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DTM / Historisches

DTM-Historie: Aiello, Abt und die Sprit-Affäre von Zandvoort

Nachdem der 'Fall Monza' rund um Vincent Abrils Disqualifikation geklärt ist: Wir blicken zurück auf einen ähnlichen Vorfall mit gänzlich anderem Ausgang.
von Robert Seiwert & Arno Wester

Motorsport-Magazin.com - Vor dem sechsten von acht DTM-Rennwochenenden im niederländischen Assen (17.-19. September 2021) scheinen die Verhältnisse nun endlich geklärt zu sein. Geschlagene 82 Tage nach dem 'Fall Monza' hat das DMSB-Berufungsgericht entschieden, dass HRT-Mercedes-Pilot Vincent Abril vom Qualifying sowie Samstagsrennen beim Saisonauftakt (19. Juni 2021) ausgeschlossen bleibt. Während der Monegasse dadurch 21 Punkte (3 für die Pole, 18 für Platz zwei) verliert, dürfen sich einige Titelanwärter über Extra-Zähler freuen.

Den größten Nutzen aus Abrils Wertungsausschluss zieht ausgerechnet dessen Teamkollege Maximilian Götz. Der Meisterschaftsdritte rückt automatisch vom dritten auf den zweiten Platz im Samstagsrennen nach vorne und erhält dadurch drei zusätzliche Punkte. Einen weiteren Zähler erbt Götz durch das Qualifying, das er eigentlich auf dem vierten Platz abgeschlossen hatte, wegen Abrils Disqualifikation nachträglich aber einen Meisterschafts-Zähler für P3 ergattert.

Der Meisterschaftsführende Kelvin van der Linde (Abt-Audi) erhält unterdessen zwei Punkte dazu, weil er vom fünften auf den vierten Platz vorrückt. Ähnlich ergeht es Titelaspirant Marco Wittmann, der im finalen Rennergebnis mit seinem Walkenhorst-BMW als Achter statt als Neunter gewertet wird. Lediglich Auftakt-Sieger Liam Lawson (AF Corse Ferrari) profitiert nicht von Abrils Bestrafung und liegt weiter an zweiter Stelle mit zwölf Punkten Rückstand auf Spitzenreiter van der Linde.

DTM-Meisterschaft 2021 nach 10/16 Rennen (Top-6)

Position Fahrer Team Punkte
1 Kelvin van der Linde Abt-Audi 147
2 Liam Lawson AF Corse-Ferrari 135
3 Maximilian Götz HRT-Mercedes 131
4 Marco Wittmann Walkenhorst-BMW 121
5 Philip Ellis Winward-Mercedes 99
6 Alex Albon AF Corse-Ferrari 94

DTM-Rückblick: Sprit-Affäre in Zandvoort

Während der DTM-Tross nun samt voraussichtlich geklärtem Meisterschaftsstand in die Niederlande reist, erinnern sich Szene-Kenner unweigerlich an eine ähnliche Begebenheit, die sich vor 19 Jahren und rund 200 Kilometer entfernt vom TT Circuit Assen ereignete.

Wir schreiben den 28. September 2002. Im niederländischen Seebad Zandvoort steht das vorletzte DTM-Rennen auf dem Programm. Als Tabellenführer reist Laurent Aiello an die Nordseeküste, wo er sich als erster Franzose den DTM-Titel sichern möchte.

Aiello sorgt für klare Verhältnisse und stellt den ABT-Audi TT-R des Privatteams Abt Sportsline auf die Pole Position. Eine perfekte Ausgangslage im Titelkampf mit Mercedes-Star Bernd Schneider, der mit dem möglichen Titel-Hattrick DTM-Geschichte schreiben würde.

Dann der Schock in Form einer Hiobsbotschaft, die Abt-Teammanager Thomas Biermaier zur Kenntnis nehmen und noch in der Nacht von Samstag auf Sonntag dem Team mitteilen musste. Die vom Deutschen Motorsport Bund (DMSB) eingesetzten Technischen Kommissare fanden im Tank des ABT-Audi TT-R von Aiello "verunreinigten Kraftstoff", der nicht dem Reglement entsprach, aber - und das sei an dieser Stelle ausdrücklich erwähnt - auch nicht leistungsfördernd war.

