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DTM, Renn-Analyse Misano: Sieger Erikssons 93-Sekunden-Geschenk

Das Sonntags-Nachtrennen der DTM in Misano war pures Chaos. Motorsport-Magazin.com erklärt im Detail, wie Joel Eriksson vom letzten Platz gewinnen konnte.
von Robert Seiwert

Motorsport-Magazin.com - Mit nur zwei Führungsrunden im gesamten Rennen hat es Joel Eriksson geschafft: Der BMW-Rookie erzielte beim chaotischen Regenrennen in Misano am Sonntag seinen ersten Sieg in der DTM. Damit trug sich der 20-jährige Schwede nach Pascal Wehrlein als zweijüngster Rennsieger aller Zeiten in die Geschichtsbücher der Tourenwagenserie ein. Eriksson bescherte BMW nach Marco Wittmann (2) und Timo Glock (1) den vierten Sieg in der laufenden Saison.

Dabei hätten Erikssons Chancen auf den Triumph in den ersten Rennrunden kaum schlechter stehen können. Motorsport-Magazin.com analysiert, wie der BMW-Youngster das Rennen vom zwölften Startplatz überhaupt gewinnen konnte und welche Faktoren eine Rolle spielten.

Vor dem Rennstart trafen Eriksson und sein RBM-Team die wohl schlechteste Entscheidung: Als einziger Fahrer im Feld startete er auf Slick-Reifen. Zwar regnete es beim Start nicht, doch nach vorangegangenen Schauern war die Strecke noch nass und es dauerte viele Runden, um ausreichend abzutrocknen.

Eriksson verliert bis zu 7 Sekunden pro Runde

Das bekam Eriksson zu spüren, als er in der Startphase von den Fahrern mit Regenreifen vom 12. bis auf den 18. Platz durchgereicht wurde - innerhalb von 2 Runden! Nach Runde 2 hatte er schon 30 Sekunden Rückstand auf Spitzenreiter Mortara. Auch in den folgenden Runden konnte der rutschende Eriksson nicht mithalten. Auf den Führenden Mortara verlor er pro Runde 4 bis 7 Sekunden!

Später erklärte Erikssons Teamchef, Bart Mampaey, dass man die eigenen Autos auf unterschiedliche Strategien gesetzt habe. Doch der Start auf Slick-Reifen schien angesichts der Bedingungen keine erfolgsversprechende Strategie zu sein.

Mortara vs. Eriksson: Runde 1-7

Runde Edoardo Mortara Joel Eriksson
1 1:50.839 2:05.403
2 1:43.315 1:51.141
3 1:42.715 1:49.147
4 1:42.668 1:47.612
5 1:42.023 1:46.463
6 1:42.967 1:45.207
7 1:42.750 1:44.455

Eriksson umgeht die Slick-Falle automatisch

Aber: Der Reifen-Fehler könnte sich rückblickend als rennentscheidend entpuppt haben. Denn ab der dritten Runde begannen Konkurrenten plötzlich, ihre Pflichtboxenstopps einzulegen und selbst auf Slicks zu wechseln - obwohl die Strecke nicht optimal war und Erikssons Rundenzeiten absolut nicht darauf schließen ließen, dass Trockenreifen zu diesem frühen Zeitpunkt die richtige Wahl waren.

Eriksson fuhr an 18. Position, als plötzlich eine Art Kettenreaktion begann: Timo Glock, Mike Rockenfeller, Augusto Farfus (nach Runde 3), Gary Paffett, Philipp Eng, Bruno Spengler (nach Runde 4), Jamie Green und Lucas Auer (nach Runde 5), Daniel Juncadella, Nico Müller, Pascal Wehrlein (nach Runde 6), Loic Duval, Paul Di Resta und Marco Wittmann (nach Runde 7) steuerten nach und nach die Boxengasse an und ließen Slicks aufziehen.

