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DTM / Analyse

Platzangst in Hockenheim - Der 1. Saisonlauf in der Analyse

Zum ersten Saisonlauf in Hockenheim ging es für Piloten und Teams in vielerlei Hinsicht eng zu...
von Wolfgang André Schmitz

Angst

Das ausgefeilte Sicherheitskonzept des Technischen Reglements, weit gehend moderne Strecken mit aktuellen Sicherheitsstandards, mental reife Piloten, die den Übermut längst in Nachwuchsklassen abgelegt haben: Die DTM-Welt strotzt vor Sicherheit - doch die ist im Motorsport seit jeher trügerisch. Ein schwerer Startunfall zwischen Susie Stoddart, Alexandre Prémat und Tom Kristensen, der nach einem Dreher in Nebelschwaden aus Reifenrauch von beiden ersteren getroffen wurde, hatte beängstigende Minuten der Ungewissheit insbesondere um Kristensen und Prémat zur Folge, die aufwändig aus ihren Audi-Boliden geborgen werden musste.

Kristensen und Prémat blieb die Fahrt ins Krankenhaus nicht erspart - Foto: Sutton

"Ich stieg aus, sprach mit Alexandre Prémat und schaltete seinen Motor aus, der noch immer lief", erlebte der ebenfalls beteiligte Adam Carroll die Minuten des Rennabbruchs aus nächster Nähe. Neben Stoddart blieb auch Kristensen unverletzt, Phoenix-Debütant Prémat traf es jedoch härter: Von seinem Lendenwirbelanbruch wird der Franzose zwar glücklicherweise vollständig genesen, eine Rennpause ist jedoch unumgänglich. Während Prémat noch aufwändige ärztliche Untersuchungen bevorstanden, hatte das auf 16 Fahrzeuge dezimierte Feld nach knapp 30 Minuten Pause bereits seinen Restart absolviert - es folgte ein auf 40 Minuten verkürztes Rennen, das es allerdings in sich hatte...

Stuttgarter Angst um die Stammplätze

Der Pole Position Bruno Spenglers zum Trotz hatte Mercedes schon angesichts der geschlossenen Mannschaftsleistung der vier Abt-Audi-Piloten im Qualifying um ihren seit Oktober 2002 belegten Stammplatz auf der obersten Stufe des Hockenheimer Podests zittern müssen. Am Ende blieb Mercedes der zehnte Hockenheim-Sieg in Folge tatsächlich verwehrt. "Wir werden jetzt noch härter arbeiten, um ab Rennen Nummer zwei in Oschersleben stets mit mehreren Autos ganz vorne dabei zu sein", kündigte Mercedes-Sportchef Norbert Haug bereits als Konsequenz an.

Mercedes ließ in Hockenheim die alte Souveränität vermissen - Foto: DTM

Als repräsentativ für das Kräfteverhältnis empfand Haug den ersten Saisonlauf in Hockenheim dennoch nicht: "Das heutige Rennen wurde stark von den Strategien geprägt." Und nachdem der Mercedes-Kommandostand in der Vergangenheit auch in Hockenheim mit oft brillanten Strategien aufwartete, mussten sich die Stuttgarter gestern auch in dieser Hinsicht geschlagen geben. Mit der Strategie zweier extrem früher Stopps überraschte Audi die Konkurrenz - und führte Mattias Ekström zum Sieg. "Das Auto war sehr gut, abgesehen von einem Tick Untersteuern, durch das ich hinter anderen Autos ein wenig Abtrieb verloren habe. Also bin ich früh zum ersten Boxenstopp gekommen, um frei fahren zu können", berichtete der Schwede offen über die eher holprigen Ursprünge seiner Renntaktik...

Platzangst in den Neuwagen

Als rollende Schikanen waren die Jahreswagen noch 2004 geschmäht worden, 2005 sorgte Christian Abt im Audi-Jahreswagen für erste Glanzlichter, im vergangenen Jahr präsentierten sich bereits mehrere Jahreswagenfahrer als regelmäßige Punkteanwärter. Nun fürchten die Neuwagen um die angestammten Plätze in den Positionslisten: Nur vier der acht Punkteränge wurden von Fahrzeugen des Jahrgangs 2007 belegt, selten gelang es Fahrern älterer Boliden so mühelos, über die gesamte Renndistanz mit den Neuwagenpiloten mitzuhalten.

