DTM

Hockenheim-Testfahrten: Die große Analyse

Runden, Zeiten, Reifen, Regeln: Motorsport-Magazin.com nimmt die letzten Testfahrten vor dem Saisonstart der DTM genau unter die Lupe.
von Robert Seiwert
Alles neu! So funktioniert die DTM 2017: (05:27 Min.)

Schon lange waren die Testfahrten in der DTM nicht mehr so wichtig wie in diesem Jahr. Neue Autos, neue Reifen, neue Regeln - in der Saison 2017 wird alles anders. Einen Monat vor dem Saisonstart in Hockenheim hatten Audi, BMW und Mercedes an gleicher Stelle ein letztes Mal die Gelegenheit, ihre brandneuen Rennwagen zu testen. Motorsport-Magazin.com war vor Ort und liefert die Analyse zur viertägigen Testsession.

Die Runden

Bei jedem Test der wichtigste Faktor: Kilometer schrubben. Dreieinhalb Tage standen den Herstellern dafür in Hockenheim zur Verfügung. Diesmal kamen bei allen die finalen Spezifikationen zum Einsatz, nachdem die Homologationsphase am 1. März geendet war. Mercedes hielt es ähnlich wie sein Pendant in der Formel 1: Runden-König der Testfahrten!

Gary Paffett, Paul Di Resta, Lucas Auer, Robert Wickens sowie die beiden Neuzugänge Edo Mortara und Maro Engel spulten zusammen 1.580 Runden ab - die mit Abstand meisten aller drei Hersteller. "Unser Fokus lag darauf, viele, viele Kilometer abzuspulen und zu schauen, wie der Reifen funktioniert", erklärte Mercedes-Teamchef Uli Fritz die Marschroute. Ziel erreicht.

Auf Platz zwei der Runden-Tabelle folgte Audi. Die Ingolstädter um Mattias Ekström, Jamie Green, Mike Rockenfeller, Nico Müller sowie den Neuverpflichtungen Rene Rast und Loic Duval legten gemeinsam 1.310 Runden in Hockenheim zurück. "Wie immer beim Testen gibt es positive und nicht so positive Dinge", sagte Rockenfeller am Donnerstag. "Der Vormittag war gut. Am Nachmittag haben wir ein paar Sachen probiert, die nicht so ganz geklappt haben."

Das ist die komplette DTM-Klasse von 2017 - Foto: Speedpictures

Im Vergleich zu Audi und Mercedes hatte BMW zu kämpfen. 880 Runden fuhren Meister Marco Wittmann, Timo Glock, Bruno Spengler, Augusto Farfus, Maxime Martin und Tom Blomqvist im Verlauf der vier Tage - also nur rund die Hälfte des Mercedes-Pensums. BMW musste im Verlauf der Testtage mehrmals Teile am Antriebsstrang austauschen, was wichtige Zeit kostete. Bei Glock war am zweiten Tag schon nach vier Runden Feierabend. "Wir sind nicht so viel gefahren wie wir uns vorgenommen hatten", räumte BMW-Motorsportdirektor Jens Marquardt ein. "Aber Tests sind dazu da, Erfahrungen zu sammeln."

Drei Fahrern gelang es, die 300-Runden-Marke zu knacken: den drei Mercedes-Piloten Di Resta (331), Auer (329) und Wickens (316). Auf Audi-Seiten waren Rene Rast (280) und Nico Müller (276) am meisten unterwegs. Unterdessen schaffte es keiner der BMW-Fahrer, mehr als 200 Runden abzuspulen. Auf die wenigsten Umläufe kam Tom Blomqvist (92), gefolgt von DTM-Rookie Loic Duval (116) und Timo Glock (129).

Hockenheim: Die Bilanz der Hersteller

Hersteller Runden gesamt Beste Rundenzeit
Mercedes 1.580 1:30.238 (Di Resta)
Audi 1.310 1:30.559 (Rockenfeller)
BMW 880 1:30.201 (Glock)

Die Zeiten

"Wir fahren unglaublich schnelle Zeiten, das muss man mal sagen", war Lucas Auer im Gespräch mit Motorsport-Magazin.com verblüfft. Tatsächlich sind die neuen Autos mit die schnellsten in der Geschichte der DTM. Der bisherige Rekord auf dem aktuellen Streckenlayout von Mattias Ekström aus dem Qualifying 2009 - eine 1:31.894 - wurde mehrfach locker unterboten. Die schnellste Testrunde ging auf das Konto von Timo Glock. Der BMW-Pilot fuhr am abschließenden Donnerstag absolute Bestzeit in 1:30.201 Minuten - also 1,693 Sekunden schneller als Ekström 2009.

