Ist der Luce der wichtigste Ferrari seit Jahrzehnten? – Man weiß es noch nicht, denn mit dem neuen Modell betritt Ferrari völliges Neuland. Nicht nur technisch, sondern auch philosophisch. Denn erstmals verzichtet ein Serienmodell aus Maranello vollständig auf einen Verbrennungsmotor. Kein V8, kein V12, kein aufheulender Sauger im Rücken. Stattdessen: vier Elektromotoren, eine 122-kWh-Batterie und ein komplett neu entwickeltes Fahrzeugkonzept.

Dass Ferrari diesen Schritt nicht halbherzig angeht, zeigt schon die Architektur. Der Luce ist nicht einfach ein elektrifizierter Sportwagen, sondern ein eigenständiges Modell mit vier Türen, fünf Sitzen und über fünf Metern Länge. Damit erweitert Ferrari sein Portfolio erneut Richtung Luxus-Gran-Turismo – allerdings diesmal elektrisch.

1.050 PS und 2,5 Sekunden auf 100 km/h

Technisch liest sich das Datenblatt wie ein Angriff auf alles, was bislang im Elektrosegment existiert. Vier unabhängig arbeitende Elektromotoren liefern zusammen bis zu 772 kW beziehungsweise 1.050 PS. Der Sprint von 0 auf 100 km/h gelingt in 2,5 Sekunden, Tempo 200 fällt nach 6,8 Sekunden. Die Höchstgeschwindigkeit liegt bei 310 km/h.

Präsentation des Ferrari Luce, Ferraris erstem Elektro-Auto.
Foto: Ferrari

Die Energie liefert eine 800-Volt-Batterie mit 122 kWh Kapazität. Ferrari spricht von bis zu 530 Kilometern Reichweite nach WLTP. Geladen wird mit maximal 350 kW, womit sich laut Hersteller 70 kWh in 20 Minuten nachladen lassen.

Bemerkenswert ist vor allem die technische Komplexität hinter dem Antrieb. Jeder Motor steuert ein eigenes Rad an. Dadurch kann das System die Kraftverteilung permanent variieren und praktisch in Echtzeit auf Grip, Fahrbahn und Lenkwinkel reagieren.

Ferrari setzt auf künstlichen Motorsound

Die wohl heikelste Aufgabe bei einem Elektro-Ferrari war das Thema Sound. Ferrari versucht dabei einen anderen Ansatz als viele Wettbewerber. Statt künstlich erzeugter V8-Simulationen, wie beispielsweise beim neuen Mercedes-AMG GT 4-Türer, nutzt der Luce reale Geräusche der Elektromotoren und verstärkt diese elektronisch.

Sensoren nehmen mechanische Vibrationen direkt an den Achsen auf. Diese werden gefiltert, verstärkt und sowohl innen als auch außen hörbar gemacht. Das Ergebnis soll laut Ferrari bewusst nicht wie ein Verbrenner klingen, aber dennoch emotional wirken.

Präsentation des Ferrari Luce, Ferraris erstem Elektro-Auto.
Foto: Ferrari

Ob das funktioniert, wird sich erst auf der Straße zeigen. Klar ist jedoch: Ferrari weiß selbst, dass ein Sportwagen ohne akustische Emotionen für viele Kunden kaum vorstellbar ist.

Design: Mehr Raumschiff als Supersportwagen

Auch optisch bricht der Luce mit klassischen Ferrari-Proportionen – und musste schon kurz nach der Premiere von vielen Fans der Marke heftige Kritik einstecken. Die lange, glatte Karosserie mit großer Glasfläche erinnert stellenweise leider eher an futuristische Luxuslimousinen als an einen klassischen Mittelmotor-Sportwagen.

Präsentation des Ferrari Luce, Ferraris erstem Elektro-Auto.
Foto: Ferrari

Interessant: Für das Design holte Ferrari erstmals das Kreativstudio LoveFrom ins Boot – gegründet vom ehemaligen Apple-Designer Jony Ive. Der Einfluss ist sichtbar. Das Cockpit setzt stark auf minimalistische Formen, reduzierte Linien und hochwertige Materialien.

Im Innenraum dominieren Aluminium, Glas und OLED-Displays. Viele klassische Bedienelemente bleiben erhalten, darunter mechanische Schalter, Drehregler und das berühmte Manettino am Lenkrad. Ferrari versucht damit offenbar, digitale Technik mit traditioneller Fahrerorientierung zu kombinieren.

Intereuer mit Lenkrad von Ferraris erstem Elektro-Auto Luce
Foto: Ferrari

Komfort statt kompromissloser Härte

Der Luce soll nicht nur schnell, sondern auch alltagstauglich sein. Ferrari spricht vom bislang komfortabelsten Modell der Marke. Dafür sorgen unter anderem aktive Fahrwerke, umfangreiche Geräuschdämmung und ein neues Federungssystem.

Intereuer mit Lenkrad von Ferraris erstem Elektro-Auto Luce
Foto: Ferrari

Hinzu kommen Features, die man bislang eher aus Luxuslimousinen kennt: Massagesitze, ein 21-Lautsprecher-Soundsystem mit 3.000 Watt Leistung und zahlreiche Assistenzsysteme inklusive Spurhalteassistent, Notbremsfunktion und 3D-Kamerasystem.

Intereuer von Ferraris erstem Elektro-Auto Luce.
Foto: Ferrari

Spätestens hier wird klar: Der Luce richtet sich nicht an Puristen, sondern an eine neue Kundengruppe. Menschen, die Leistung wollen, aber ebenso Komfort, Digitalisierung und Alltagstauglichkeit erwarten.

Ferrari verändert sich,vielleicht für immer

Der Ferrari Luce ist kein elektrischer 488 und auch kein emissionsfreier SF90. Er ist vielmehr der Versuch, die Marke neu zu definieren, ohne ihre Identität komplett aufzugeben.

Ferrari setzt weiterhin auf extreme Fahrleistungen, aufwendige Technik und emotionale Inszenierung. Gleichzeitig entfernt sich der Hersteller deutlich von jener kompromisslosen Sportwagen-DNA, die die Marke jahrzehntelang geprägt hat.

Präsentation des Ferrari Luce, Ferraris erstem Elektro-Auto.
Foto: Ferrari

Genau deshalb ist der Luce vermutlich der spannendste Ferrari seit langer Zeit. Nicht wegen seiner Leistung. Sondern weil er die Frage aufwirft, wie weit sich eine Ikone verändern darf, ohne ihren Charakter zu verlieren.