DTM

Wer nicht bremst, verliert - Strafen-Wirrwarr in Brands Hatch

Nachträgliche Strafen wirbelten das Klassement nach dem Rennen in Brands Hatch noch einmal durcheinander. Motorsport-Magazin.com erklärt die Hintergründe.
von Annika Kläsener

Motorsport-Magazin.com - Wer in Brands Hatch glaubte, dass mit dem Fallen der Zielflagge das Rennwochenende vorbei war, wurde eines Besseren belehrt. Denn gleich nach Rennende wurden nachträgliche Strafen wegen des Missachtens gelber Flaggen ausgesprochen, die in erster Linie für Gary Paffett den Rennausgang gravierend änderten. Der Brite wollte gerade bei der Siegerehrung seinen dritten Platz feiern, als er erfuhr, dass er aufgrund einer 5-Sekunden-Strafe auf Rang sechs zurückfällt und Markenkollege Robert Wickens ans seiner Stelle mit Champagner spritzen darf.

Paffett war allerdings nicht der einzige, dem die Rennleitung fünf Sekunden aufbrummte - insgesamt traf es sechs Piloten. Motorsport-Magazin.com klärt für euch die wichtigsten Fragen.

Wie müssen sich die Fahrer bei gelben Flaggen verhalten?

Die Fahrer sollen, um die Streckenposten bei Bergungsarbeiten von havarierten Fahrzeugen zu schützen, vom Gas gehen. Dabei müssen sie in dem betroffenen Sektor mindestens eine halbe Sekunde unter der in der vorhergehenden Runde erzielten Zeit bleiben. Ansonsten droht eine Strafe.

Welche Fahrer wurden bestraft?

Prominentestes Opfer war Gary Paffett, der seinen Podestplatz verlor. Im Zuge dieses Aufregers gingen die anderen Piloten, die sich in den Augen der Rennleitung nicht an das Reglement gehalten hatten, unter. So wurden auch Filipe Albuquerque, Andy Priaulx, Daniel Juncadella, Timo Glock und Adrian Tambay bestraft.

Gary Paffett verlor durch die Strafe seinen Podestplatz. - Foto: DTM

Warum wurde die Strafe erst nach dem Rennen ausgesprochen?

Normalerweise würde eine Missachtung gelber Flaggen eine Laptime-Penalty nach sich ziehen und im Falle, dass diese nicht angetreten wird, käme eine Durchfahrtsstrafe hinzu. Dies traf in Brands Hatch Edoardo Mortara, der unter den von Augusto Farfus ausgelösten gelben Flaggen zu schnell unterwegs war. Anschließend kam er der Laptime-Penalty der Rennleitung nicht ordnungsgemäß nach und wurde mit einer Durchfahrtsstrafe belegt. Das gleiche Prozedere konnte bei den übrigen Piloten nicht angwandt werden, da sich das Rennen bereits stark dem Ende zuneigte und schlicht die Zeit zu knapp wurde. So bekamen sie nachträglich fünf Sekunden aufgebrummt.

Was kritisieren die Piloten an dieser Regelung?

Das Indy-Layout von Brands Hatch, das die DTM-Piloten befahren, umfasst nur 1,929 Kilometer, dementsprechend kurz sind die drei Sektoren. Im ersten Sektor verbringen die Fahrer etwa 16, im zweiten elf und im letzten 14 Sekunden. Daher fällt es ihnen schwer, in einem der Sektoren mindestens eine halbe Sekunde langsamer zu fahren. Zudem befand sich der havarierte Bolide von Mortara und zunächst auch das defekte Fahrzeug von Augusto Farfus im dritten Sektor, der hauptsächlich aus der Start-Ziel-Geraden besteht. Auf dieser erachten es die meisten Piloten schlicht für zu gefährlich, deutlich vom Gas zu gehen.

Außerdem herrschte etwa bei Timo Glock Verwirrung bezüglich der genauen Lage des Bereichs, in dem die gelben Flaggen galten. "Ich dachte, die Strecke sei wieder freigegeben, doch in Kurve fünf wurden wieder gelbe Flaggen geschwenkt", berichtete er speed-academy.de.

Was fordern die Fahrer?

Bereits vor dem Rennen in Brands Hatch kritisierten einige Fahrer, dass es auf einer derart kurzen Strecke wie Brands Hatch unangemessen sei, um eine halbe Sekunde verlangsamen zu müssen. Sie plädierten auf zwei Zehntel. Mit ihrem Vorschlag hatten sie bei der Rennleitung jedoch keinen Erfolg. Insgesamt geht es den Fahrern jedoch nicht nur um die exakte Zeit, einige stellen auch den Sinn der Vorgabe an sich in Frage. "Man fährt eine bestimmte Delta-Zeit, um eine Strafe zu umgehen, anstatt einfach in einer Art und Weise zu fahren, die den Bedingungen angepasst ist", bemängelte etwa Gary Paffett.

Man fährt eine bestimmte Delta-Zeit, um eine Strafe zu umgehen, anstatt einfach in einer Art und Weise zu fahren, die den Bedingungen angepasst ist.
Gary Paffett

In dieselbe Kerbe hieb auch Edoardo Mortara, der nach Ansicht der Rennleitung nicht genug verlangsamt hatte, als er den defekten Boliden von Farfus passierte. "Es ist gefährlich. Man muss auf der Geraden, wenn Autos um einen herum sind, bremsen, um diese Zeitdifferenz zu erreichen. Dabei könnte man einen Unfall verursachen", gab er zu bedenken. Paffett fordert die Verantwortlichen zum Handeln auf, auch wenn eine Abschaffung der Regelung für die Zukunft bedeuten würde, dass er den Podestplatz in Brands Hatch grundlos verlor. "Die Regel ist einfach nicht richtig und sie muss verändert werden."

Auch Timo Glock sieht Handlungsbedarf, allerdings nicht nur zum Wohle der Fahrer. "An dem neuen Strafensystem müssen die Verantwortlichen meiner Ansicht nach noch etwas feilen, damit es auch für alle verständlich ist - vor allem für die Zuschauer", verdeutlichte er gegenüber speed-academy.de.

Wird es Änderungen geben?

Auf Nachfrage von Motorsport-Magazin.com erklärte der Deutsche Motor Sport Bund (DMSB), dass derzeit keine Änderungen geplant sind. Sie wollen das neue Marshalling-System in der DTM dazu nutzen, technisch zu kontrollieren, ob sich die Fahrer unter gelben Flaggen korrekt verhalten. Dies dient dem Schutz der Streckenposten. Dennoch ist dem DMSB bewusst, dass dies auf der einen Strecke leichter, auf der anderen schwerer umzusetzen ist.

Doch nicht nur der DMSB, sondern auch ein Pilot hat sich für den Erhalt der aktuellen Regelung ausgesprochen. "Wenn sich jeder Fahrer an die Regel hält, wird die Arbeit der Streckenposten beim Bergen unserer Fahrzeuge sicherer", betonte Pascal Wehrlein in seiner Kolumne für Motorsport-Magazin.com. "Daher würde ich an dieser nichts ändern. Ich denke, es muss sich einfach jeder daran gewöhnen."


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