Wie mit Blick auf die Saisondebüts der vergangenen Jahre kaum anders erwartet, scheint auch der Auftakt des DTM-Jahres 2006 nichts anderes als einen Mercedes-Triumph zuzulassen. Dennoch gibt es mehr als nur ein denkbares Szenario...
Das erste Szenario
Fiktion... "Auch am Samstagabend hat sich Tom Kristensen nach dem Audi-internen Fauxpas mit Heinz-Harald Frentzen noch nicht beruhigt. Mit aller Kraft will er trotz des vergleichsweise schlechten Startplatzes noch bester Audi-Pilot des Rennens werden. Hierfür greift er auf einen cleveren Trick zurück, ist ihm doch bekannt, dass sich Sportchef Dr. Wolfgang Ullrich zu später Stunde - wie bereits beim Saisonfinale 2005 in Hockenheim - auf Reglementlückensuche begeben wird, um seine Piloten von den eher enttäuschenden Startplätzen aus wider Erwarten noch zum Sieg zu führen: Er schleicht sich zu Ullrichs Schreibtisch, tauscht das Reglement des Jahres 2006 gegen die 2005er-Version aus und wartet hoffnungsfroh...

Tatsächlich liegt der Österreicher der dänischen Finte auf: Ullrich bemerkt nicht, dass er das letztjährige Reglement an Stelle des neuen studiert und stellt überrascht fest, dass der lückenhafte Boxenstoppparagraph - vermeintlich - noch immer nicht korrigiert ist. So plant er, wie bereits beim Saisonfinale 2005 für Mattias Ekström, für alle Piloten den "ullrichschen Doppelstopp" ein, der nach dem ersten Reifenwechsel ein Vorfahren um wenige Zentimeter vorsieht, bevor erneut ein Reifenwechsel sowie das Nachtanken erfolgen. Alle Abt-Piloten vertrauen auf Ullrichs Strategie - und handeln sich gemäß dem 2006er-Reglement die Disqualifikation ein. Nur Tom Kristensen selbst entflieht nach dem ersten Reifenwechsel der verwunderten Crew und sucht erst eine Runde später erneut die Boxengasse auf. Er entgeht der Disqualifikation - und verbucht nach einem couragierten Kampf auf der Strecke den Sieg beim Auftaktrennen für sich."
... und die Realität: Beinahe traditionsgemäß stellen die Ingolstädter auch diesmal nicht die Favoriten auf den Sieg in Hockenheim dar. Vermochte man bei Audi beim Samstagstest noch in überraschend deutlicher Form zu glänzen, so offenbarte sich beim Samstagstraining, dass man gewissermaßen einer Temperaturlotterie unterliegt: Kühlt es sich wie im Vorfeld des Qualifyings ab, so setzt der neue Audi A4 DTM seine zweifelsohne vorhandene Performance nicht vollständig auf die Strecke um.

So muss die Mannschaft um Motorsportchef Dr. Wolfgang Ullrich auf günstige Temperaturen hoffen, damit das Potenzial des Audi-Neuwagens in all seiner Vollkommenheit zum Ausdruck kommt: Während sich auch der neue A4 beim Abtrieb gemäß der Tradition seiner Vorgänger keine Blöße gibt, wurde nun auch das leichte Topspeeddefizit im Vergleich zu den Stuttgartern endlich behoben. Zur Umsetzung jener Fortschritte in einen Sieg bedarf es allerdings guter Starts von Seiten Martin Tomczyks und Mattias Ekströms, einer perfekten, auf Doppelstopps überdies verzichtenden Boxenstoppstrategie sowie eines gewissen Quäntchens Glück...
Das zweite Szenario
Fiktion... "Pole-Setter Jamie Green handelt sich den Unmut seiner Chefs ein: Wie aus der vergangenen Saison gewohnt misslingt dem Briten der Start. Der von Position drei startende Bruno Spengler bemerkt den beinahe stehen bleibenden Mercedes seines Teamkollegen zu spät - er fährt auf die greensche C-Klasse auf und besiegelt somit den Doppelausfall des Persson-Duos des vergangenen Jahres. Lediglich Bernd Schneider gelingt ein problemloser, verdächtig guter Start - der nach näherem Hinschauen der Sportkommissare wie bereits vor einem Jahr als Frühstart gewertet wird...

Nachdem sich drei von vier Mercedes-Neuwagen außer Gefecht gesetzt haben, schlägt die große Stunde des Mika Häkkinen: Der Finne, der am Samstag noch mit unerklärlichen Performance-Problemen zu kämpfen hatte, setzt sich souverän gegen die vor ihm gestarteten Audi-Konkurrenten Mattias Ekström und Martin Tomczyk durch. Lediglich der von hinten herannahende Tom Kristensen bereitet dem Finnen vorübergehend Probleme, ist der Däne doch erzürnt darüber, dass sich Häkkinen der skandinavischen Kollegialität verweigert und ihn nicht widerstandslos passieren lässt. Trotz einigen Radkappen- und Lackaustauschs überquert Mika Häkkinen schließlich als Erster die Ziellinie..."
... und die Realität: Tatsächlich könnten sich Jamie Green, Bernd Schneider und Jamie Green so manchen Fauxpas erlauben, ohne dass die Siegchancen der Stuttgarter gänzlich abhanden kämen. Selbst wenn die Luft- und Streckentemperaturen im Vorfeld des Rennens wieder zu Gunsten Audis steigen sollten, so wäre über die Distanz gesehen eine Unterlegenheit des Sterns wohl kaum zu befürchten. Mit Martin Tomczyk auf Position vier besteht der härteste Mercedes-Konkurrenz in einem Piloten, der zunächst beweisen muss, dass er sich von dem erschreckend langwierigen Formtief des vergangenen Jahres auch im Rennen nachhaltig befreien konnte.
Insbesondere mit Bernd Schneider wird morgen in besonderem Maße zu rechnen sein: Nach zwei den eigenen Maßstäben gemäß eher misslungenen Saisons liegt dem Saarländer viel daran, 2006 gleich von Beginn an aufzutrumpfen. Die hervorragende Startposition sowie die langjährige Hockenheim-Erfahrung Schneiders, der beeindruckende 20 Prozent aller bislang ausgetragenen Hockenheim-Rennen der DTM gewann, erfordern bereits einiges Unglück, um den Hockenheim-Auftakt des vierfachen DTM-Meisters fernab des Podests enden zu lassen...

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