Nachvollziehbare Gründe lassen sich nicht aus den Boxenstopps ablesen. Vielmehr dürften sich die Fahrer und Teams jeweils an der Konkurrenz orientiert haben. In Sorge vor einer Safety-Car-Phase - ein durchaus realistischer Faktor unter diesen Bedingungen - wollten alle Fahrer so schnell wie möglich den Pflichtboxenstopp hinter sich bringen, um nicht zum potenziellen Verlierer zu werden. Manche Fahrer kamen auf eigene Faust an die Box, andere nach Ansage ihres Teams.

Und das, obwohl Eriksson mit seinen Slicks in Runde 4 fast 5 Sekunden langsamer war als Mortara, in Runde 5 sogar 4,4 Sekunden und in Runde 6 noch immer 2,2 Sekunden. Erst in Runde 7 änderten sich die Streckenbedingungen merklich, sodass Eriksson im ersten Sektor Bestzeit fuhr. Doch selbst in dieser Runde war er knapp 2 Sekunden langsamer als die Spitze.

Eriksson ist nach Wehrlein der zweitjüngste Sieger der DTM-Geschichte - Foto: DTM

Die großen Regen-Verlierer

Ein Safety Car kam erst einmal nicht auf die Strecke - dafür aber der Regen. Selbst BMW hatte nicht damit gerechnet, dass es während des Rennens noch einmal regnen würde. Doch tatsächlich schüttete es ab der achten Runde!

So blieb den meisten Fahrern - namentlich: Duval, Di Resta, Müller, Farfus, Rockenfeller, Glock, Spengler, Paffett, Eng und Wehrlein (nach Runde 8) sowie Green, Auer und Juncadella (nach Runde 9) nichts anderes übrig, als je einen weiteren und damit zweiten Boxenstopp zu absolvieren und zurück auf Regenreifen zu wechseln. Sie alle waren die großen Verlierer des Rennens.

Besser lief es für Edo Mortara, Rene Rast, Robin Frijns, Gaststarter Alex Zanardi und Eriksson, die zu diesem Zeitpunkt noch auf den Start-Regenreifen unterwegs waren. Sie sparten sich im Vergleich zum Rest des Feldes einen Boxenstopp.

Eriksson: Vom letzten auf den fünften Platz

Dann traf BMW die goldrichtige Entscheidung und beorderte Eriksson zum Ende der neunten Runde an die Box. Der Fahrer selbst hatte einen wichtigen Anteil an dieser siegbringenden Strategie: Eriksson musste mit seinen Slicks unheimlich aufpassen, auf dem nassen Asphalt nicht die Kontrolle zu verlieren. Mercedes-Pilot Daniel Juncadella drehte sich hingegen mehrfach und schaffte es nicht einmal, in die Boxengasse zu fahren.

Mit einem Boxenstopp weniger und nun auch auf Regenreifen, wurde Eriksson vom letzten bis auf den fünften Platz nach vorne gespült. Vor ihm fuhren nur Mortara, Rast, Frijns und Zanardi, die überhaupt nicht gestoppt hatten.

Eriksson bekommt 93 Sekunden geschenkt

Eine gute Ausgangslage für Eriksson - und es kam noch besser: In Runde 12 drehte sich plötzlich Lucas Auer von der Strecke und grub seinen Mercedes im Kiesbett ein. Weil es dem Österreicher nicht schnell genug gelang, das Auto aus eigener Kraft zu befreien, rief die Rennleitung eine Safety-Car-Phase aus.

Eriksson hatte zu diesem Zeitpunkt 102,893 Sekunden (!) Rückstand auf den Führenden Mortara. Durch die Safety-Car-Phase wurde das Feld innerhalb kurzer Zeit zusammengeführt und Eriksson war nun der mit Abstand bestplatzierte Fahrer, der seinen Pflichtboxenstopp bereits erledigt hatte. Beim Re-Start zur 15. Runde hatte Eriksson noch 9 Sekunden Rückstand auf Mortara - das Safety Car hatte ihm praktisch 93 Sekunden geschenkt.

Rennverlauf: Erikssons Rückstand/Vorsprung

Runde Eriksson zu Mortara (Sek.) Ereignis
9 +74,273
10 +100,012
11 +103,886
12 +102,893 Beginn Safety Car
13 +41,92
14 +9,306
15 +13,962 Ende Safety Car
... ...
24 +28,854 Vor Mortaras Boxenstopp
26 -15,671 Nach Mortaras Boxenstopp

Rast wollte genervt aufgeben!

