Spätestens der Opel-Ausstieg zwang die DTM zum Umdenken: Ein für die Hersteller weniger kostenintensives Reglement musste her, um neue Konkurrenten für Audi und Mercedes in die DTM zu locken. Für die Zuschauer sollte das beliebte Motorsportspektakel dabei nicht weniger attraktiv werden - im Gegenteil.
Bereits in der letzten Saison wurde in Form des bekannten - leicht modifiziert auch in dieser Saison zum Einsatz kommenden - Gewichtsreglement der Reiz allzu kostspieliger, neuer Technikspielereien wirksam eingedämmt, das weit gehende Einfrieren des 2005er-Reglement soll die DTM ebenfalls vor der Kostenfalle schützen.
Doch welche Auswirkungen werden die Reglementänderungen mit sich bringen? Wie steht man in Stuttgart zu ihnen? Bedeutet das neue Qualifying-Format einen Fortschritt?
Mercedes-Motorsportchef Norbert Haug stand motorsport-magazin.com im Exklusivinterview Rede und Antwort.

Welche konkrete Herausforderung bedeutet das neue Qualifying für Fahrer und Teams?
Norbert Haug: Zunächst einmal sind wir alle sicher, dass es noch mehr Spannung für den Zuschauer bietet, und das ist ja der Sinn der ganzen Übung: Alles, was auf der Strecke passiert, soll dem Zuschauer zuliebe gemacht werden. Das neue Format ist sportlich fair, es herrschen stets für alle die gleichen Streckenbedingungen - beim Top Ten konnte es so sein, dass es zum Beispiel bei einem oder zweien geregnet hat, aber nicht bei allen. Jetzt hat jeder die gleichen Chancen und es ist anderseits spannender, zwei Punkte die im Schwarzen sitzen.
Es gab durch das neue Reglement relativ wenige Weiterentwicklungsmöglichkeiten für die beiden Hersteller. Wie viel kann sich daher überhaupt am Kräfteverhältnis zwischen Audi und Mercedes geändert haben?
Norbert Haug: Es war bisher ganz, ganz knapp im kleinen Zehntelbereich und das wird sicherlich auch weiter so sein. Von Strecke zu Strecke und von Fahrer zu Fahrer ist es verschieden, wie man das Setup hinbekommt, wie man die Reifen zum optimalen Arbeiten kriegt. Das Einfrieren der Technik bringt mit sich, dass wir mittlerweile zehn Autos einsetzen können zum Preis, der vor nicht allzu langer Zeit noch für fünf Autos zu veranschlagen war. Die Vorjahresautos finanzieren sich bei uns alle über Sponsoren; da kommen junge, talentierte Fahrer, die anstatt Formel 3 oder GP2 jetzt DTM fahren. Sie möchten über die DTM idealer Weise den Aufstieg schaffen, wie das etwa unser Vorjahresmeister Gary Paffett in unser Formel 1 Team geschafft hat. Wir haben eine hohe Dichte, eine hohe fahrerische Klasse wie noch nie zuvor in der DTM.
Das Gewichtsreglement kommt in modifizierter Form auch diese Saison zum Einsatz. Die 2004er-Autos sind mit 1.020 Kilogramm beispielsweise erheblich leichter als die anderen Fahrzeuge. Ist das für Sie schon zu viel Gleichmacherei oder ist es auch wirklich förderlich in Ihren Augen?

Norbert Haug: Gleichmacherei war ja das Ziel der Übung: Die Technik an der Spitze wird beschränkt, die Technik aus der jungen Vergangenheit erhält eine kleine Marscherleichterung. Das hat sich sehr gut bewährt. Insofern wäre es schön, wenn man mit einem zwei Jahre alten Auto um den Sieg fahren könnte. Das ist vielleicht nicht ganz möglich - auch deshalb, weil nicht die erfahrenen Leute auf den 2004er-Autos sitzen. Wer da mal in die Top Ten fährt, der ist der große Star, und für die 2004er-Autos fängt die Pole Position irgendwo bei Platz zwölf oder 15 an.
Wie sehen Sie das Kräfteverhältnis bei Ihren Teams, werden wirklich beispielsweise Persson und Mücke HWA ernsthafte Konkurrenz machen können?
Norbert Haug: Es kommt auf viele verschiedene Faktoren an: Das HWA-Team ist natürlich ausgefuchst über viele, viele Jahre mit Erfolg von Beginn der DTM an. Wir waren früher die AMG-Mannschaft - das ist ein und dieselbe Truppe um Gerhard Ungar und Jürgen Mattheis. Und die Einsatzqualität, der Aufwand, mit dem die Autos eingesetzt werden, die Strategie, all das ist da natürlich im absoluten Spitzenteam noch ein bisschen weiter ausgefeilt. Aber es ist überhaupt nicht ausgeschlossen, dass ein Persson- oder Mücke-Team Autos der neuen 2006er-Generation schlägt, das ist auch deren Zielsetzung. Alle zu schlagen wird schwierig sein, es gibt in diesem Jahr insgesamt acht Autos der neuen Generation. Insofern sind eigentlich vom reinen Kräfteverhältnis her alle Punkteplätze belegt, aber ich würde heute schon wetten, dass nicht alle acht neuen Autos auf den acht Punkteplätzen beim ersten Rennen in Hockenheim einfahren werden, sondern da werden 2005er und vielleicht auch 2004er-Autos darunter sein.
Jamie Green und Bruno Spengler stoßen neu hinzu zum HWA-Team. Warum glauben Sie, dass sie beispielsweise Gary Paffett und Christijan Albers nachfolgen können in ihrer Performance?
Norbert Haug: Eine Vorhersage, die ich nicht machen kann und nicht machen will. Jamie und Bruno haben uns so überzeugt, wir wissen, dass sie das Rüstzeug dazu haben. Jetzt müssen sie es mit ihren Teams zusammen umsetzen.

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