Die Formel 1 steckt noch immer im Fußballfieber - doch auf dem Indianapolis Speedway, dem heiligen Tempel des US-Motorsports, welchen man im Vorjahr mit einem "Mickey Maus-Grand Prix" entehrt hatte, gesellte sich auch eine Art von Wiedergutmachungsfieber hinzu. Eine gute Show abzuliefern ist das Mindeste, was man tun kann. Das Qualifying wurde prompt zum mystischen Wiederauferstehungsrätsel. Die Kräfteverhältnisse erlebten, nur eine Woche nach Montreal, einen für einige rätselhaften Umkehrschub.

1. - S wie Startaufstellung

Die Formel 1 sieht auf einmal wieder rot. Die Startaufstellung erinnert an beinahe vergessene Zeiten. Michael Schumacher und der zweite Ferrari-Pilot, zurzeit Felipe Massa, okkupieren die erste Startreihe. Michael Schumacher hat eine volle Sekunde gefunden, die ihn vom Rest der Nicht-Ferrari-Welt trennt. So viel hätte es gar nicht sein müssen. "Ich würde gerne ein kleines bisschen davon opfern und den Rest lieber ein anderes Mal haben, denn eine Sekunde ist schon enorm", witzelte der an die Front zurückgekehrte verlorene Sohn.

Doch wie kann es sein, dass sich die Kräfteverhältnisse binnen einer Woche spiegeln? Wie kann es sein, dass in Montreal die beiden Renault in Reihe eins standen und Michael Schumacher den fünften Startplatz einnahm und danach alles spiegelverkehrt ist, die Ferrari in Reihe eins und Alonso auf Startplatz fünf stehen? Befinden wir uns überhaupt noch im richtigen Universum oder sind wir aus Versehen in ein Paralleluniversum abgeglitten?

Die Startaufstellung verbirgt Zündstoff..., Foto: Sutton
Die Startaufstellung verbirgt Zündstoff..., Foto: Sutton

Es ist viel einfacher, sagen manche. Reifenhersteller Michelin war angesichts der Katastrophe im Vorjahr und der damit verbundenen Angst vor einer Wiederholung zu vorsichtig, einfach zu konservativ, sagen sie. Der Gummigigant Bridgestone erhält über dessen Partnerfirma Firestone und deren Engagement in der Indy Racing League laufend Informationen vom Speedway und würde daher erheblich mehr Daten zur Verfügung haben, sagen andere. Schließlich werde erst die Konstanz im Rennen, die von beiden Seiten noch unter Beweis gestellt werden muss, entscheiden, sagen alle.

Die Startaufstellung präsentiert Renault als zweite Kraft. Zwar konnte Rubens Barrichello das gelb-blaue Gespann separieren und Fernando Alonso in die dritte Reihe verbannen, doch Honda kauft ganz gern einmal einen guten Startplatz um den Preis eines frühen Boxenstopps. Jacques Villeneuve zeugt auf Startplatz sechs erneut vom Aufwind im Hause BMW Sauber. Kimi Räikkönen und Juan Pablo Montoya hingegen können ihre Startplätze neun und elf mit keiner Tankfüllung dieser Welt beschönigen. Und da ist noch der einsame Ralf Schumacher auf dem achten Startplatz - dessen Teamkollege Jarno Trulli ist weit, weit entfernt, steht in der vorletzten Reihe. Neben Nico Rosberg, der im Qualifying ebenso wenig vom Glück gesegnet war.

2. - S wie Start

Es müsste schon sehr blöd laufen für Michael Schumacher, sollte er nicht als Führender das Innenfeld des Ovals erstürmen. Doch hinter ihm darf ein harter Kampf erwartet werden. Giancarlo Fisichella wird alles daran setzen, einen der typischen Renault-Raketenstarts hinzulegen und so ein Enteilen des roten Ferrari-Tandems durch Zerschlagen des solchen zu verhindern. Und mit Fernando Alonso muss man angesichts der guten Traktion des R26 am Start immer rechnen - auch wenn er nur vom fünften Platz aus ins Rennen geht.

