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DTM / Analyse

Junge Wilde auf dem Vormarsch - Zwischenbilanz Mercedes

Nach vier Saisonrennen legt die DTM eine Pause ein. Motorsport-Magazin.com nutzt die Zeit, um die Frühform der Teams unter die Lupe zu nehmen. Heute: Mercedes.
von Robert Seiwert

Motorsport-Magazin.com - Der Mercedes-Kader für 2013 war die größte Wundertüte der vergangenen Jahre in der DTM. Ralf Schumacher, David Coulthard und Susie Wolff machten Platz für die Jungen Wilden Pascal Wehrlein und Daniel Juncadella. Die große Fahrer-Rochade war nicht die einzige Umwälzung, Mercedes rüstete zudem von acht auf sechs C-Coupés zurück - viel umwälzender hätten die Änderungen bei einem Hersteller gar nicht sein können und nicht wenige Beobachter zweifelten daran, dass Mercedes 2013 konkurrenzfähig sein könnte. Nach den ersten vier Rennen der neuen Saison lässt sich sagen: Mercedes hat den Umbruch größtenteils gemeistert. Ein paar Baustellen gibt es aber noch.

Das Team: Neue Fahrer, weniger Autos und gelegentlich auch noch ein neuer Mann an der Spitze: Zuletzt am Lausitzring vertrat Wolfgang Schattling den Mercedes-Motorsportchef Toto Wolff am Kommandostand. Der Einstand des Mercedes-Leiters für das DTM-Management hätte nicht besser sein können: In der Lausitz fuhren die Silberpfeile der Konkurrenz um die Ohren und holten durch Gary Paffett den ersten Sieg der Saison. "Ich habe nach dem Rennen mit unserem Motorsportchef Toto Wolff telefoniert und er meinte scherzhaft, er bleibt jetzt bei allen DTM-Rennen bei seinen Kindern, wenn wir dann immer so erfolgreich sind", so Schattling mit einem Grinsen.

Foto: DTM

2013 können auch die Fahrer wieder kollektiv lachen. Die Mercedes-Zeiten, als eigentlich nur HWA zählte und der Rest hoffnungslos hinterherfuhr, sollten Geschichte sein, kündigte Wolff vor der Saison an - schaut man auf die Resultate, hielt der Motorsportchef Wort. Bei nur noch sechs Autos kommt jedem Fahrer mehr Aufmerksamkeit zuteil und durch die Bank rechtfertigen die jungen Piloten und Speerspitze Paffett das Vertrauen. Mücke Motorsport mit den beiden Rookies Wehrlein und Juncadella wirkt inzwischen vollständig integriert. Der Umbruch ist gelungen.

Die Fahrer: Paffett und fünf Andere - so oder so ähnlich hieß es nicht selten angesichts des extrem jungen Fahrerkaders, in dem außer dem Briten noch kein Fahrer große Erfolge in der DTM vorzuweisen hatte. Nach den ersten vier Rennen kristallisiert sich der erfahrene Brite ein weiteres Mal als Mercedes-Favorit heraus, doch es ist vor allem Christian Vietoris, der bislang positiv überraschte. Der 25-Jährige fuhr bereits zweimal aufs Podium und wirkt weitaus souveräner als in seinen ersten beiden DTM-Jahren. "Ich gehe die ganze Geschichte jetzt etwas lockerer an", sagte Vietoris nach Platz drei in der Lausitz.

Foto: DTM

Neben den beiden etablierten Piloten sorgen die Jungen Wilden für Aufsehen. Die beiden Rookies Wehrlein und Juncadella verkaufen sich seit Saisonbeginn ordentlich und konnten bereits punkten. Zeitweise ist ihnen die Unerfahrenheit aber sowohl im Qualifying als auch im Rennen anzumerken. Robert Wickens zeigte 2012 schon gute Ansätze im Tourenwagen und konnte diese 2013 schon in Zählbares ummünzen. Beim jungen Kanadier fällt auf, dass er sich weiterentwickelt und immer konstanter fährt. Roberto Merhi fällt hingegen ab. Der oftmals ungestüme Spanier hat auch dieses Jahr nicht selten den Ärger des halben Fahrerlagers auf sich gezogen und konnte den nächsten Schritt seiner Entwicklung noch nicht machen.

Das Auto: In der vergangenen Saison hatte Mercedes mit einem hauchdünnen Vorsprung vor BMW das stärkste Auto - dieses Jahr haben die Stuttgarter ein kleines Problem: das Setup. An den ersten drei Rennwochenenden der Saison schwankte die Performance zwischen Qualifying und Rennen bedenklich. Mercedes schaffte es zu Saisonbeginn nicht, einen optimalen Kompromiss zwischen Samstag und Sonntag zu finden - angesichts des verkürzten Trainings sowie der neuen Parc-fermé-Regelung keine Überraschung. Mal hui, mal pfui: Das Problem zeigte sich vor allem in Brands Hatch, als Paffett auf Startplatz 12 bester Mercedes-Pilot war. Im Rennen drehten die C-Coupés dann jedoch auf und Wickens erbte Paffetts Podiumsplatz, weil dieser eine nachträgliche Zeitstrafe kassierte.

Foto: RACE-PRESS

Der Stern erstrahlte in dieser Saison bislang schwarz und weiß. In Spielberg, wo bei Mercedes überhaupt nichts zusammenlief und Vietoris mit Platz sieben die Ehre rettete, erweckte es schon den Anschein, dass die Sechser-Truppe dieses Jahr keine Chance im Titelkampf haben würde. Doch wie Phoenix aus der Asche dominierten die Mercedes-Piloten am darauffolgenden Rennwochenende am Lausitzring. Tolle Performance im Qualifying und der erste Sieg durch Paffett - Mercedes leitete nach Wochen harter Arbeit am Setup erfolgreich die große Trendwende ein. Der Schlüssel wird nun sein, die Konstanz in den Griff zu bekommen.

Redaktionskommentar

Motorsport-Magazin.com meint: Mercedes hat sich bislang besser verkauft als es viele Experten vor Beginn der Saison vermutet hatten. Wichtig: Paffett ist im Titelkampf nicht auf sich allein gestellt, sondern hat mit Vietoris einen starken Mitstreiter an seiner Seite. Das Zauberwort für eine erfolgreiche Saison nach dem großen Umbruch lautet Konstanz. Die Stuttgarter müssen ihre Aufs und Abs schnellstens in den Griff bekommen, dann sind sie bei der Musik. Das Problem: Konkurrent BMW ist stärker aufgestellt und wird die Nase auch wegen seines überragenden Fahrerkaders wieder einmal vorn haben. Pluspunkt Mercedes: Für die Zukunft ist der Hersteller gut aufgestellt, die Jungen Wilden zeigen jetzt schon äußerst hoffnungsvolle Ansätze. (Robert Seiwert)