Lediglich die Audi-Jahreswagen enttäuschten - Foto: Audi

Um das Marketing der neuen Serienpendants der DTM-Boliden fürchtend, waren bereits das Basisgewicht der Gebrauchtwagen auf 1.040 Kilogramm angehoben und Zusatzgewichte auch für ältere Jahrgänge eingeführt worden. Dass eine hervorragende Lenkradartistik, wie sie der fünftplatzierte Paul Di Resta an den Tag legte, bereits ausreichte, um die Jahrgangshierarchie durcheinanderzuwirbeln, wurde schon gestern offensichtlich. "Das Gewichtsreglement funktioniert - vielleicht sogar zu gut...", hatte Mattias Ekström bereits am Samstag erkannt.

Platzangst auf dem Podium

Ein dritter Platz für Mercedes - doch sowohl Bruno Spengler als auch Daniel La Rosa erheben Anspruch. Hatte der Kanadier in Reihen des HWA-Quartetts zunächst über das gesamte Wochenende eine dominante Vorstellung gezeigt, so musste er am Ende dennoch mit dem Schicksal hadern: "Während der letzten sechs Runde ist die Servo-Unterstützung der Lenkung ausgefallen, daher machte ich einen Fehler", umschreibt der zu diesem Zeitpunkt noch auf Platz zwei liegende Spengler eine Kollision mit Timo Scheider, die den Audi-Piloten den sicheren Podestplatz kostete.

Daniel La Rosa fuhr den ersten Podestplatz seiner Karriere ein - Foto: DTM

Zwar rettete sich Spengler auf Rang drei und konnte so die Podestzemeremonie besuchen - wenig später folgte mit 50 Sekunden Zeitstrafe sowie Platz 14 jedoch die für ihn fatale Entscheidung der Rennleitung, die den viertplatzierten La Rosa auf Rang drei vorrücken ließ. "Ich war und bin ein fairer Fahrer und nicht bekannt dafür, Konkurrenten anzurempeln. Deshalb tut es doppelt weh - eine sehr, sehr harte Strafe", trauert der Kanadier vergebenen sechs Punkten hinterher. Zwar legte HWA mit nur bedingt guten Aussichten Berufung ein - Schwesterteam Mücke und seinem Piloten La Rosa wird man so jedoch kaum gerecht: Auch ohne größere Fehler hielt sich der 21-Jährige, der schon mit Rang vier sein Glück kaum fassen konnte, in seinem 2006er-Mercedes in der Spitzengruppe und erbt so einen verdienten dritten Platz.

Platzangst bei den Veteranen?

Das letztjährige Meisterschaftsduell zwischen Bernd Schneider und Tom Kristensen hatte die Diskussionen um alternde Altmeister und übermächtige Youngsters zunächst beendet. Hockenheim bot so manchem Beobachter Gelegenheit, sie neu aufflammen zu lassen: Paul Di Restas Debütperformance im Mercedes-Gebrauchtwagen sprach ohnehin Bände. Und wie schon in der vergangenen Saison so oft schaffte es Mika Häkkinen im Qualifying nicht in die Spitzengruppe, Bernd Schneider sah sich mit Startplatz neun - wenngleich er zurecht von dreckigen Reifen berichtete - an seine Qualifying-Schwäche von 2004 und 2005 erinnert. Im Rennen bot auch Jamie Green mit seiner Fahrt von Rang 13 auf Platz sechs die überzeugendere Aufholjagd dar. Um ihre Plätze bei HWA brauchen Schneider und Häkkinen nach einem mäßigen Saisonauftakt zwar keineswegs zu fürchten - mit Blick auf mögliche Meisterschaftsplätze stehen sie dennoch unter Druck.

Bis zu seinem schweren Unfall war auch Tom Kristensen ungewöhnlich blass geblieben. Im Qualifying befand er sich anders als seine drei jüngeren Teamkollegen nicht in Schlagdistanz zur Pole, am Ende ließ Mattias Ekström seine berüchtigte Hochform der Jahre 2004 und 2005 aufleben. Der Jüngste im Abt-Audi-Bunde, Martin Tomczyk, vergab seine Siegchancen zwar in Führung liegend mit einem Verbremser, mit dem zweithöchsten Podestplatz neben Mattias Ekström wurde seine Gesamtleistung am Ende doch noch gewürdigt. Anders als 2005 braucht der Bayer um seinen Platz im Audi-Neuwagen längst nicht mehr zu fürchten...


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