Formel 1 - Technikanalyse Mercedes AMG F1 W04

Schönheits-OP light

Mercedes stellte am Montag seinen neuen Renner vor. Die Ingenieure gingen beim Design sehr konservativ zu Werke.
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Motorsport-Magazin.com - Mit Spannung wurden die ersten Bilder des Mercedes F1 W04 erwartet. Der Nachfolger des nicht besonders erfolgreichen W03 bietet auf den ersten Blick allerdings wenige Innovationen. Dabei sollen Nico Rosberg und Neuzugang Lewis Hamilton mit dem Boliden endlich die erhofften Erfolge für Mercedes einfahren. Motorsport-Magazin.com nahm den Boliden unter die Lupe.

Nach McLaren, Ferrari, Force India, Red Bull und Sauber macht auch Mercedes vom Vanity Panel Gebrauch. Doch die kosmetische Blende wird am W04 nicht so konsequent eingesetzt wie beispielsweise bei McLaren. Auch dem Ansatz von Red Bull und Sauber folgten die Mercedes-Ingenieure nicht. Zwar verläuft die Blende über die gesamte Breite der Nase, jedoch ist immer noch eine konkave Krümmung zum Chassis hinauf zu sehen, die in einem leichten Knick endet.

Die Pylonen sind im Vergleich zur Konkurrenz recht klein - Foto: Sutton

Vorne plattgedrückt, in der Mitte abgerundet - auch die Front des 2013er Modells erinnert an einen Entenschnabel. Die Verbindung zwischen Nase und Frontflügel sieht der Lösung des Vorjahres sehr ähnlich. Im Gegensatz zu McLaren und Ferrari hängt Mercedes den Flügel komplett am Hauptblatt auf und gestaltet die Pylonen nicht extrem groß.

Der am Showcar installierte Frontflügel sieht der letzten Version von 2012 zum Verwechseln ähnlich. Mercedes gibt zwar an, die Designphilosophie des W04 an einem neuen - aus fünf Elementen bestehenden - Frontflügel ausgerichtet zu haben, doch vermutlich wird diese Lösung erst zu einem späteren Zeitpunkt präsentiert. Ähnlich könnte es mit Doppel-DRS aussehen. Auch hierfür war keinerlei Vorrichtung zu sehen, jedoch arbeitete Mercedes bereits in der letzten Saison an einem solchen System.

Beim Fahrwerk blieb sich die Truppe rund um Teamchef Ross Brawn treu. Auf der Vorderachse kommen erneut die bewährten Pushrods zum Einsatz, auf der Hinterachse aus aerodynamischen Gründen Pullrods. Somit bleiben McLaren und Ferrari die einzigen Teams, die sowohl vorne, als auch hinten auf ein System mit Zugstreben setzen. Im Heck folgt Mercedes dem Trend und verkleidet Pullrod, Spurstange und oberen hinteren Querlenker, um weniger Verwirbelungen zu erzeugen.

Auf Höhe der Cockpitöffnung fallen mehrere kleinere Verbesserungen auf. Die auffälligste ist ein dreigeteiltes Flügel-Kompositum unmittelbar unter dem Spiegel. Dieses Dreiergespann soll die Luft vor den Seitenkästen gezielt verwirbeln und somit für eine verbesserte Anströmung sorgen. Sie könnten die horizontalen Komponenten der Sidepod-Wings ersetzen, die am neuen Silberpfeil nicht zu sehen sind. Ein ähnlicher, allerdings weniger komplizierter Ansatz war am W03 schon zu sehen.

Ein kleines vertikales Element soll die heiße Luft vom Hinterreifen fern halten - Foto: Sutton

Die Seitenkastenflügel wirken leicht modifiziert und filigraner als die des Vorjahres, ein Quantensprung ist aber auch hier nicht zu sehen. Die daran anschließenden Barge-Boards sind identisch mit ihren Vorgängern. Dazu gesellen sich auf der Oberseite der Seitenkästen auf beiden Seiten jeweils zwei vertikale Flügelelemente. Auch eine solche Lösung war schon im Vorjahr zu erspähen, allerdings wirkte diese nicht so ausgetüftelt.

Die Seitenkästen wurden zwar kleiner als beim Vorgänger, im Vergleich zur direkten Konkurrenz wirken sie aber dennoch klobig. Speziell im Vergleich mit der Sauber-Variante wirkt die Mercedes-Lösung wenig spektakulär. Im W04 soll der Coanda-Auspuff endlich sein volles Potential ausschöpfen. Entsprechend ist an dieser Stelle nachgebessert worden. Gemeinsam mit dem neuen Frontflügel sollen sich die Ingenieure in Brackley auf dieses Detail konzentriert haben.

Die Auspuffgase strömen weit außen in den Spalt zwischen Hinterreifen und Diffusor. Eine ähnliche Gestaltung zeigte an dieser Stelle bereits McLaren. Auffälliges Detail: ein kleines vertikales Element auf dem Unterboden soll verhindern, dass die Gase den Hinterreifen zusätzlich erhitzen. An dieser Stelle hatte der Vorjahresbolide häufig Probleme. Ebenfalls neu sind die Kiemen zum Auslass der heißen Luft. In der Vergangenheit noch in der Wulst außen am Auspuff angebracht, tritt die Abluft nun auf der Innenseite aus - vermutlich ebenfalls, um eine Erhitzung der Reifen zu vermeiden.

Redaktionskommentar

Motorsport-Magazin.com meint: Kleinvieh macht auch Mist - diesem Motto sind die Mercedes-Ingenieure gefolgt und spendierten dem W03 Updates in homöopathischen Dosen. Natürlich handelt es sich 2013 um ein Übergangsjahr, bevor 2014 der Paradigmenwechsel bevorsteht. Doch ein Auto, das gegen Ende der Vorsaison so wenig zu überzeugen wusste, nur geringfügig weiterzuentwickeln, halte ich für ein Risiko.

Vor allem die Heckpartie des neuen Silberpfeils wirkt im Vergleich zur Konkurrenz wenig einfallsreich. Doch vielleicht liegt im moderaten Fortschritt auch der große Mercedes-Vorteil. Pirelli bringt eine neue Reifengeneration, die es auch erst einmal zu verstehen gilt. Sollten die Ingenieure in Brackley ihre Hausaufgaben beim Reifenverschleiß gemacht haben, könnte sich die konservative Herangehensweise durchaus bezahlt machen. Dagegen spricht für mich allerdings, dass einige Konkurrenten ebenfalls keine großartigen Neuerungen zeigten, jedoch auf eine bessere Basis bauen konnten. (Christian Menath)


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