Wenn Mick Schumacher 2024 sein Debüt bei den 24 Stunden von Le Mans (15.-16. Juni) gibt, ist die Vorfreude auf das berühmteste Rennen der Welt noch ein wenig größer. Der 24-Jährige startet in der gesamtsiegfähigen Hypercar-Klasse mit dem neuen LMDh-Auto von Alpine und nimmt es mitsamt seinen Teamkollegen mit der internationalen Konkurrenz von BMW, Porsche, Ferrari, Toyota, Peugeot und Co. auf.

Micks Le-Mans-Premiere erfolgt genau 33 Jahre nach dem einzigen Start seines Vaters und siebenmaligen Formel-1-Weltmeisters, Michael Schumacher, beim Langstrecken-Klassiker. Papa Michael trat 1991, damals noch als Mercedes-Junior im Alter von 22 Jahren, in einem der heute ikonischen Gruppe-C-Sportwagen beim 24-Stunden-Rennen an und belegte den fünften Platz im Gesamtklassement.

Michael Schumacher bei den 24 Stunden von Le Mans 1991 im Sauber-Mercedes mit Karl Wendlinger und Fritz Kreutzpointer
Links im Bild: Michael Schumacher 1991 bei den 24 Stunden von Le Mans, Foto: LAT Images

Michael Schumacher: Schnellste Rennrunde bei einzigem Le-Mans-Start

Den von Peter Saubers Team eingesetzten, im Qualifying-Modus bis zu 920 PS starken Mercedes-Benz C11 teilte sich Schumacher zu Beginn der 90er-Jahre mit seinen Teamkollegen Karl Wendlinger und Fritz Kreutzpointer. Schumi und Co. führten das Feld in Le Mans zeitweise sogar an und durften sich Hoffnungen auf den Gesamtsieg machen, bis technische Probleme das Trio und die weiteren Mercedes-Rennwagen einbremsten.

Immerhin: Schumacher erzielte auf der damaligen Streckenvariante des Circuit de la Sarthe die schnellste Rennrunde in 3:35.564 Minuten und erreichte eine Durchschnittsgeschwindigkeit von 227,125 km/h. Bereits seit 1990 wurde die 6 Kilometer lange Hunaudieres-Gerade durch zwei Schikanen entschärft. Zuvor hatte Jean-Louis Schlesser im Schwester-Mercedes mit der Startnummer #1 die Pole Position herausgefahren. Den Sieg sicherten sich Volker Weidler/Johnny Herbert/Bertrand Gachot im kreischenden Mazda 787B mit seinem ungewöhnlichen 2,6-Liter-Wankelmotor.

Michael Schumacher bei den 24 Stunden von Le Mans 1991 im Sauber-Mercedes mit Karl Wendlinger und Fritz Kreutzpointer
Schumachers Mercedes-Benz C11 in Le Mans 1991, Foto: LAT Images

Peter Sauber: "Michael war etwas Spezielles in Le Mans"

Ein Sieg in Le Mans blieb Schumacher verwehrt, doch mit seinen Leistungen in unterschiedlichen Formel- sowie Sportwagen hinterließ er einen bleibenden Eindruck und ein weiteres Empfehlungsschreiben für den kurze Zeit später folgenden Einstieg in die Formel 1 am 25. August 1991 in Spa-Francorchamps. Der Rest ist Erfolgsgeschichte.

"Im Sauber-Mercedes-Juniorteam hat Michael schnell gezeigt, dass er etwas Spezielles ist", sagte einst der damalige Teamchef und Rennstallbesitzer Peter Sauber zu Motorsport-Magazin.com. "Wenn ich etwa an Le Mans 1991 zurückdenke: Michael ist sein Rennen gefahren, er hat am wenigsten Sprit verbraucht, hat am wenigsten Reifen gebraucht und ist dabei die schnellsten Runden gefahren. Er ist zwar nicht Kreise um die anderen gefahren, aber der Abstand war riesig."