Diesmal stehen 22 Fahrzeuge am Start., Foto: Sutton
Diesmal stehen 22 Fahrzeuge am Start., Foto: Sutton

Jacques Villeneuve wird sich wenn möglich an die Fersen des neben ihm losbrausenden Alonso klemmen. Weil er im Top 10-Qualifying wegen eines Technikproblems zum Zuschauen verdammt wurde, startet BMW Sauber-Stallkollege Nick Heidfeld aus dem Mittelfeld und muss danach trachten, sich aus gefährlichem Gemetzel herauszuhalten.

3. - S wie Setup

Die alte Geschichte vom Setup-Kompromiss. Die lange Gerade des Ovals und das enge Infield. Zwei Abstimmungswelten, die aufeinander prallen. Die eine hätte gerne hyperflache Flügelwinkel, die andere verlangt gierig nach Downforce und steil aufgestelltem Flügelwerk. Ein Paradefall für diesen Abstimmungsspagat war der gute alte Hockenheimring mit seinen ewig langen Waldgeraden und dem engen Motodrom. Zwei völlig verschiedene Abstimmungsrichtungen - der goldene Mittelweg ist gefragt.

24 Sekunden lang müssen die Motoren auf dem überhöhten Ovalstück in Indy mit Vollgas arbeiten - der Vollgasanteil ist im "Nudeltopf" so lange wie nirgendwo sonst. In dem Innenteil des Ovals ist ausgangs der langsamen Kurven eine gute Traktion von Vorteil. Am Ende der langen Geraden werden auch die Bremsen hart beansprucht.

4. - S wie Strategie

73 Runden werden im geschichtsträchtigen Ambiente gedreht. Die Frage wird sein, welches der beiden Spitzenteams - Ferrari oder Renault - als erstes die Tankstelle aufsuchen wird. Fernando Alonso deutete nach dem Qualifying ein eher schweres Auto an: "Das wird ein langes Rennen morgen und ich hoffe, dass sich unsere Strategie auszahlt und ich ein paar Positionen gutmachen kann."

Alonso hofft, dass sich die Strategie auszahlt., Foto: Sutton
Alonso hofft, dass sich die Strategie auszahlt., Foto: Sutton

Auf die Strategie hoffen auch die beiden McLaren-Mercedes-Piloten Kimi Räikkönen und Juan Pablo Montoya, die nach dem Qualifying respektive den Startplätzen neun und elf nicht so begeistert waren. Mercedes-Rennleiter Norbert Haug erklärte: "Der Speed war heute nicht so, wie wir es uns gewünscht hätten - Startplatz neun und elf sind definitiv sehr enttäuschend. Wir denken aber, dass wir eine gute Strategie haben und, dass unsere Michelin-Reifen im Rennen gut funktionieren werden."

5. - S wie Sonntagswetter

Die Mehrzahl der Wetterfrösche prophezeit für den Sonntag Bewölkung, schließt jedoch auch gewitterartige Niederschläge nicht aus. Die Temperaturen sollen zwischen 20 und 31 Grad Celsius liegen - demnach kommt also jenes Wetter, welches auch an den ersten beiden Tagen des Grand Prix-Wochenendes vorherrschte. Mit dem Zusatz, dass es auch regnen könnte.

Die Wetterfrösche von BMW Sauber taten sich ähnlich schwer mit einer Prognose. Nick Heidfeld erläutert das Problem: "Die Wettervorhersagen ändern sich ständig. Gestern hieß es Regen, eine Stunde später dann wieder kein Regen. Einmal sollte der Regen am Samstag kommen, einmal am Sonntag - momentan weiß man es noch nicht." Doch immerhin weiß man zumindest, dass man es einfach noch nicht weiß. Das Wetter wird also ein Überraschungsmoment darstellen.

