Luca Engstler holte bei der 54. Auflage der 24h Nürburgring zum ersten Mal die Pole Position für Lamborghini. Im exklusiven Interview mit Motorsport-Magazin.com verraten ABT-Sportsline-Teamchef Martin Tomczyk und ABT-CEO Thomas Biermaier, wie es zur Super-Runde kam, wie sie ihre Siegeschancen sehen und warum eigentlich Max Verstappen nicht in ihrem Team fährt.
Wie überraschend ist die Doppel-Pole für euch? Wie ist eure Gefühlslage nach dem spannenden Qualifying?
Martin Tomczyk: Was heißt überraschend? Wir wissen, dass wir ein Team, die Fahrer und das Auto haben, um ganz klar vorne mitzufahren. Das haben wir in den letzten vier Jahren bewiesen. Wir wussten, dass wir von den 24h-Qualifiers alles in die Waagschale werfen müssen – und das haben wir auch gemacht. Dass es sich mit beiden Autos perfekt ausgegangen ist, dass wir in der ersten Reihe stehen, ist schon etwas Besonderes. Auch im Hinblick auf das 130-jährige Jubiläum von ABT. Alle Fahrer haben einen Top-Job gemacht. Sich mit Zehnteln und Hundertsteln Abstand in der ersten Startreihe zu behaupten, davor kann man nur den Hut ziehen.
Wie entscheidet ihr, welcher Fahrer welches Qualifying-Segment fährt?
Tomczyk: Alle sechs Fahrer bewegen sich auf einem sehr identischen Niveau. Vielleicht ist der eine auf eine Runde schneller, der andere auf die Distanz. Aber letztendlich haben alle gezeigt, dass sie dieselben Zeiten mit dem Auto fahren können. Das spricht einfach dafür, dass das Auto super zu fahren und sehr ausgereift ist.
Nach dem schwierigen DTM-Wochenende tut dieser Erfolg sicher gut, oder?
Thomas Biermaier: Definitiv. Das ist wichtig für die ganze Truppe, für die Mechaniker, Ingenieure, Fahrer, die Firma, aber auch für unsere Partner und Sponsoren. Bei so einem großartigen Event auf P1 und P2 zu stehen und das Rennen morgen zu eröffnen – darauf kann man stolz sein. Es ist das ein schöner Teilerfolg, den wir heute genießen. Aber wir wissen auch ganz genau: Morgen in der Früh müssen wir wieder voll konzentriert und fokussiert sein, denn das Rennen wird lang.
Warum fahrt ihr hier mit dem Lamborghini Huracán GT3 EVO2 und in der DTM mit dem Lamborghini Temerario GT3?
Biermaier: Das ist einfach zu erklären. Der Temerario ist gerade erst fertig geworden. Wenn du Langstreckenrennen fahren willst – und dann auch noch in der Grünen Hölle – dann musst du viele Kilometer mit dem Auto abgespult haben, um gut vorbereitet zu sein. Mit dem Huracán gehen wir jetzt ins vierte Jahr. Da wissen wir ganz genau, was das Auto kann. Deshalb war schnell klar, dass wir hier mit dem Huracán antreten. Und wir sind froh, dass das so funktioniert und sich die Performance bestätigt hat.
Stand der Einsatz des Temerario am Nürburgring überhaupt zur Debatte?
Biermaier: Nein, dafür gibt es momentan einfach noch zu wenige fertige Autos. Der Temerario wird aktuell vorbereitet und ich hoffe, dass wir ihn nächstes Jahr hier einsetzen können. Das ist unser Ziel. Aber momentan ist der Temerario ganz klar für die DTM vorgesehen und der Huracán für die Nordschleife.
Tomczyk: Das war auch eine gemeinsame Entscheidung mit Lamborghini. Es war schon früh klar, dass wir dieses Jahr noch mit dem Huracán antreten würden.
Nach außen wirkt das trotzdem etwas widersprüchlich: Neuer Temerario, aber Doppel-Pole mit dem Huracán.
Biermaier: Nein, überhaupt nicht. Ganz im Gegenteil. Das hier ist eines der härtesten Rennen der Welt. Dafür musst du mit einem ausgereiften Fahrzeug kommen – mit einem Auto, das schon viele Rennen, Testkilometer und viel Laufleistung hinter sich hat. Das hat der Temerario einfach noch nicht. Es geht nicht darum, dass das eine Auto besser ist als das andere. Das ist einfach ein Fakt. Hier kommt man mit einem ausgereiften Auto – und das ist aktuell der Huracán. Wir hatten auch gar keinen Temerario, mit dem wir hier hätten testen können. Wir haben nur die zwei Autos [die in der DTM antreten]. Deshalb war das schon seit Wochen und Monaten eine klare Entscheidung.
