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DTM / Analyse

Verbremste Euphorie - Nürnberg in der Analyse

Mehr Verbremser - weniger Unfälle: So lautete am Norisring die widersprüchliche, aber am Ende reizvolle Mischung...
von Wolfgang André Schmitz

Motorsport-Magazin.com - Machten sich in der Vergangenheit auf dem Norisring noch ganze Motorhauben selbstständig, so bildeten abgerissene Audi-Ringe an Tom Kristensen Dienstwagen diesmal das Höchste der Crash-Gefühle. Diszipliniert, aber keineswegs in Lausitzer Schläfrigkeit ging es zu auf dem Norisring - auch dank einer rekordverdächtigen Anzahl an Verbremsern...

Gebremstes Chaos

Noch vor einem Jahr geriet der Norisring für die neue Rennleitung zum Albtraum: War sie bei ihren ersten beiden Einsätzen noch durchweg gelobt worden, stand nun auch sie in der Kritik. Während das Safety-Car an der Spitze erneut Mühe hatte, den Führenden einzufangen, blieben Rotlichtverstöße in der Boxengasse ungeahndet. So konnten die Sportkommissare mit Erleichterung zur Kenntnis nehmen, dass sich die Piloten diesmal so diszipliniert wie selten auf dem Norisring zeigten. Für die vor Jahren in Serie vergebenen Durchfahrtsstrafen wollte sich einfach kein Grund finden...

Selten ging es am Start so diszipliniert zu - Foto: DTM

"Maro Engel war dicht hinter mir, und plötzlich bekam ich einen Stoß von hinten, durch den ich zur Seite gedrängt wurde. Er fuhr mir in die Seite - und ich verlor vier Plätze gegenüber den Vorjahres-Mercedes", brachte Oliver Jarvis eine der wenigen Beschwerden hervor, die laut Engel unter den beiden einstigen Teamkollegen in der britischen Formel 3 schnell vom Tisch schien: "Mit Oliver Jarvis kam es zu einer Berührung. Offenbar hatte er mich nicht gesehen und lenkte ein. Wir haben uns nach dem Rennen darüber unterhalten und die Sache geklärt." Und doch erlebten die Zuschauer eine Zahl an Zweikämpfen, die das Lausitzring-Pensum um ein Vielfaches übertraf...

Gewichtige Bremse

"Ich konnte anfangs viel Druck auf die Mercedes ausüben, und das hätte ich auch weiterhin gerne getan", spielte Tom Kristensen auf seine eindrucksvolle Anfangsphase an, die er als Speerspitze der Abt-Audi mit Angriffen auf Paul di Resta verbrachte. Ebenso wie seine Teamkollegen fuhr der Däne zeitweise auf Mercedes-Niveau - und führte Dr. Wolfgang Ullrich die bereits am Vortag verpassten Möglichkeiten vor Augen. Der Audi-Sportchef zeigte sich mit dem dritten Platz für Timo Scheider nur wenig zufrieden: "Wenn man aber in Betracht zieht, was möglich gewesen wäre, wenn Timo seinen Start nicht wieder verschlafen hätte, dann ist das Resultat heute bitter."

Die aktuellen Boliden zogen den Jahreswagen auf und davon - Foto: Sutton

Als bitter empfanden auch die Jahreswagenpiloten beider Parteien das Rennresultat. Wie gewohnt drehten die Fahrer der 2007er ihre Runden in einer eigenen zweiten Liga - diesmal mit dem schlechteren Ende für die wenig Norisring-kompatiblen Vorjahres-Audi. "Schon im letzten Jahr war die Strecke für unser Auto nicht perfekt. Hinzukam, dass wir nochmals zehn Kilogramm schwerer waren als die Mercedes. Aber auf die Distanz macht das Gewicht noch einmal mehr aus", fasste Mike Rockenfeller zusammen. Dass Gary Paffetts herausragender fünfter Platz wegen eines von den Technischen Kommissaren beanstandeten zu geringen Fahrzeuggewichts nicht lange Bestand hatte, passte ins dringend korrekturbedürftige Bild.

Verbremste Tabellenführung

Der sechste Saisonlauf in Zandvoort naht - und damit auch neues Konfliktpotenzial. Seit Jahren suchen sich die DTM-Protagonisten aus unbekannten Gründen ausgerechnet die niederländische Nordseeküste als Bühne ihrer schönsten Wortgefechte aus. Ein wichtiges Streitthema aus dem vergangenen Jahr: die Stallorder. Zwar verbietet das Reglement mittlerweile jene angeordnete Positionswechsel, wie sie die Ingolstädter innerhalb ihrer Vierfachspitze damals gleich zweimal vornahmen. Noch konfliktträchtiger ist jedoch die versteckte Teamregie.

Mattias Ekström sorgte für Spekulationen - Foto: Sutton

Wer wollte, konnte bereits am Norisring jene Verdächtigungen zwischen den Zeilen lesen, die eigentlich erst für die zweite Saisonhälfte angedacht waren. "Leider gab es noch einen Verbremser in der letzten Runde", beklagte Norbert Haug vor 1,2 Millionen TV-Zuschauern - und spielte auf den Positionswechsel zwischen Audi-Speerspitze Timo Scheider und Mattias Ekström an. "Man verbremst sich halt manchmal", wollte Haug auf Nachfrage des ARD-Reporters nicht konkreter werden. Doch auch abseits der Kameras ärgerte sich Haug über einen Fahrfehler der Konkurrenz wie selten zuvor: "Ohne den Verbremser von Ekström hätten wir Gleichstand bei den Fahrerpunkten..."

Der Schwede selbst konnte sich zwar gut damit abfinden, die Meisterschaftsführung für Audi versehentlich verteidigt zu haben - wusste seinen Fauxpas aber schlüssig zu erklären: "In der letzten Kurve habe ich dann meine schlechten Bremsen unterschätzt, kam von der Linie ab und musste Timo vorbeilassen. Aber ich fahre seit so vielen Jahren in der DTM und hatte so viele Erfolge, dass ich über diesen Fehler hinwegsehen kann..."

Gebremste Euphorie

Nach der Enttäuschung von 2006 schloss sich für Green der Noris-Kreis - Foto: Sutton

Was die (Un-)Emotionalität seines Jubels um seinen Norisring-Sieg anging, schien Jamie Green zwar selbst Kimi Räikkönen und Paul di Resta herauszufordern. Doch der im Gespräch durchaus eloquentere Engländer hat seine Gründe: Mit vier Triumphen in den vergangenen sieben Rennen ist das Siegen für Green mittlerweile zur Gewohnheit geworden - und nur Teil seines Ehrgeizes, die noch vor einem Jahr zahlreichen Kritiker mit gewinn Titelgewinn endgültig verstummen zu lassen. Jamie Green präsentiert sich fokussiert und konzentriert wie selten zuvor - ohne dabei wie in früheren Zeiten in Nervosität zu verfallen.

"Hier zu gewinnen, ist etwas ganz Besonderes für mich, nachdem es 2006 schon so knapp war", spielt Green auf jene schweren Zeiten an, in denen ihm mit Pole Positions und Spätstarts in Serie einfach kein Sieg gelingen wollte. "Ich bin sehr glücklich und erleichtert - Bruno hat viel Druck gemacht. Ich hatte leichte Probleme mit den Reifen, ich fand ausgangs der Kurven keine Traktion." Seinen entscheidenden Fortschritt, der mittlerweile zum Durchbruch geführt hat, erkennt auch Jamie Green: "Mir sind zwei Fehler passiert, die Bruno sehr nah an mich herankommen ließen - aber ich bin mental stark geblieben."


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