Auf Platz zwei ordnete sich Paul Di Resta mit einer 1:30.238, ebenfalls am Donnerstag erzielt, ein. An den drei Vortagen fuhren seine Mercedes-Kollegen Gary Paffett zweimal sowie Robert Wickens die jeweilige Tagesbestzeit. Mit Marco Wittmann fuhr der zweite BMW-Pilot neben Glock in die Top-3 der absoluten Bestzeiten: 1:30.262 am Donnerstag bei Temperaturen um die 15 Grad. "Die Autos waren noch nie so schnell, das hatte ich nicht erwartet", war Bruno Spengler im Gespräch mit Motorsport-Magazin.com überrascht.

Wittmann erklärt den 2017er BMW M4: (02:12 Min.)

Warum ist die 2017er-Generation so schnell? Das liegt vor allem an den neuen Reifen. Sie bieten im Vergleich zu den Vorgängern wesentlich mehr Grip und lassen dadurch schnellere Rundenzeiten zu. Hankook hat wie gewünscht wieder einen echten Rennreifen gebaut, da sind sich alle einig. Beim Saisonauftakt Anfang Mai werden höhere Temperaturen erwartet, dann könnten die Zeiten sogar im hohen 1:29er-Bereich liegen.

Mitverantwortlich für die niedrigen Rundenzeiten ist auch die Motoren-Power. Rund 20 PS mehr haben die neuen Boliden, erreicht durch einen größeren Durchmesser am Luftmengenbegrenzer. "Über die Mehrleistung wird fast ein bisschen zu wenig gesprochen", sagte Nico Müller zu Motorsport-Magazin.com. "Das spürt man überall ein bisschen, wenn man aufs Gas steigt." Obendrein bringt der - wenn auch weniger als ursprünglich geplant - Abtriebsverlust etwas mehr Topspeed auf der langen Geraden hin zur Parabolika.

Hockenheim: Die Bilanz der 18 Fahrer

Fahrer Hersteller Runden gesamt Pers. Bestzeit
Paul Di Resta Mercedes 331 1:30.238
Lucas Auer Mercedes 329 1:30.463
Robert Wickens Mercedes 316 1:30.517
Maro Engel Mercedes 219 1:31.080
Gary Paffett Mercedes 206 1:30.450
Edoardo Mortara Mercedes 179 1.31:202
Rene Rast Audi 280 1:30.952
Nico Müller Audi 276 1:30.822
Mike Rockenfeller Audi 242 1:30.559
Mattias Ekström Audi 203 1:30.603
Jamie Green Audi 193 1:30.865
Loic Duval Audi 116 1:31.584
Marco Wittmann BMW 213 1:30.262
Bruno Spengler BMW 148 1:30.640
Maxime Martin BMW 161 1:31.851
Augusto Farfus BMW 137 1:31.454
Timo Glock BMW 129 1:30.201
Tom Blomqvist BMW 92 1:30.893

Die Reifen

Die Reifen werden das beherrschende Thema der DTM-Saison 2017 sein. Die neuen Hankooks bieten wesentlich mehr Grip, bauen allerdings auch viel schneller ab. Der Peak ist je nach Fahrweise schon nach wenigen Runden erreicht, dann geht es massiv abwärts. Seit Jahren waren die Fahrer nicht mehr so sehr gefragt, auf ihre Reifen Acht zu geben. Dadurch rückt nicht nur der Pilot viel mehr in den Vordergrund, die neuen Reifen bieten auch zahlreiche Strategie-Möglichkeiten während der Rennwochenenden.

"Wenn die Reifen nicht mehr funktionieren, sind wir so langsam wie normale Straßenautos", verdeutlichte Lucas Auer die Relevanz gegenüber Motorsport-Magazin.com. Und Mattias Ekström ergänzte: "Am Donnerstag hat man hier nicht den richtigen Reifenabbau gesehen. Ich wünsche mir jeden Tag 30 Grad, dann wird der Reifen so richtig seine Leistung zeigen. Im Quali wird’s sehr schnell, und im Rennen haben wir dann viel mehr Abbau."

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Was sonst noch auffiel

Das komplette sportliche Reglement für die Saison 2017 ist noch in der Mache. Ein Punkt: Die Safety-Car-Regeln. Gary Paffett kündigte es schon am Mittwochabend an: "Schaut mal, was wir am Donnerstag in den letzten Minuten testen." Tatsächlich simulierten die Autos auf der Strecke eine Safety-Car-Phase.

Das Besondere: Hier wurde ein Re-Start in Zweier-Reihen ausprobiert statt der üblicherweise hintereinander fahrenden Autos - ganz nach dem Vorbild der NASCAR-Serie, um für noch mehr Spannung zu sorgen. Es war das erste Mal, dass dieses Prozerede in der DTM ausprobiert wurde. Aktuell ist völlig offen, ob es dieser Vorgang es wirklich ins Reglement schaffen wird. Die Verantwortlichen wollten lediglich die Gelegenheit nutzen, um diese Möglichkeit zu evaluieren.


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