6. - S wie Speed

Scott Speed war der bestplatzierte unter den vier Red Bull-Piloten, der 23jährige wird seinen Heim-Grand Prix vom 13. Startplatz aus in Angriff nehmen. Wer weiß? Vielleicht geht es sich ja ausgerechnet auf amerikanischem Boden mit den ersten WM-Punkten aus? Speed ist bereits mehrmals an dem ersehnten ersten Zähler vorbeigeschrammt..

Aber natürlich geht es eigentlich nicht um Scott Speed, sondern um den Top Speed. Im Qualifying zeigte die Topspeed-Tabelle ein ähnliches Kräfteverhältnis wie man es auf den Ergebnislisten der Qualifikation ablesen kann. Die beiden Ferrari von Michael Schumacher und Felipe Massa liegen auch in dieser Kategorie oben auf.

Platz Fahrer Top-Speed
1. Felipe Massa / Ferrari 334,3
2. Michael Schumacher / Ferrari 333,6
3. Giancarlo Fisichella / Renault 331,7
4. Nick Heidfeld / BMW 331,2
5. Fernando Alonso / Renault 330,6
6. Jacques Villeneuve / BMW 329,4
7. Kimi Räikkönen / Mercedes 329,1
8. Ralf Schumacher / Toyota 327,9
9. Rubens Barrichello / Honda 326,8
10. Juan Pablo Montoya / Mercedes 326,4
11. Jenson Button / Honda 326,4
12. Mark Webber / Cosworth 326,2
13. Christian Klien / Ferrari 325,6
14. Jarno Trulli / Toyota 323,4
15. Christijan Albers / Toyota 323,3
16. Takuma Sato / Honda 322,5
17. David Coulthard / Ferrari 321,5
18. Scott Speed / Cosworth V10 320,8
19. Tonio Liuzzi / Cosworth V10 319,7
20. Tiago Monteiro / Toyota 319,5
21. Franck Montagny / Honda 316,9
22. Nico Rosberg / Cosworth 315,0

7. - S wie Spannung

Obwohl die Komplettübernahme der ersten Startreihe durch die Scuderia Ferrari an gähnend langweilige Zeiten wie die Saisonen 2002 oder 2004 gemahnt, ist diese nun eine willkommene Abwechslung zur "Formel Renault" und zur "Formel Alonso".

Wenn Michael Schumacher in letzter Zeit davon sprach, trotz seines Rückstands von 25 WM-Punkten auf WM-Leader Alonso auch in punkto Weltmeisterschaft noch nicht aufzugeben, wurde er bewundernd belächelt - weil man weiß, dass Alonso nur jeweils den zweiten Platz belegen muss, sollten Ferrari und Schumacher einmal tatsächlich den Sieg beanspruchen.

Möchte Punkteabstand maximal verringern - Michael Schumacher., Foto: Sutton
Möchte Punkteabstand maximal verringern - Michael Schumacher., Foto: Sutton

Sollte es dem Kerpener gemeinsam mit Felipe Massa gelingen, dem regierenden Weltmeister mehr als nur zwei oder sogar mehr als vier WM-Zähler abzuknöpfen, könnte tatsächlich der bereits entschieden geglaubte Titelkampf zu neuem Leben erweckt werden.

Allerdings ist noch unklar, wie stark die Ferrari 248 F1 tatsächlich im Rennen fahren können. Für die Strategie der Scuderia Ferrari spielt Felipe Massa eine wesentliche Rolle - er muss beim Start versuchen, sich direkt hinter Schumacher einzureihen und sollte den zweiten Platz keinesfalls an einen der Renault-Piloten verlieren - aller Wahrscheinlichkeit wird es Giancarlo Fisichella sein, von dem ein Angriff zu erwarten ist. Angesichts der guten Renault-Starts kann aber auch Fernando Alonso mit einem glücklichen Händchen am Start einiges ausrichten.

Nicht nur der Start verspricht Spannung - auch das Rennen könnte dank der Überholmöglichkeit am Ende der langen und breiten Zielgeraden für elektrisierende Dramatik sorgen.