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Formel 1 - Best of 2013: Der Stern von Mercedes geht auf

Silberne Auferstehung

Im Schatten von allerlei Querelen entwickelte sich Mercedes zum GP-Sieger. Das Motorsport-Magazin taucht ab in die silberne Erfolgswelt.
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Motorsport-Magazin.com - Der Nachthimmel über Singapur funkelt fast so hell wie der Singapore Flyer, das größte Riesenrad der Welt. Ein atemberaubender Anblick, aber Niki Lauda hat auch um 01:00 Uhr Nachts nur Augen für ein winziges Handy-Display. Immer wieder zückt er beim Abendessen sein Mobiltelefon, tippt hektisch Nachrichten und wartet nervös auf die Antworten. Der dreifache Weltmeister und baldige Aufsichtsratsvorsitzende des Mercedes Formel-1-Teams lässt sich jedoch nicht entlocken, welche zukunftsweisende Personal-Entscheidung gerade unter dem Sternenmeer von Singapur per Textnachricht getroffen wird. Er wolle noch mit Freunden ausgehen, wiegelt Lauda skeptische Nachfragen ab. Am nächsten Tag besiegelt eine weitere SMS während der Fahrerparade den Deal: Lewis Hamilton wechselt von McLaren zu Mercedes.

Der Wechsel des Weltmeisters von 2008 ist einer der vielen Bausteine, die in den vergangenen drei Jahren in Position gebracht wurden, um das Silberpfeil-Team aus den Niederungen des Mittelfeldes an die Spitze der Formel 1 zu führen. Dazu gehören auch Neuzugänge wie Technikdirektor Bob Bell, Engineering Director Aldo Costa, Technology Director Geoff Willis, Chefdesigner Mike Elliot und zuletzt Executive Director (Technical) Paddy Lowe. Die Vielzahl der Bezeichnungen und Titel deutet bereits an: Mercedes scheute sich nicht davor, kräftig zu investieren und die besten Ingenieure nach Brackley zu locken.

Ich freue mich riesig darüber. Aber rechnen konnte man nicht wirklich damit.
Michael Schumacher

Selbst die Häme und den Spott über zeitweise fünf ehemalige oder aktuelle Technische Direktoren in den Reihen der Silbernen ertrug das Team gelassen. Noch gegen Saisonende 2012 mutmaßte Eddie Jordan im Motorsport-Magazin, dass zu viele Köche den Brei verderben könnten - und die Ergebnisse auf der Strecke halfen nicht gerade, um die Kritiker verstummen zu lassen.

Das hat sich in dieser Saison schlagartig geändert. Mercedes war mit Platz zwei in der Konstrukteurs-WM das am meisten verbesserte Team des Jahres. "Wir haben jetzt schon mehr Punkte geholt als im gesamten vergangenen Jahr", rechnet Nico Rosberg dem Motorsport-Magazin vor der Sommerpause vor. "Das ist ein riesiger Fortschritt und sehr wichtig für uns."

Die Performancesteigerung des Teams im Vergleich zum Leistungsstand zum Ende des vergangenen Jahres überraschte selbst Michael Schumacher, der in den letzten drei Saisons vergeblich versuchte, auch nur annähernd solche Erfolge einzufahren, wie Rosberg und Hamilton sie in diesem Jahr erzielen können. "Ich freue mich riesig darüber", sagte Schumacher. "Aber rechnen konnte man nicht wirklich damit."

Nico Rosberg triumphierte 30 Jahre nach seinem Vater in Monaco - Foto: Sutton

Einen großen Teil zu dieser Leistungssteigerung trugen die neuen Verantwortlichen bei, wobei der Einflussbereich von Niki Lauda und Toto Wolff eher im organisatorischen, psychologischen Bereich zu sehen ist, das Auto entwickelte die Technikerriege, die Ross Brawn in den vergangenen Jahren zusammengeführt hat. "Tatsache ist, dass nicht meine Person für die Performance des aktuellen Autos zuständig ist, sondern Designchef Aldo Costa und Aerodynamikchef Mike Elliott, der im vergangenen August zum Team gestoßen ist", bestätigt Wolff im Interview mit dem Motorsport-Magazin. "All die wichtigen Entscheidungen wurden von diesen Personen bereits vor Monaten getroffen."

