Die MotoGP bewegt sich immer mal wieder auf dünnem moralischen Eis. Was sich aktuell in ihrer Chefetage abspielt, stellt allerdings einen bislang nie dagewesenen Tiefpunkt dar. In wenigen Tagen will man den Grand Prix von Katar austragen. Begeisterung für dieses Event kommt aktuell aber nur bei jenen Herren auf, die sich über die viele Millionen Euro schwere Überweisung aus dem Emirat freuen dürfen. Der Rest des Paddocks blickt in Anbetracht des schwelenden und noch vor dem Rennwochenende möglicherweise wieder eskalierenden Nahostkonflikts hingegen mit Sorgenfalten auf die Veranstaltung.

MotoGP reist mit Rumpf-Paddock nach Katar

Kaum jemand möchte in die Krisenregion reisen. Wer die Wahl hat, bleibt lieber zuhause. Das gilt für uns bei Motorsport-Magazin.com ebenso wie für viele unserer Kollegen, etwa auch den Fernsehberichterstattern von ServusTV. Doch nicht jeder Angestellte im Fahrerlager verfügt über den Luxus, seine Arbeit auch aus der Heimat erledigen zu können. Teile der Organisation, Mechaniker und natürlich auch die Fahrer müssen für eine Teilnahme am Rennwochenende an die Strecke.

Als prominenteste Vertreter im Zirkus versuchten die Piloten zuletzt ihre vermeintliche Macht zu nutzen. Sie formierten sich erstmals seit vielen Jahren wieder, um den Machthabern die Stirn zu bieten. Garantien für Evakuierungspläne sowie Lebens-, Rückführungs- und Krankenversicherungen wurden von der MotoGP Sports Entertainment Group, früher bekannt als 'Dorna', eingefordert. Auf eine erste Ablehnung solcher durch den Rechteinhaber folgte ein weiterer Aufruf, dieses Mal kombiniert mit einer Streikdrohung bei Nichterfüllung der Forderungen bis Sonntag 16 Uhr in Malaysia. Die Frist ist verstrichen, von den Sicherheitsgarantien fehlt weiterhin die Spur. Dennoch werden die Stars der Szene am kommenden Wochenende wohl unter Flutlicht durch die Wüste rasen.

MotoGP nutzt Machtgefälle eiskalt aus

Die Fahrer haben kaum eine andere Wahl, als anzutreten. Dass ein Boykott des Katar-GP sowohl finanzielle als auch sportliche Strafen zur Folgen haben würde, drohten die MotoGP-Bosse bereits bei Meetings mit den Team-Managern am Sonntagmorgen an. Wenige Stunden später gab Yamaha dennoch seinen Rückzug bekannt, ein Statement der MotoGP SEG mit Hinweis auf die angedrohten Vertragsstrafen und auch sportliche Strafen folgte umgehend. Zweitere könnten Punkteabzüge oder Rennsperren umfassen. "Sie können uns sogar unsere Lizenzen wegnehmen", stöhnte ein frustrierter Jack Miller. Derartige Maßnahmen würden einem Karrierekollaps gleichkommen. Finanzielle Strafen haben das Potenzial, vor allem kleine Teams oder junge Fahrer an den Rande des finanziellen Ruins zu bringen.

Im Hause MotoGP SEG mit ihrer Führungsriege rund um das Vater-Sohn-Gespann Carmelo und Carlos Ezpeleta sowie den neuen Mehrheitseigentümern von Liberty Media sind Geldsorgen eher ein Fremdwort. Natürlich auch, weil Partner wie der Staat Katar große Beträge für die Ausrichtung von Rennwochenenden bezahlen und somit zu einem beträchtlichen Teil einen sehr teuren Sport finanzieren. Aber bei allem Respekt gegenüber der Business-Seite des Spitzensports: Auch grundsätzlich wichtige Werte wie Vertragsdisziplin haben ihre Grenzen. Die Unversehrtheit aller Beteiligten muss für die Verantwortlichen stets oberste Priorität haben. Menschen, die berechtigte Zweifel äußern, dass derartige Sicherheit in Katar garantiert werden kann, müssen ernstgenommen werden. Stattdessen werden sie mit der Androhung dramatischer beruflicher Konsequenzen zur Reise in die Krisenregion gezwungen.

FIM wird zum Mittäter

So verwerflich das Vorgehen des kommerziellen Rechteinhabers auch sein mag, kommt es nicht überraschend. Das Adjektiv 'kommerziell' verrät die Gründe dafür. Für genau solche Fälle gibt es in der MotoGP, wie auch in anderen Rennserien, eigentlich eine Gewaltenteilung. Wirtschaftliche Interessen auf der einen, sportliche auf der anderen. Die Sportseite vertritt der Motorradweltverband FIM. Oder zumindest sollte er das. FIM-Präsident Jorge Viegas, normalerweise an MotoGP-Rennwochenende stets im feinen Zwirn in der Nähe der TV-Kameras oder bei der Überreichung von Siegerpokalen zu sehen, ist seit Wochen auf Tauchstation. Viegas kann auf Bildern freundlich lächeln und Hände schütteln, seinen eigentlich so wichtigen Aufgaben wird er aber nicht gerecht.

In der aktuellen Krise wäre das eine Rolle als Mediator und Kommunikator. Paddock-Mitglieder, die nicht Marc Marquez, Jorge Martin oder Fabio Quartararo heißen, haben von den oft zitierten Sicherheitsgarantien nämlich bislang nichts gesehen. Doch anstatt sich für das arbeitende Volk starkzumachen, duckt sich Viegas weg. Dass seine Institution in der Umsetzung von sportlichen Strafen für einen Katar-Boykott laut MotoGP SEG auch noch den Handlanger für den Promoter spielen wird, passt perfekt ins Bild einer Föderation, die sich selbst aufgegeben hat. Die Macht liegt längst nur noch beim Rechteinhaber. Der Einfluss des Motorradweltverbandes endet beim Namen der FIM Grand Prix World Championship.

Der Promoter nimmt keine Rücksicht auf die Sorgen jener Menschen, die ihm überhaupt einen Sport zur Vermarktung liefern. Anstatt ihre Bedenken ernst zu nehmen, versucht er sie einzuschüchtern. Und der Verband sieht teilnahmslos zu. Was Anstand bedeutet, haben sie alle am Sonntag von den Konzernchefs bei Yamaha demonstriert bekommen. Auch sie führen ein riesiges Unternehmen. Auch sie verfolgen finanzielle Interessen. Doch die Sicherheit ihrer Angestellten steht für sie an erster Stelle. Das ist wahre Vorbildwirkung.