Formel 1 - Technikanalyse McLaren MP4-28

Chrompfeil mit Rotstich

Viel wurde gemunkelt, jetzt ist es offiziell: McLaren vertraut wie Ferrari im Vorjahr auf Pullrods bei der Aufhängung.
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Motorsport-Magazin.com - McLaren stellte am Donnerstag den neuen MP4-28 vor. Als zweites Team nach Lotus zeigten die Briten ihren neuen Boliden der Weltöffentlichkeit. Im Gegensatz zum Lotus E21 überraschte der McLaren MP4-28 in vielerlei Hinsicht. Der Traditionsrennstall beschreitet mit dem 2013er Modell neue Wege - sowohl beim Chassis, als auch beim Fahrwerk.

Schon vor der Fahrzeugpräsentation rankten sich Gerüchte, wonach McLaren beim Fahrwerk eine Lösung à la Ferrari vorstellen könnte. Schon beim Enthüllen des Chrompfeils wurde sichtbar: die Ferrari-Variante hat ihren ersten Nachahmer gefunden. Wurde die Scuderia bei den Wintertestfahrten im vergangenen Jahr noch für ihre Pullrod-Aufhängung belächelt, scheinen die Vorteile des Systems nun auch die Konkurrenz zu überzeugen.

Die Pullrods liegen fast waagrecht - Foto: Sutton

Durch die Zugstrebe, die an der Oberseite des Radträgers installiert ist und bestenfalls steil Richtung Boden zeigt, kann das Dämpfer-System weiter unten im Chassis angebracht und somit der Schwerpunkt verbessert werden. Weil der tiefste Punkt in der Fahrzeugfront moderner Formel-1-Chassis jedoch recht hoch liegt, zeigt die Strebe nur sehr schwach Richtung Boden und liegt fast waagrecht.

Diese fast waagrechte Position bringt neben einem aerodynamischen Vorteil auch Nachteile mit sich: Fahrverhalten und Fahrzeugsetup könnten sich dadurch als recht heikel erweisen. Mit diesem Problem hatte Ferrari beim F2012 zu Saisonbeginn zu kämpfen und verstand erst nach und nach damit umzugehen. Wie die Konkurrenz aus Maranello setzt auch McLaren sowohl an der Vorder- als auch an der Hinterachse auf Zugstreben.

Mit ohne Stufennase

Was ebenfalls auf den ersten Blick schon zu sehen war, ist die Nase des neuen Chrompfeils. Wie schon im Vorjahr verzichten die Briten auf die unschöne Stufe in der Fahrzeugfront. Wie Insider berichten, soll dabei die neugeschaffene Möglichkeit der optischen Blende - im Fachjargon als 'vanity panel' bekannt - genutzt worden sein. Die Schönheitschirurgen bei McLaren leisteten allerdings beste Arbeit - die Korrektur ist auf Bildern nicht zu erkennen.

McLaren setzte 2012 als einziges Topteam auf ein niedrigeres Chassis und konnte somit auch ohne Blende die unschöne Stufennase umgehen. Beim MP4-28 folgt der Traditionsrennstall dem Trend und hebt die Höhe an, um mehr Luft unter das Auto zu leiten. Dafür nehmen die Briten einen höheren Schwerpunkt in Kauf, der allerdings wegen des Umstiegs auf Pullrods wieder egalisiert werden könnte. Ob das vanity panel Sinn macht oder nicht, darüber sind sich Experten noch uneinig. Lotus verzichtet offiziell aus Gewichtsgründen darauf, McLaren entscheidet sich der Aerodynamik wegen dafür.

Die hintere Radaufhängung folgt dem Vorbild von Red Bull. Die Querlenker sind weit gespreizt und extrem nach vorne gerichtet. Interessant: Die Querlenker sind am Ende des Radträgers quasi verschmolzen und teilen sich erst nach mehreren Zentimetern. Mechanische Gründe dürfte das nicht haben, vielmehr soll die Luft durch zwei zusammengefasste Profile nicht so stark verwirbelt werden.

Die Sidepod-Wings sind im Vergleich zum Vorjahr schlichter gehallten - Foto: Sutton

Auffällig ist die schmale Heckpartie. Kaum ein Auto der Vorsaison setzt die Cola-Flaschenform so extrem um wie der MP4-28. Beim Auspuff zeigte McLaren wohl noch nicht die letzte Entwicklungsstufe. Der Coanda-Auspuff wirkte recht unverändert zur Vorjahresversion. Weiterhin sollen Kanäle die Luft direkt zum Diffusor führen, nicht an der Heckverkleidung entlang wie beim Lotus E21. Doch hier ist Vorsicht geboten, könnte sich wohl bis zum Beginn der Testfahrten noch am meisten in diesem Bereich verändern.

Auffällig sind die neuen Sidepod-Wings. Im Gegensatz zum Vorjahr beschränken sich die Seitenkastenflügel jedoch auf das vertikale Element neben den Seitenkästen. Der horizontale Teil fehlte beim vorgestellten Showcar, könnte allerdings bei den Testfahrten wieder am Auto zu sehen sein. Wie beim Vorgänger zieren kleine Barge-Boards vor den Sidepod-Wings den MP4-28. Lotus verzichtete beim E21 auf eine solche Lösung.

Redaktionskommentar

Motorsport-Magazin.com meint: Revolution oder Evolution? Auf den ersten Blick letzteres, bei genauerem Hinsehen sicherlich eine Revolution. Zwar ist am MP4-28 nichts revolutionär Neues zu sehen, doch im Vergleich zum direkten Vorgänger schlug McLaren radikal neue Wege ein. Die Abkehr vom tieferen Chassis und der Wechsel von Push- zu Pullrods sind gravierende Änderungen, die so nicht zu erwarten waren - handelt es sich doch um das viel zitierte Übergangsjahr.

Mutig halte ich vor allem den Wechsel zu den Zugstreben, hat das Ferrari-Schicksal im vergangenen Jahr doch gezeigt, dass eine solche Lösung durchaus Probleme bereiten kann. Eine Rückrüstung ist quasi ausgeschlossen. Auffällig war, dass einige Teile - McLaren-untypisch - noch nicht besonders gut verarbeitet waren, vielleicht ein Indiz dafür, dass der Bolide erst auf den letzten Drücker fertiggestellt wurde. (Christian Menath)


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