie zwischen den Trainings für mäßig gute Laune, weil zugleich für viel Vogelkot auf den Tischen unterhalb.

Dann hätten wir vielleicht auch nicht auf die Event-Facts rund um die Strecke schauen sollen. Irgendwer hatte dort die Streckenlänge mit 5,474 Kilometer falsch aufgedruckt, tatsächlich ist der Kurs 5,414 Kilometer lang. Das bedeutete auch eine Fehlkalkulation bei der darunter stehenden Renndistanz. Nein, es sind keine 312 Kilometer, es waren 308.

Fehlerhafte Angaben auf Madrid-Promo-Material
Fehlerhaftes Promo-Material an der Strecke, Foto: Motorsport-Magazin.com

Und sie konnten einfach nicht aufhören, sich zu blamieren. Die Formel 1 half am Sonntag nach. Stolz präsentierte man vor dem Start die übliche "Letzte Sieger"-Grafik, schließlich fuhr die Formel 1 in der Vergangenheit auch schon auf Madrids permanenter Rennstrecke im nahen Jarama. Hunt-Andretti-Andretti-Laffite-Laffite sind aber nicht die letzten Sieger dort. Das sind die letzten Polesitter. Die Sieger sind Hunt-Andretti-Andretti-Depailler-Villeneuve.

Diese Formel-1-Strecke ist ein Desaster: Alle wussten es, niemand tut was

Vielleicht wäre ein Rennen in Jarama besser gewesen. Jetzt ist es unvermeidlich Zeit, um über die Strecke selbst zu sprechen. Sich mit der tollen Steilkurve aus der Nummer rauszureden, dass man eine Streckenführung jenseits von Gut und Böse kreiert hat, zieht nicht. Jeder, der ansatzweise was von Motorsport versteht, wusste vom Tag der Ankündigung, wusste von jenem Moment, als sie die Streckenkarte ausschickten, dass das ein Desaster wird.

Es gibt zwei ansatzweise lange Geraden. Überholen kann man dort natürlich nicht. Weil die Schikane nach der ersten Geraden viel zu eng ist. Und nach der zweiten ist nicht nur eine zu enge Schikane, die Bremszone ist auch noch in einer Kurve. Also ob die Streckendesigner sich das IFEMA-Messezentrum angesehen haben und dachten: So, wie bauen wir hier eine Strecke, auf der man GARANTIERT nicht überholen kann?

Gut, die Realität war: Wie bringen wir eine F1-taugliche Strecke zwischen einem Haufen Kreisverkehren, Autobahnknoten, Messehallen und dem Real-Madrid-Trainingszentrum unter? In Singapur und Monaco mildert spektakuläres Flair die Langeweile ab. In Madrid bekamen wir höchstens mal Helikopter-Shots vom gefühlt hunderte Kilometer entfernten Stadtzentrum. Aus Nahaufnahmen war das Event von vorn bis hinten ein Desaster.

Um Lando Norris zu zitieren, der am Sonntag diesbezüglich äußerst miese Laune hatte, nachdem er trotz viel besserer Pace rundenlang hinter Max Verstappen feststeckte: "Es braucht einfach mehr Geraden rein in Haarnadeln. Ich weiß nicht, wie jemand auf dieses Design schaut und sich denkt: Top!" Norris hat absolut recht. Dass niemand das Offensichtliche erkannte und an irgendeinem Punkt einen Versuch unternahm, die Streckenführung zu verbessern, ist ein Armutszeugnis für Veranstalter und Formel 1.

Pokalschaden & Cola-Streit im Cooldown-Raum komplettieren die F1-Comedy

Vielleicht war Norris aber auch erst recht sauer, weil der Slapstick weiterging. Geschlaucht von einem langen Rennen auf einem körperlich anstrengenden Stadtkurs bei hohen Temperaturen wollte er sich im Cooldown-Raum erst einmal eine Dose Cola gönnen. Das stieß jemandem hinter der Kamera - Coca-Cola ist kein offizieller Sponsor - sauer auf. Aber einem gerade um einen Sieg gebrachten Weltmeister zu sagen, er soll sein Getränk nach einem 90-minütigen Grand Prix gefälligst aus kommerziellen Gründen wegstellen, ist gewagt.

"Ich habe gerade ein Rennen gefahren, da darf ich trinken, was ich will, danke vielmals", konterte Norris. Coca-Cola wird sich über dieses unerwartete Guerilla-Marketing erst recht zu Tode lachen. Und die Bildregie wird sich darüber freuen, dass sie zwei Sekunden, nachdem Mercedes-Vertreter David Lamb auf dem Podium den Pokal für den besten Konstrukteur übergeben bekam, zu Team-Reaktionen schnitt.

Denn kaum hatten sie weggeschnitten, gab Lambs Pokal den Geist auf. Der schwarze Standfuß löste sich. Zum Glück war er nur aufgesteckt. Lamb hob das Teil unter den amüsierten Blicken von Max Verstappen und Kimi Antonelli auf und steckte es wieder an. Als Verstappen kurz darauf seinen Pokal übernahm, hielt er das Unterteil sehr sorgfältig fest, während er jubelte.

Ich hoffe also, dass alle aus diesem Wochenende ein paar Dinge lernen. Tauben-Abwehr, bessere Klimaanlagen, verschraubte Pokale oder gegengecheckte Grafiken sollten keine große Aufgabe sein. Und wenn sie es endlich einsehen, dass die Strecke ein sportliches No-Go ist, dann wird sich auch niemand mehr über diesen Kleinkram amüsieren und das ganze Event als Billig-Aktion abkanzeln.