Motorsport-Magazin.com Plus
eSports

Vom Kartsport zum Sim-Racing: Arthur Lehouck im Interview

Arthur Lehouck startete seine Motorsportkarriere klassisch im Kart. Nebenher zockte er an der Videospielkonsole und wechselte schließlich ins Sim-Racing.

Motorsport-Magazin.com - Arthur Lehouck startete seine Motorsportkarriere klassisch im Kart. Nebenher zockte er an der Videospielkonsole und wechselte schließlich ins Sim-Racing. Mittlerweile ist der 21 Jahre junge Franzose Sim-Testfahrer für das Formel-E-Team von DS Techeetah und Williams Esports und bestreitet auch für das MAHLE RACING TEAM Rennen. Im Interview spricht Lehouck über die Unterschiede zwischen realem und virtuellem Motorsport, seine Arbeit mit den Formel-E-Piloten Jean-Éric Vergne und António Félix da Costa und erklärt, warum er sich auch in einem echten Formel-E-Auto sofort wohl fühlen würde.

Frage: Arthur, du bist sowohl im Sim-Racing als auch im realen Motorsport zu Hause. In welchen der beiden Welten fühlst du dich wohler?
Arthur Lehouck: Beide Seiten haben ihren Reiz. Im Sim-Racing braucht man nicht viel Geld, um seine Performance zu bringen und schnell zu sein. Im echten Motorsport geht es nicht ohne, wenn man es bis an die Spitze schaffen will. Dort geht es nicht nur um Talent. Und umgekehrt schaffen mittlerweile Sim-Racer den Sprung ins reale Racing. Wenn ich wählen müsste, würde ich mich dennoch für den echten Motorsport entscheiden. Das war immer mein Traum. Ich hoffe, dass ich irgendwann die Möglichkeit dazu bekomme.

Zusammenarbeit mit Williams Esports und DS Techeetah

Frage: Neben deiner Arbeit als Sim-Testfahrer für Williams Esports und deinen Einsätzen für das MAHLE RACING TEAM arbeitest du auch für DS Techeetah. Wie kam es dazu und wie sieht deine Arbeit dort aus?
Lehouck: Vor zwei Jahren hat mich das Team kontaktiert, weil ich bei den virtuellen Rennen auf iRacing sehr gut war. Zwei oder drei weitere Fahrer waren in einer Art Talentpool und am Ende hat sich das Team für nur einen Fahrer entschieden. Die Wahl ist auf mich gefallen. Für das Team geht es hauptsächlich um die strategische Rennvorbereitung. Wir testen auch die Einsätze in unterschiedlichen Wetterbedingungen. Und wir vergleichen meine Performance-Daten mit denen von Jean-Éric Vergne und António Félix da Costa. So können sich beide auf ihre individuelle Rennvorbereitung konzentrieren und alles ist für sie vorbereitet.

Frage: Gibt es auch einen realen Austausch zwischen den Stammfahrern und dir oder nutzen sie hauptsächlich deine Daten für sich?
Lehouck: Nein, wir sind immer auch real in Kontakt und sprechen viel miteinander. Dasselbe gilt auch für den Austausch mit den Ingenieuren. Manchmal kommen die Fahrer auch mit Fragen zu mir oder sie schauen sich an, wie ich einige Runden auf einer bestimmten Strecke fahre, welche Fahrlinie ich nutze, wie ich bestimmte Streckenpunkte angehe und so weiter. Genauso sehe ich, was sie machen.

Frage: Wer lernt mehr von wem?
Lehouck: Ich lerne definitiv mehr von ihnen. Sie haben einfach so viel mehr Erfahrung. Aber es gibt durchaus Punkte, bei denen ich als Sim-Racer eine gute Idee habe, was sie auf der Strecke anders machen könnten.

Heim-Simulator vs. Team-Simulatoren: Was sind die Unterschiede?

