Herr Voss, der Motorsport boomt überall auf der Welt und auch in Deutschland. Trotzdem steht er hierzulande häufig in der Kritik oder wird ignoriert. Wie bewerten sie das?
Thomas Voss: Motorsportler in Deutschland dürfen wieder selbstbewusster auftreten, denn wir sind wer, auch im Vergleich mit anderen Sportsveranstaltungen und der Entertainment-Branche. Wir hatten dieses Jahr 280.000 Besucher beim 24-Stunden-Rennen auf dem Nürburgring, 256.000 beim deutschen MotoGP-Lauf auf dem Sachsenring, mehr als 110.000 bei der DTM auf dem Norisring und 130.000 beim Truck-Grand-Prix Nürburgring - ich kann mich kaum an andere Großereignisse in Deutschland erinnern, die so viele Menschen angezogen haben.
Aber?
Thomas Voss: Es stört mich ehrlich gesagt, dass wir uns oftmals selbst schlecht reden. Für mich ist der Motorsport präsenter in der Gesellschaft als wir es selbst zugeben wollen. Ich wünsche mir von uns allen wieder mehr Selbstbewusstsein im öffentlichen Auftreten. Das Interesse am Motorsport ist vorhanden bei den Menschen, insbesondere bei den Jugendlichen.

Der Motorsport wird häufig kritisiert, weil er angeblich die Umwelt verschmutzt - trotz zahlreicher Nachhaltigkeits-Initiativen. Zu Recht?
Thomas Voss: Es gibt immer Menschen, die keine Motorsportfreunde sind und jeder hat seine individuellen Gründe, die man auch respektieren muss. Aber die große Masse findet den Motorsport toll und stellt ihn nicht infrage. Auf der Rennstrecke fahren wir an den DTM-Wochenenden schon nahezu CO2-neutral. Und dennoch gibt es hierzulande Menschen, die den Motorsport aus angeblichen Gründen der Nachhaltigkeit verbieten wollen.
Man hat das Gefühl, dass sich einige Autohersteller in Deutschland gar nicht mehr trauen, den Motorsport als Werbeplattform zu vermarkten. Wie sehen Sie das?
Thomas Voss: Auch die Automobilhersteller sollten selbstbewusst vorangehen und sagen: 'Ja, wir stehen zum Motorsport', ob als Verkaufsargument oder mit Blick auf die technische Innovation. Wir müssen aufhören, uns selbst so kleinzureden. In Deutschland wird das Auto im Moment gefühlt von Klimakrise bis hin zu wirtschaftlicher Stagnation für so ziemlich alles verantwortlich gemacht, um es einmal überspitzt zu formulieren. In vielen anderen Ländern gibt es solche Diskussionen überhaupt nicht.
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Halten Sie es überhaupt für möglich, dass die Formel 1 noch mal nach Deutschland zurückkehrt?
Thomas Voss: Die Formel 1 reist mit breiter Brust durch die Welt, aber in Deutschland wird sie an einigen Stellen sehr kritisch betrachtet. Ich sage: Natürlich gehört ein Formel-1-Rennen nach Deutschland! Wie wir das hinbekommen, steht auf einem anderen Blatt Papier. Mein Ziel wäre es, dass sich alle, die Interesse an einem Formel-1-Lauf in Deutschland haben, gemeinsam an einen Tisch setzen. Im Moment redet jeder nur einzeln mit den Verantwortlichen.
Wie ist es um die Zukunft deutscher Rennfahrer in der Formel 1 bestellt?
Thomas Voss: Wir müssen dahin zurückkehren, dass wieder einer oder mehrere Fahrer aus Deutschland in der Formel 1 an den Start gehen. Ich kann die Leistung von Nico Hülkenberg gar nicht hoch genug einschätzen. Die Voraussetzungen dafür hat er in Nachwuchsserien in Deutschland geschaffen. Wir brauchen Vorbilder wie Nico Hülkenberg, um Kinder und Jugendliche wieder in den Sport zu bekommen und sie für den Motorsport zu begeistern.
Was ist dafür noch nötig?
Thomas Voss: Das muss dauerhaft geschehen und eine kontinuierliche Arbeit sein. Die leisten wir seit vielen Jahren und die Ergebnisse sehen wir jetzt nach und nach. Wir haben aktuell schon tolle Talente aus Deutschland in den höchsten Formel-Nachwuchsklassen, in der DTM und auch im Zweirad-Nachwuchsbereich. Dass sich die Hersteller bei dieser Arbeit im Motorsport Team Germany (Nachwuchsförderprojekt von ADAC Stiftung Sport und DMSB; d. Red.) engagieren, bildet die Grundlage dafür.

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