Abt-Doppelsieg: Hans-Jürgen Abt mit Laurent Aiello und Mattias Ekström - Foto: LAT Images

Sprit-Analyse vor Ort statt neun Tage später

Noch wichtiger ist aber die Tatsache, dass die Analyse vor Ort in Zandvoort erfolgte und damit eine Entscheidung der Sportkommissare sofort auf dem Tisch lag - und nicht, wie im aktuellen Fall von Abril, erst neun Tage später per Pressemitteilung durch den AvD als aktuellen sportlichen Ausrichter der DTM kommuniziert wurde.

Aiello wurde die Pole aberkannt und als zusätzliche Strafe durfte der Abt-Pilot nicht am Quali-Sprint teilnehmen. Das anschließende Hauptrennen musste Aiello vom letzten Startplatz aus in Angriff nehmen. Aus sportlichen Gründen verzichten die Äbte auf eine mögliche Berufung und damit auch auf eine Klärung dieser Angelegenheit vor Gericht - die es später aber durch den DMSB gab.

Interessant ist in diesem Vergleichsfall, dass Aiello nur die Pole aberkannt und er nicht am Quali-Sprint teilnehmen durfte, HRT-Fahrer Abril aber zunächst in allen vier Sitzungen, in denen in der DTM 2021 Punkte vergeben werden (Qualifying 1, Rennen 1, Q2 und Rennen 2) ausgeschlossen wurde.

Einen Teilerfolg erreichte sein HRT-Team fast drei Monate später: Die von den Sportkommissaren beschlossene Strafe für Qualifying und Rennen am Sonntag in Monza wurde aufgehoben. Der Veranstalter wurde angewiesen, ein neues Ergebnis unter Einschluss des HRT-Teams zu erstellen. Allerdings blieb Abril an diesem Tag durchweg punktelos.

Die Äbte gingen 2002 mit ABT-Audi TT-R in der DTM an den Start - Foto: Sutton

Aiello und Abt: Meisterschaft nach Sprit-Disqualifikation

Übrigens konnte sich Aiello trotz aller Unannehmlichkeiten mit einer Aufholjagd zu Platz sechs vorzeitig den DTM-Titel sichern und damit seiner Abt-Truppe zum Gesamtsieg als Privatteam verhelfen - ein bis heute historisches Ereignis seit dem DTM-Comeback im Jahr 2000, das durch den Debütsieg von Abt-Pilot Mattias Ekström abgerundet wurde.

Später wurde das Team Abt Sportsline durch den DMSB rehabilitiert, weil nicht der Kraftstoff im Tank des ABT-Audi TT-R verunreinigt war, sondern ausschließlich das zu verwendende Benzin, das in Zandvoort von einer Tankstelle im Fahrerlager genutzt werden musste: Die Äbte hatten als letztes tankendes Team eine Verunreinigung vom Bodensatz des Tanks erwischt.

Abt in Zandvoort: Titel gewonnen, Titel verloren

Für Abt Sportsline war Zandvoort auch in den folgenden Jahren ein geschichtsträchtiger Rennplatz. Neben zahlreichen Erfolgen - unter anderem ein Vierfachsieg 2008 - kostete ein Vorfall auf dem Dünenkurs einen möglichen weiteren Fahrer-Titel: 2016 wurde gegen den damaligen Abt- und heutigen Formel-E-Piloten Edoardo Mortara in Zandvoort von der Rennleitung eine Durchfahrtstrafe wegen einer angeblichen Verletzung der Slow-Zone-Regeln verhängt.

Noch am selben Abend räumte die Rennleitung Unstimmigkeiten im offiziellen GPS-System ein. Mortara verlor dennoch mindestens acht Punkte. Am Saisonende fehlten dem Italiener nur vier Punkte auf Meister Marco Wittmann...