Frage: Wie unterscheiden sich die Simulatoren, die du zu Hause nutzt, von denen zum Beispiel bei DS Techeetah?
Lehouck: Zu Hause nutze ich eine viel einfachere Version eines Simulators als bei den Teams, allein schon aus Kostengründen. Aber zu Hause brauche ich auch keine High-End-Version. Das macht für mich kaum einen Unterschied. Für die Formel E zum Beispiel braucht man aber Simulatoren, die möglichst nah an der Realität sind. Ich würde sagen, dort sitze ich in den besten Simulatoren, die man sich vorstellen kann.

Frage: Macht es mehr Spaß, in den High-End-Simulatoren zu fahren?
Lehouck: Es geht dabei weniger um Spaß, eher um ein möglichst professionelles Setup, weil man an so viel mehr Details arbeiten kann. Zudem sind noch die Ingenieure dabei, die sich bestimmte Fahrsituationen anschauen möchten. Oder eben der Austausch mit den Fahrern selbst. All das sind ganz andere Bedingungen als im Simulator, den ich zu Hause habe.

Frage: Wann hast du mit Sim-Racing begonnen?
Lehouck: Das war vor fünf oder sechs Jahren. Aber natürlich noch nicht auf dem Level, auf dem ich jetzt bin. Dort bin ich erst seit ungefähr zwei Jahren. Den realen Motorsport habe ich 2007 im Kartsport begonnen. Dort wurde ich Zweiter in der Juniorenklasse der französischen Meisterschaft. Und in der Junioren-Europameisterschaft bin ich Siebter geworden. Doch am Ende fehlte es an Geld, um die weiteren Schritte in diesem Bereich zu gehen. So bin ich zum Sim-Racing gekommen. Als ich klein war, habe ich viel Zeit mit Video-Rennspielen verbracht. Zuerst am Controller. Dann habe ich mir das nötige Equipment zugelegt, um ins Sim-Racing umzusteigen.

Wechsel zwischen Sim-Racing und realen Rennen

Frage: Ist es schwierig, zwischen Sim-Racing und realen Rennen hin und her zu wechseln?
Lehouck: Ich finde es nicht schwierig. Nehmen wir die Formel E als Beispiel: Hier weiß ich genauso viel wie jeder der Fahrer. Wenn man mich ins echte Auto setzt, weiß ich auch, was ich tun muss. Man muss sich vielleicht einen oder zwei Tage an das reale Auto gewöhnen. Aber dann macht es keinen Unterschied mehr.

Frage: Im Mai und Juni ist die Formel E wegen der Corona-Pandemie auf die virtuelle Race at Home Challenge umgestiegen. Wie begeistert warst du davon, dass plötzlich Sim-Racing im Vordergrund stand?
Lehouck: Das war phantastisch für das Sim-Racing allgemein und auch die Formel E an sich. Die echten Fahrer und Sim-Racer bei jedem Rennen am Start zu haben, hat dem Bild vom Sim-Racing in der Öffentlichkeit sicher viel gebracht - auch wenn man auf die Umstände der Corona-Pandemie sicher hätte verzichten können.

Frage: MAHLE ist im Sim-Racing sehr engagiert. Wie wichtig ist es, dass namhafte Firmen Sim-Racing unterstützen? Ist das auch ein Signal für andere Unternehmen oder Marken?
Lehouck: Ich hoffe sehr, dass auch andere Firmen den MAHLE Weg gehen. MAHLE ist ein großartiges Unternehmen. Professionalität wird großgeschrieben. Für einen jungen Fahrer wie mich ist es eine tolle Möglichkeit, zu lernen und sich weiterzuentwickeln. Und durch das große Netzwerk von MAHLE steigt auch dein Bekanntheitsgrad. Alles in allem sind das phantastische Voraussetzungen.

Frage: Durch deine zahlreichen Engagements hast du sicherlich einen sehr vollen Terminkalender. Was steht für dich als nächstes auf dem Programm?
Lehouck: Die Vorbereitung auf die neue Formel-E-Saison, die im Januar beginnt, steht an. Und in einem Monat steht für mich das iRacing Petit Le Mans auf dem Plan. Vor einem Monat haben wir mit MAHLE das iRacing 24h Spa-Francorchamps powered by VCO auf Platz drei beendet. Das war ein vielversprechendes Ergebnis. Darauf wollen wir jetzt aufbauen.


Motorsport-Magazin.com Plus