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DTM / Analyse

Der Green-Faktor - Analyse: Fünf Gründe für Greens Sieg

Jamie Greens Sieg in Nürnberg geht in die Geschichte der DTM ein. Motorsport-Magazin.com nennt die Faktoren, die zu seinem Triumph in letzter Sekunde führten.
von Robert Seiwert

Motorsport-Magazin.com - Ein völlig verrücktes DTM-Rennen auf dem Norisring gewann am Ende Jamie Green. Dabei hatte nach kuriosem Rennverlauf alles auf einen BMW-Doppeltriumph für Martin Tomczyk und Bruno Spengler hingedeutet. Doch in der letzten Kurve der letzten Runde schnappte sich der Mercedes-Pilot doch noch seinen vierten Sieg in Nürnberg. Motorsport-Magazin.com nennt die Gründe, wie Green der Sieg in allerletzter Sekunde gelingen konnte.

Der Timing-Faktor

Aufgrund des Regens und der damit verbundenen langsameren Rundenzeiten wurde das Rennen nicht über die Rundenzahl beendet, sondern ging nach Zeit. Durch eine Änderung im DTM-Reglement beträgt die Renndauer in dieser Saison maximal 75 Minuten. Greens offizielle Gesamtzeit im Rennen lautete 1:15.00,005 Stunden. Heißt: Wäre Green sechs Tausendstel schneller gewesen, hätte noch eine weitere Runde absolviert werden müssen. Dabei hatte Greens Ingenieur bei der Zieleinfahrt noch gefunkt: "Letzte Runde, Jamie" - die Verwirrung war perfekt. Doch selbst bei einer weiteren Runde wäre der Brite wohl nicht mehr gefährdet gewesen, denn Tomczyk kam nicht ansatzweise an dessen Speed heran.

Der Tomczyk-Faktor

Neun Sekunden vor Rennende gelang Green das schier Unglaubliche: Er überholte Tomczyks M3 in der letzten Kurve und sprintete anschließend zum Sieg. Greens Speed war deutlich besser, doch es verwunderte ein wenig, dass der BMW-Rivale beim Überholmanöver nicht allzu viel Gegenwehr auf dem engen Kurs leistete. Ein Grund dafür könnten Missverständnisse mit der Box gewesen sein. "Wenn ich gewusst hätte, dass es sich um die letzte Runde handelt, hätte ich härter verteidigt und wäre die Kurve spitzer gefahren", meinte Tomczyk kurz nach dem Rennen. Die Box hatte ihm gegen Rennende mitgeteilt, dass noch drei Runden zu fahren seien - es waren jedoch nur noch zwei.

Wenn ich gewusst hätte, dass es sich um die letzte Runde handelt, hätte ich härter verteidigt und wäre die Kurve spitzer gefahren.
Martin Tomczyk

Allerdings hatte Tomczyk keine allzu große Chance, denn schon auf der Geraden vor der Dutzendteich-Kehre, in der Green auch Spengler überholt hatte, kam der Mercedes-Pilot mit viel mehr Speed an und konnte locker ins Kurven-Innere reinstechen. Tomczyk hätte mit Sicherheit etwas härter versucht, die Kurve dicht zu machen. Gleichzeitig ist er erfahren genug um zu wissen, dass bei den nassen Bedingungen ein zu hartes Manöver im Crash hätte enden können. Außerdem: Selbst bei noch einer weiteren Runden hätte Tomczyk die Führung behaupten müssen, weil er wusste, dass er dem Speed des C-Coupés nichts entgegen setzen konnte.

Der Green-Faktor

Das Rennen auf dem Norisring war sensationell - keine Frage. Aber kann man bei einem Sieg von Jamie Green in Nürnberg wirklich von einer Sensation sprechen? Fakt ist: Der Brite ist seit Jahren ein absoluter Spezialist auf dem Stadtkurs und weiß, wie man dort ein Rennen erfolgreich gestaltet. Die Strecke liegt ihm und selbst mit neuem Auto hat er dort einen kleinen Vorteil - wann kann man pushen, wie überholt man am besten in den Kurven und wo muss man besonders aufpassen. Ein Vorteil, der Green auch am vergangenen Wochenende in die Karten spielte. Green gewann bislang acht DTM-Rennen - vier davon allein auf dem Norisring.