Peter Sauber: Schlecht, wenn ein Konzern ein F1-Team führt: (01:28:07)

Mercedes-Benz C11 mit bis zu 920 PS Leistung

Wäre Schumacher damals der Sieg in Le Mans gelungen, hätte dieses Kapitel in seiner glorreichen Motorsportkarriere einen wohl noch prominenteren Platz eingenommen. 1991 überragten Schumis Formel-1-Debüt in Eddie Jordans Team beim Großen Preis von Belgien sowie der wenig später folgende Wechsel in den Benetton natürlich alles. Weitere Erfolge in jenem Jahr, wie der Auftritt in Le Mans, ein Sieg in der Sportwagen-Weltmeisterschaft mit Mercedes oder der starke zweite Platz beim Gaststart in der japanischen Formel 3000, rückten da etwas in den Hintergrund.

Dabei galten gerade die spektakulären Gruppe-C-Prototypen als gute Vorbereitung auf die späteren F1-Boliden. Angetrieben von einem 5-Liter-V8-Turbomotor, leisteten die Aggregate im Renn-Trim bei Langstreckenrennen rund 730 PS. Durch eine Erhöhung des Ladedrucks standen den Fahrern für schnelle Runden im Qualifying sogar bis zu 920 Pferdestärken zur Verfügung. Bei der Power standen die Gruppe-C-Autos denen der Formel 1 in nichts nach, wegen der geringeren Aerodynamik fehlten je nach Strecke drei bis neun Sekunden pro Runde.

Michael Schumacher bei den 24 Stunden von Le Mans 1991 im Sauber-Mercedes mit Karl Wendlinger und Fritz Kreutzpointer
Bei den 24 Stunden von Le Mans 1991 ging es wild zu, Foto: LAT Images

Norbert Haug: Schumacher die "fahrerische Messlatte" in Le Mans

Schumacher beherrschte den von Sauber entwickelten Mercedes-Benz C11, der bei einem Gewicht von rund 900 Kilogramm einen Topspeed von 363 km/h im Le-Mans-Qualifying erreichte, mit Bravour. Auf die Frage von Motorsport-Magazin.com, wie Norbert Haug den jungen Schumacher damals in Le Mans erlebt habe, antwortete der langjährige Mercedes-Motorsportchef heute: "Als fahrerische Messlatte für alle Konkurrenten im Feld - nicht mehr und nicht weniger."

Der aufstrebende Schumacher aus dem von Jochen Neerpasch geleiteten Mercedes-Juniorteam, zu dem neben dem Österreicher Wendlinger auch Heinz-Harald Frentzen zählte, hinterließ mit starken Vorstellungen im Sportwagen sowie Formel-3-Autos eine entsprechende Visitenkarte für den Einstieg in die Formel 1.

Für seinen Sohn Mick könnten Top-Leistungen im Alpine-LMDh ein Weg zurück in die Königsklasse sein, war Norbert Haug überzeugt: "Bei Michael war das zweifelsohne der Fall und bei Mick kann das genauso der Fall sein, wenn sein Team und sein Fahrzeug die Basis bieten, vorne mitzufahren. Oder gar - die diesjährigen 24 Stunden von Le Mans lassen grüßen - einen Überraschungscoup landen können wie das Ferrari nach 50 Jahren Abstinenz im Sportprototypen-Bereich in Le Mans 2023 gelungen ist."

Mercedes-Benz startete mit Vorgänger-Auto in Le Mans

Im Vergleich zu den heutigen WEC-Hypercars mit einer maximal erlaubten Systemleistung von 680 PS bzw. 500 kW und allerlei Hybrid-Technologie an Bord, waren die damaligen Gruppe-C-Fahrzeuge mit ihrer manuell-sequenziellen 5-Gang-Schaltung echte Rennmonster. Beim Mercedes-Benz C11 handelte es sich um den direkten Nachfolger des Sauber C9, mit dem Manuel Reuter, Jochen Mass und Stanley Dickens im Jahr 1989 die 24 Stunden von Le Mans - damals noch ohne Schikanen auf der Hunaudieres-Geraden - gewinnen konnten. Erstmals seit 1955 trug wieder ein Rennwagen offiziell den Namen 'Mercedes-Benz'.

