DTM / Hintergrund

Eine Karriere in Schlangenlinien - Christian Abt im Porträt

Mit Christian Abt verliert die DTM einen ihrer größten wie umstrittensten Charakterköpfe.
von Wolfgang André Schmitz

Motorsport-Magazin.com - Der Rücktritt Christian Abts trifft die DTM wie aus heiterem Himmel: Zur Überraschung geht der DTM einer ihrer Charakterköpfe unwiederbringlich verloren - und doch erscheint es zugleich plausibel, dass der heißblütige Bayer ausgerechnet in seinem "Wohnzimmer", dem Norisring, einen Schlussstrich unter seine DTM-Karriere zieht. Mit seinen mittlerweile 40 Jahren ist Abt nicht nur der zweitälteste DTM-Pilot im Feld - es fehlen auch die Perspektiven. Seine Top-Qualitäten im Jahreswagen sind seit 2005 bekannt, ein Aufstieg in den Neuwagen ist dennoch ungefähr so realistisch wie ein Wechsel zu Mercedes. Christian Abt blickt auf eine rund 20-jährige Rennkarriere mit allen Höhen und Tiefen zurück - eine Karriere in Schlangenlinien...

Der Instinktmensch

Unkonventionell wie Abt selbst gestaltete sich sein Weg in den Automobilrennsport. Als Motocross-Pilot feierte Christian Abt in den 80er-Jahren regionale Meisterschaftstitel auf zwei Rädern, bevor er erst 1990 auf vier Räder umsattelte. Seine Formelkarriere reichte bis in die deutsche Formel 3, wo er zwar auf Anhieb einen beachtlichen sechsten Meisterschaftsrang einfuhr, dann jedoch keine weiteren Steigerungen erzielen konnte. Christian Abt näherte sich mehr und mehr der Familientradition des Hauses Abt, die seit Jahrzehnten für die sportliche Veredelung von Audi- und VW-Serienmodellen steht - und wechselte 1996 schließlich in die seriennahen Tourenwagen der STW.

Im Team seines Bruders leistete Christian Abt harte Aufbauarbeit - Foto: Audi

Mit dem Gewinn der STW-Meisterschaft 1999 im Audi A4 quattro sorgte Abt für eines seiner Karrierehighlights - und polarisierte Fans und Fahrerkollegen schon damals. Christian Abts Temperament äußerte sich in STW wie DTM ebenso in fahrerischen Geniestreichen wie in grenzwertigen Manövern, die ihm wie seinen Kollegen gelegentlich einigen Teileverlust bescherten. Insbesondere in Mercedes-Reihen machte sich Abt mit seinen teils umstrittenen "Schlangenlinien" auf dem Asphalt nicht immer Freunde - und sah sich zu Unrecht dem Ruf des Rowdys ausgesetzt:

"Ich weiß nur, dass ich in den letzten drei Jahren keinen einzigen auf der Rennstrecke umgedreht habe oder jemandem so ins Auto gefahren bin, dass er nicht mehr weiter fahren konnte", kommentierte Abt in Zandvoort 2006 als Opfer eines misslungenen Überholversuchs von Mika Häkkinen. Es war eine der selbstbewussten Aussagen, um die Christian Abt all die Jahre nicht verlegen war...

Vom Entwicklungshelfer zum Königsmacher

Nach dem STW-Titel 1999 begann für Christian Abt mit dem DTM-Einstieg des Teams von Bruder Hans-Jürgen die harte Zeit der Aufbauarbeit: Ebenso wie seine Teamkollegen wurde Abt im Jahr 2000 noch belächelt, als die gelben TT-R der bayrischen Privatiers allzu deutlich das Schlusslicht markierten. Mit einem ersten DTM-Punkt in Zandvoort begann der Aufwärtstrend eher verhalten - 2001 erntete Christian Abt erste Früchte seiner Aufbauarbeit: Erneut in Zandvoort führte der Kemptener das Rennen bis zur letzten Runde an, bevor ein harter Kampf der beiden Hitzköpfe Abt und Uwe Alzen zu Ungunsten des Audi-Piloten endeten. Nie mehr in seiner DTM-Karriere kam Christian Abt einem Sieg so nahe wie damals - und nie mehr war er über einen zweiten Platz so enttäuscht...

2005 stellte Christian Abt seine fahrerischen Qualitäten unter Beweis - Foto: DTM

So hatte sich bereits 2001 Teamkollege Laurent Aiello als fahrerische Speerspitze der Abt-Audi-Truppe durchgesetzt, bevor der Franzose 2002 die Titelqualitäten des dritten TT-R souverän umsetzte. Mit zwei zweiten Plätzen und konstant guten Leistungen insbesondere während der ersten Saisonhälfte feierte Abt dennoch seine erfolgreichste DTM-Saison - und avancierte im Team seines Bruders zum "Königsmacher". 2003 konnte Christian Abt ebenso wenig wie sein Team an die Vorjahresperformance anknüpfen, die Abwärtsspirale drehte sich. Mit der Saison 2004, als Christian Abt im nun werksseitig konstruierten Meisterfahrzeug Audi A4 DTM lediglich einen Punkt sammelte, war das Ende als Neuwagenpilot besiegelt.

Der zweite Frühling

Die DTM-Karriere Christian Abts hatte einen Tiefpunkt erreicht - um sogleich im Audi-Jahreswagen des Joest-Teams ungeahnte Höhen zu erreichen. Gleich zum Debütrennen 2005 düpierte Abt in Hockenheim auf Rang vier das versammelte Audi-Neuwagenquartett, in seinem Nürnberger Wohnzimmer sorgte Abt mit dem ersten Podestplatz eines Jahreswagens für eine Sensation. Der Routinier hatte verlorene Reputation als mit Abstand bester Pilot eines 2004er-Boliden zurückgewonnen - und sah sich bereits auf dem Weg zurück ins Team seines Bruders. Ein Traum, den Abt auch Ende 2006 noch nicht aufgeben wollte:

"Ich wüsste nicht, wer im Audi-Lager viel näher an diesem Ziel ist, als ich. Ich wäre enttäuscht, wenn die Rückkehr in einen Neuwagen auch 2007 nicht gelingen sollte, aber davon gehe ich momentan nicht aus", zeigte sich Abt nach einer guten, jedoch nicht überragenden Saison im Team Phoenix gewohnt selbstbewusst. Und auch, wenn sich die Hoffnungen nicht erfüllten - mit Blick auf Christian Abts lange Karriere darf wohl bestätigt werden: "Das Jahr 2004, das mir damals das Genick gebrochen hat, kann man wohl mittlerweile wieder vergessen..."


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