Marco Bezzecchis Misano-Drama hätte kein Drehbuchautor schlimmer schreiben können. Im MotoGP-Rennen am Sonntag konnte er nach zuletzt einigen verpatzten Starts endlich Marc Marquez hinter sich halten. Nur um seine Aprilia dann schon in der ersten Runde im Kiesbett zu versenken. Mit der Chance auf die erneute WM-Führung. Bei seinem Heimrennen. Direkt vor seinem Fanklub, der sich in voller Stärke nur wenige Meter entfernt in Kurve 13 platziert hatte.
Marco Bezzecchis Schmerzen sind dieses Mal nicht körperlich
Körperlich fehlte Bezzecchi nach dem Crash nichts. Wie brutal dieser Schlag für ihn mental war, zeigten aber die anschließenden Bilder aus der Aprilia-Box. Minutenlang saß 'Bezz' dort beinahe apathisch auf seinem Stuhl. Keine Reaktion, keine Gespräche mit seiner Crew. Ein krasser Gegensatz zum sonst oft so hibbeligen Bezzecchi, der sich mit seinem Sturmlauf in die Garage vor jedem Rennstart diesbezüglich bereits ein eigenes Markenzeichen zugelegt hat.
In diesen Minuten nach dem Sturz wurde Bezzecchi die volle Tragweite seines Fehlers klar. Es war ein unnötiger Patzer in dieser so frühen Phase des Rennens. Einer, vor dem ihm Team-Manager Paolo Bonora noch gewarnt hatte. "Wir haben unseren Fahrern gesagt, dass die Anfangsphase kritisch wird. Sie sollen auf keinen Fall zu sehr attackieren und es übertreiben", verriet Bonora wenige Minuten vor dem Start.
Marco Bezzecchi ignoriert Aprilia-Rat
Wieso aber hielt sich Bezzecchi nicht an den Rat seines Vorgesetzten? Vor gut einem Monat in Silverstone lieferte er ein beeindruckendes Rennwochenende ab. Von starken Schmerzen nach seiner Knie- und Schlüsselbeinverletzung am Sachsenring geplagt raste er dort in Sprint und Grand Prix jeweils zu Platz drei. Es sei das Holz, aus dem MotoGP-Champions geschnitzt sind, attestierte ich ihm damals. Eine Einschätzung, die ich teilweise revidieren muss.

Wozu ich stehe, ist Bezzecchis herausragende Resilienz. Wie er in Silverstone und zuletzt auch in Aragon auf die Zähne gebissen hat, war großartig. Auch einen erfolgreichen Reifeprozess in diesem MotoGP-Jahr möchte ich ihm nicht absprechen. Nach der Krise gegen Ende der ersten Saisonhälfte kam ein neuer Marco Bezzecchi aus der Sommerpause zurück: Er wirkte aufgeräumter, ernsthafter, erwachsener.
Marco Bezzecchi und die Sache mit dem Druck
Es scheint aber so, als hätten die Rahmenbedingungen eine verbliebene Schwäche kaschiert. Nach den Rückschlägen von Brünn, Assen und dem Sachsenring erwartete niemand etwas vom körperlich gezeichneten Bezzecchi. Und genau in solchen Situationen versteht er es, zu glänzen. Ein befreiter Bezzecchi ist ein schneller Bezzecchi: Das galt in seinen ersten beiden MotoGP-Jahren im vertrauten Team von VR46, wo er ohne Erwartungen zu Rennsiegen und WM-Platz drei raste. Das galt im Vorjahr, als zunächst alle Augen bei Aprilia auf den damals amtierenden Weltmeister Jorge Martin gerichtet waren und Bezzecchi auch im weiteren Saisonverlauf ohne einen Gedanken an die Weltmeisterschaft performen konnte. In dieser Situation fand er sich auch zu Saisonbeginn 2026 wieder und gewann prompt die ersten drei Rennen.
Weitere Siege und Spitzenplatzierungen folgten. Es ist kein Zufall, dass die Formkurve just zu jenem Zeitpunkt rapide abfällt, als Marc Marquez in der MotoGP-Saison 2026 nach erfolgreicher Schulteroperation auf Touren kommt. Mit dem Grand-Prix-Sieg in Brünn und zwei perfekten Wochenenden im Balaton Park sowie am Sachsenring. Nach der Sommerpause konnte Bezzecchi vier dritte Plätze in Silverstone und Aragon als Erfolg für sich werten. In Misano kehrte der Druck auf ihn aber wieder mit voller Last zurück: Heimrennen. Eine Strecke, auf der er schon im Vorjahr gut performt hatte. Die perfekte Möglichkeit also, dem in der WM heranstürmenden Marc Marquez einen ordentlichen Dämpfer zu verpassen.
Marc Marquez: Der Anti-Bezzecchi
Doch genau das Gegenteil passierte: Wie so oft genoss Marquez den Auftritt im Feindesland, heimste mit einer strategischen Meisterleistung über das gesamte Wochenende das Punktemaximum von 37 Zählern und damit auch die erstmalige Führung in der MotoGP-Fahrerwertung 2026 ein. Und genau hier liegt aktuell der Unterschied zwischen Marc Marquez und Marco Bezzecchi: Während Marquez unter Druck zur Bestform aufläuft, wirkt Bezzecchi in solchen Situationen zu emotional. Es fehlt ihm am oft zitierten Killerinstinkt.
Für den Kampf um den MotoGP-Titel 2026 bringt ihn das in eine schlechte Position. Es soll aber keinesfalls der Sargnagel für seine Karriere sein. Viele große Sportsmänner mussten sich in Phasen ihrer Karriere den Vorwurf gefallen lassen, in den entscheidenden Momenten nicht abzuliefern. In der Formel 1 galt Lando Norris lange als Inbegriff des extrem schnellen, aber wankelmütigen Fahrers. Er ist nun amtierender Champion. Lionel Messi musste 35 Jahre alt werden, ehe er mit Argentinien den Fußball-WM-Pokal in die Höhe strecken konnte. Und Deutschlands Tennis-Ass Alexander Zverev schien es nie zu einem Grand-Slam-Titel bringen. Am Sonntagabend entschied er nur zwei Monate nach seinem Triumph bei den French Open auch die US Open für sich.
2026 ist für Marco Bezzecchi definitiv ein Lehrjahr in seiner Karriere. Die Mission WM-Titel ist noch nicht gescheitert, am Sonntag in Misano aber deutlich schwieriger geworden. Auch wenn Bezzecchi in diesem Jahr leer ausgeht: Die Erfahrung, sich mit der mentalen MotoGP-Maschine Marc Marquez zu messen, kann seine Fähigkeiten zukünftig auf ein neues Niveau heben.



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