Martin, das ist dein letzter Einsatz für ABT Sportsline. Wie gehst du damit um?
Tomczyk: Der Plan ist momentan einfach, hier erfolgreich zu sein. Alles danach spielt gerade keine Rolle. Ich genieße dieses Wochenende in vollen Zügen. Wir wissen, welche Aufgabe wir als Team haben und dass wir sie so gut wie möglich umsetzen müssen. Was bei mir persönlich danach passiert, stelle ich hinten an. Ich möchte jetzt einfach gemeinsam mit Team ABT und unseren Partnern Erfolg haben. In meiner aktiven Zeit habe ich es nie geschafft, hier ganz oben zu stehen. Das wäre etwas ganz Besonderes.
Wir wissen, das Qualifying beim 24-Stunden-Rennen ist mit Vorsicht zu genießen. Wie gut seid ihr für das Rennen aufgestellt?
Biermaier: Warum sollte man Startplätze bei einem 24-Stunden-Rennen mit Vorsicht genießen? Natürlich entscheiden sie nicht alles, da gebe ich dir recht. Aber es ist immer schöner, wenn du niemanden vor dir hast und nicht mitten im Getümmel startest. Aber klar ist auch: Das ist keine Garantie für ein gutes Ergebnis. Wir müssen 24 Stunden lang einen sehr guten Job machen. Wir müssen hellwach sein und als Fahrer wie auch als Team einen Top-Job abliefern. Dann schauen wir, wo wir am Ende landen.
Ist eure Qualifying-Performance auch ein Maßstab für das Rennen?
Tomczyk: Das hoffen wir. Aber ein oder zwei schnelle Runden sind etwas anderes als eine komplette Renndistanz. Ich glaube schon, dass wir im Trockenen über die Distanz gut aufgestellt sind. Wichtig ist dabei immer, den richtigen Reifen mit dem richtigen Luftdruck zu haben – und das ist hier wegen der großen Temperaturschwankungen nicht einfach. Außerdem darf man das Wetter nicht unterschätzen. Hier kannst du innerhalb von 30 Sekunden vom Hero zur Zero werden. Du fährst mit den vermeintlich richtigen Reifen raus und merkst drei Kurven später, dass es die falsche Entscheidung war. Von daher brauchst du auch ein glückliches Händchen. Aber das Auto passt und die Fahrer fühlen sich über die Distanz wohl. Das ist unsere Ausgangslage.
Warum kann es dieses Jahr mit einem Lamborghini-Sieg am Nürburgring funktionieren?
Biermaier: Im Vorfeld hat man gelesen, dass wir eher Außenseiter sind. Ich glaube aber nicht, dass sich daran viel geändert hat. Das Rennen startet morgen – und hier holt sich niemand den Sieg im Voraus. Am Ende entscheidet die Grüne Hölle, wer gewinnt. Wenn wir einen Top-Job machen und es trocken bleibt, dann sind wir hoffentlich in der Lage, lange vorne mit dabei zu sein.
Haben die anderen Teams schon alles gezeigt?
Tomczyk: Nein, aber unsere Herangehensweise war klar. Wir fahren vom ersten 24h-Qualifier an Vollgas. Den Lamborghini kennt inzwischen jeder in- und auswendig, weil sich in den letzten vier Jahren kaum etwas geändert hat. Sie haben alle unsere Daten. Deshalb haben wir gesagt: Dieses Jahr von Anfang an Vollgas. Ich hoffe, dass die Leute das auch sehen und entsprechend einordnen können.
Glaubt ihr, dass die aktuelle BoP die finale Einstufung ist?
Biermaier: Ich habe nicht das Gefühl, dass sich noch viel ändern wird. In den letzten Jahren wurde nach dem Qualifying beim Pole-Setter eigentlich nichts mehr geändert. Du hast es selbst gesagt: Die ersten vier liegen innerhalb von acht Zehnteln, unter den Top 6 sind vier verschiedene Marken. Warum sollte man da noch etwas ändern? Wir sind vorne, weil wir von Anfang an Vollgas gefahren sind. Ob das am Ende reicht, werden wir morgen im Rennen sehen – so wie man es in den letzten Jahren oft erlebt hat.
Habt ihr jemals versucht, Max Verstappen für euer Projekt zu gewinnen?
Biermaier: So wie die Grüne Hölle sich ihren Sieger aussucht, sucht sich Max Verstappen momentan seine Marke aus. Überzeugt von der Marke ABT ist er privat ohnehin. Zwei Autos hat er bereits.
Tomczyk: Das ist eher herstellerbezogen als teambezogen. Da steckt wahrscheinlich mehr Politik dahinter.
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