Dann war die Verwirrung nicht nur bei den Fahrern - die bekanntlich ohne Boxenfunk auskommen müssen - perfekt. Die Situation während des Safety Car war dermaßen unklar, dass Rene Rast seinen Audi aus purem Frust schon abstellen wollte, wie er später verriet, weil er sich einmal mehr um seine Siegchancen gebracht sah.

Was Rast zunächst nicht wusste: Tatsächlich hatten er, Mortara, Frijns, Zanardi und Eriksson eine komplette Runde Vorsprung auf alle anderen Fahrer. Diese durften sich während der Safety-Car-Phase nämlich nicht in die Führungsrunde zurückrunden, was zu weiterer Verwirrung beim Re-Start zur 16. Runde führte.

Deshalb gab es keine Zurückrundung

Der Grund für die Nicht-Zurückrundung aller Fahrer, die letztendlich für Erikssons Sieg verantwortlich war: Die Rennleitung entschied aufgrund der regnerischen Bedingungen und nicht zuletzt wegen der schwierigen Sichtverhältnisse, auf den Indy-Style-Restart zu verzichten und stattdessen klassisch starten zu lassen. Dadurch war das Feld zwar nicht geordnet, aber die Nicht-Stopper und Eriksson behielten ihren sportlichen Vorteil. Bei einem Indy-Style-Restart hätten sich alle Fahrer in die Führungsrunde zurückrunden dürfen - und das Rennergebnis hätte vollkommen anders ausgesehen.

So kämpfte plötzlich der Führende Mortara hart gegen Duval, der zwar direkt hinter dem Mercedes-Piloten fuhr, tatsächlich aber eine ganze Runde Rückstand hatte. Ohne die Möglichkeit des Teamfunks brauchten die Fahrer eine Weile, um die Situation richtig einschätzen zu können.

Kurios: Rene Rast wollte sogar vorzeitig aufgeben - Foto: DTM

Rennen nach Re-Start entschieden

Nach dem Re-Start war das Rennen praktisch schon entschieden: Eriksson fuhr an fünfter Stelle hinter Mortara, Rast, Frijns und Zanardi, die alle noch nicht gestoppt hatten. Der Rest des Feldes hatte mehr als eine Runde Rückstand auf das Führungs-Quintett. In den folgenden Runden absolvierten Zanardi (Runde 18), Rast (Runde 22), Mortara (25) und Frijns (29) ihre Boxenstopps, sodass Eriksson die Führung kampflos übernahm.

Als das Feld zur 30 Runde komplett bereinigt war, hatte Eriksson 4,7 Sekunden Vorsprung auf Verfolger Mortara. Der Mercedes-Pilot hatte nach seinem Boxenstopp rund 18 Sekunden Rückstand auf Eriksson, machte also innerhalb von 4 Runden ganze 14 Sekunden auf den BMW-Piloten gut. Für ein Überholmanöver reichte es jedoch nicht mehr, beim Zieleinlauf hatte Eriksson 1,8 Sekunden Vorsprung.

Eriksson vs. Mortara: Runde 26 - Zieleinlauf

Runde Eriksson Mortara
26 1:45.854 2:17.807 (Outlap)
27 1:45.995 1:44.246
28 1:45.862 1:42.961
29 1:46.364 1:42.969
30 1:45.263 1:42.411
31 1:45.638 1:42.681

Mortara war zwar schnell im Schluss-Stint, doch Eriksson machte besonders langsam. Der Schwede kontrollierte seine Pace und wollte sich bei den nassen Bedingungen keinen Fehler erlauben. So konnte sein Mercedes-Verfolger das Rennen innerhalb kurzer Zeit noch einmal spannender gestalten. Was zur späteren Verwirrung beitrug: Die Spitze um Eriksson fuhr in den letzten Runden so langsam, dass sich das komplette Feld mit Ausnahme von Daniel Juncadella in die Führungsrunde zurückrunden konnte!


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