Der Norisring ist die erfolgreichste Strecke für Mercedes-Benz: Greens Erfolg war der 15. Mercedes-Sieg auf dem Stadtkurs in Nürnberg und der zehnte in Folge. Seit Beginn der "Neuen DTM" im Jahr 2000 siegten Mercedes-Benz Fahrer bei zwölf von 14 Läufen auf dem Norisring (Siegquote: 85,71%). Entsprechend souverän nahm Green die Aufholjagd auf den letzten Runden in Angriff. Das war natürlich mit einem gewissen Risiko verbunden, denn Teile der Strecke waren noch ziemlich nass. "In den letzten 10 bis 15 Runden sagte mein Ingenieur, dass ich eine Sekunde schneller bin als die Autos vor mir", so Green bei Motorsport-Magazin.com. "Ich dachte: 'Okay, das ist eine Menge bei diesen kurzen Runden'. Ich musste das Meiste aus dem Speed herausholen, den ich hatte."

Während er fast eine Sekunde pro Runde aufholte, war Tomczyk mit Sicherheit auch darauf bedacht, das Auto auf den letzten Runden nicht mehr in die Mauer zu setzen. Spengler war zwar zeitweise nah am amtierenden Champion dran, doch zu einem spektakulären Überhol-Duell wäre es wohl eher nicht gekommen - die Folgen eines Unfalls wären fatal, den Doppelsieg hätte aus gutem Grund niemand riskiert. Also holte Green nicht nur dank seines überragenden Speeds auf, sondern auch, weil Tomczyk an der Spitze wohl nicht mehr voll pushte, um keinen Dreher zu riskieren.

Der Reifen-Faktor

Direkt nach dem Rennen herrschte leichte Verwirrung während der Pressekonferenz der Top-Drei. Spengler dachte, dass Green aufgrund frischerer Reifen einen Vorteil hatte. "Der einzige Fehler war vielleicht, dass wir die Reifen zu früh wechselten und deshalb am Ende hinten Probleme bekamen", meinte der ehemalige Mercedes-Pilot. Für einen kurzen Moment habe Spengler sogar gedacht, dass Green auf Slicks unterwegs gewesen sei. Dem war aber nicht so, lediglich Christian Vietoris war bei abtrocknender Strecke auf Slicks unterwegs. Auch der Verdacht der frischeren Reifen war nicht richtig.

Der einzige Fehler war vielleicht, dass wir die Reifen zu früh wechselten und deshalb am Ende hinten Probleme bekamen.
Bruno Spenlger

Spengler absolvierte seinen zweiten Boxenstopp in der 62. Runde - Green kam bereits im 53. Umlauf zum zweiten und letzten Mal an die Box. Er fuhr also neun Runden länger auf seinem zweiten Reifensatz. Auch Tomczyk hatte keinen Reifen-Vorteil gegenüber dem späteren Sieger: Er wechselte in Runde 57 zum zweiten Mal die Pneus, also vier Runden nach Green. Während der Reifenverschleiß etwa in der Formel 1 eine extreme Rolle spielt, hält er sich in der DTM eher in Grenzen. Zwar gibt es einen Drop-off, doch gerade bei Regen ist der Unterschied marginal. An den Reifen lag es also nicht, dass Greens Speed dem der BMWs zum Schluss überlegen war.

Der Setup-Faktor

Natürlich spielt das Setup immer eine große Rolle in der DTM. Flügeleinstellung, Fahrwerkshöhe und Co. bringen die entscheidenden Zehntel. Es ist schwierig, aus der Distanz tiefgründige Analysen zum jeweiligen Setup aufzustellen, doch ein paar Hinweise geben Aufschluss, wer auf dem Norisring die geeignetere Fahrzeugeinstellung gewählt hatte. Jamie Green erzielte die schnellste Runde im Rennen: 54.451 Sekunden in Runde 72 auf dem 2,3 km langen Kurs. Tomczyks schnellster Umlauf war in der 75 Runde rund eine Sekunde langsamer. Der Topspeed-Vergleich: Green erreichte Spitzengeschwindigkeiten von 152,063 km/h, Spengler und Tomczyk nur rund je 149 km/h.

Überhaupt waren die Mercedes' in Sachen Rundenzeiten und Speed auf dem Norisring stärker als die Konkurrenz. In der Bestzeiten-Tabelle standen sechs C-Coupés in den Top-10, auf BMW-Seite waren Dirk Werner und Andy Priaulx auf den Plätzen sieben und acht die schnellsten.