Eigentlich hätte der C11 in Le Mans 1991 gar nicht fahren sollen, weil mit dem C291 bereits der Nachfolger entwickelt worden war. Wegen einer Reglementänderung im Zuge der 3,5-Liter-Einführung stand es den Herstellern jedoch frei, ihre alten Modelle mit größerem Hubraum einzusetzen. Die ersten zehn Plätze in der Startaufstellung waren dabei für Rennwagen mit der neuen Motorenformel reserviert. Mercedes-Benz und Jaguar entschieden sich, mit den damals in Le Mans schnelleren Vorgänger-Wagen an den Start zu gehen.

Michael Schumacher bei den 24 Stunden von Le Mans 1991 im Sauber-Mercedes mit Karl Wendlinger und Fritz Kreutzpointer
So sah ein Mercedes-Boxenstopp mit dem C11 aus, Foto: LAT Images

Technik-Dramen bei Schumacher und Co.

Während zwei nach dem neuen Reglement aufgebaute Peugeot 905 das Rennen aus der ersten Startreihe aufnahmen, kämpften sich Schumacher und Co. schnell mit ihren älteren Mercedes-Modellen durch das Feld nach vorne. In den späten Abendstunden fielen die Peugeot der mangelnden Zuverlässigkeit zum Opfer, sodass Jean-Louis Schlesser im Mercedes-Benz C11 mit der Startnummer #1 und Schumacher im #31-Schwesterauto die Führungsarbeit übernahmen.

Am Sonntag ereigneten sich dann auch bei Sauber-Mercedes die ersten Dramen, als die #31 wegen eines Getriebeproblems die Box ansteuern musste und dadurch mehrere Runden in Rückstand geriet. Wegen überhöhter Wassertemperaturen schlugen erneut die Alarmglocken, wobei der bislang so starke #1-Mercedes (Jean-Louis Schlesser/Jochen Mass/Alain Ferté) wegen eines überhitzten Motors komplett aufgeben musste.

Michael Schumacher bei den 24 Stunden von Le Mans 1991 im Sauber-Mercedes mit Karl Wendlinger und Fritz Kreutzpointer
Hingucker: Der Mercedes-Benz C11 mit glühenden Bremsscheiben in der Nacht, Foto: LAT Images

Der erste japanische Sieger in Le Mans

Schumacher, Wendlinger und Kreutzpointer retteten sich mit sieben Runden Rückstand zum Überraschungs-Sieger namens Mazda 787B noch auf den fünften Gesamtrang. Der japanische Wankelmotor-Rennwagen zählte 1991 in Le Mans zu den Außenseitern, profitierte jedoch von den Ausfällen der Konkurrenz um Mercedes sowie Jaguar und durfte wegen einer Lücke im Reglement mit einem Gewicht von nur rund 850 Kilogramm starten.

Der heute 61-jährige Volker Weidler, Johnny Herbert (1994 und 1995 Schumachers Benetton-Teamkollege) und Bertrand Gachot - der wenig später unfreiwillig wegen einer Festnahme in der Formel 1 Platz machen sollte für Schumacher - führten den Mazda zum ersten Le-Mans-Sieg eines japanischen Herstellers und zum einzigen eines nicht-kolbengetriebenen Autos.

Le-Mans-Sieger 1991: Der ikonische Mazda 787B von Weidler, Herbert und Gachot, Foto: Sutton
Le-Mans-Sieger 1991: Der ikonische Mazda 787B von Weidler, Herbert und Gachot, Foto: Sutton