Ein weiterer Beleg dafür, dass Fortschritte auch in der schnelllebigen Welt der Formel 1 vor allem eins benötigen: viel Zeit. Diese Ansicht bestätigt Ferrari-Teamchef Stefano Domenicali: "Die Formel 1 ist nicht wie Fußball, wo man einen Verteidiger oder Torwart austauscht und plötzlich die beste Mannschaft hat." Wenn an einem Formel-1-Team Veränderungen bei den Methoden oder in der Organisation vorgenommen werden, sehe man die Vorteile erst in einem Jahr oder sogar noch später.

Der Mercedes ist absolut bei der Musik dabei, vor allem wenn ich daran denke, wie grausam das Auto im letzten Jahr teilweise gelegen ist.
Christian Danner

Bei Mercedes scheint diese Findungsphase erste Früchte abzuwerfen. Der Silberpfeil vom Typ F1 W04 war ab dem ersten Rennen in Melbourne konkurrenzfähig. Schon nach dem Freitagstraining stellte Motorsport-Magazin.com-Experte Christian Danner fest: "Der Mercedes ist absolut bei der Musik dabei, vor allem wenn ich daran denke, wie grausam das Auto im letzten Jahr teilweise gelegen ist. Aus diesem Tal der Tränen ist Mercedes offenbar heraus."

Bereits zur Saisonhälfte stand fest: diese Vorhersage war goldrichtig. Der Mercedes ist vom reinen Speed auf einer Runde gesehen eines der schnellsten Autos im Feld, vielleicht sogar schneller als der Red Bull. Doch Formel-1-Rennen bestehen in den allermeisten Fällen aus mehr als nur einer Runde - das wurde dem F1 W04, ähnlich wie seinen Vorgängern, mehr als nur einmal zum Verhängnis.

"Das Team hat im Winter super gearbeitet und wir haben gemeinsam gigantische Erfolge eingefahren, aber uns fehlt noch die Konstanz", gesteht Rosberg. Der Grund dafür ist Rosberg bestens bekannt: "Es geht vor allem darum, wie unser Auto mit den Reifen und Temperaturschwankungen umgeht." Das Auf und Ab in der silbernen Form bewirkte einige Rennen, bei denen Rosberg und Hamilton binnen weniger Runden aus der ersten Reihe ins Mittelfeld durchgereicht wurden. Selbst Hamilton verlor zwischenzeitlich den Glauben an die Rennpace seines Autos und sagte nach seiner Pole in Ungarn mit versteinerter Miene: "Ich sehe keine Anzeichen, dass es im Rennen besser sein wird."

Lewis Hamilton holte sich einen Sieg im Silberpfeil - Foto: Mercedes AMG

Aber Hamilton irrte sich: am nächsten Tag gewann er sein erstes Rennen für Mercedes. Dabei machen die Verantwortlichen im Team den Eindruck, dass sie die Reifenprobleme noch immer nicht wirklich verstehen. Entsprechend wollte Ex-F1-Fahrer Johnny Herbert im Gespräch mit dem Motorsport-Magazin nicht beurteilen, ob Mercedes die Schwierigkeiten überkommen kann. "Ich glaube nicht, dass sie es selbst verstehen", bestätigt er. "Es scheint sich auch von Strecke zu Strecke zu verschieben - manchmal ist es okay, manchmal wie am Nürburgring nicht." Die Konstanz fehlte.

Mercedes-Teamchef Ross Brawn gestand, dass diese Situation für ihn und seine Truppe frustrierend sei. "Langfristig gesehen wird der schmerzvolle Weg, den wir gerade beim Verstehen der Reifen beschreiten, für uns aber von Vorteil sein", glaubte er. Sein Hoffnungsschimmer: Während Mercedes sich gerade das Verständnis der Reifen erarbeitet, ist dies bei der Konkurrenz nicht der Fall. Die anderen Top-Teams seien schnell, wüssten allerdings nicht wieso. "Es ist eine gefährliche Situation, wenn man gut ist und es nicht versteht, dann gibt es keinen Anreiz, eine Lösung zu finden."

Ich finde es so cool, mit dem besten Auto zum Rennwochenende zu kommen und zu wissen, dass ich damit auf Pole fahren und gewinnen kann.
Nico Rosberg

Herbert prophezeite dem Motorsport-Magazin deshalb bereits auf dem Nürburgring: "Lewis kann noch in diesem Jahr Weltmeister werden!" Die Entwicklungsgeschwindigkeit des Teams war gut. "Sämtliche Updates, die wir an die Strecke gebracht haben, haben auch funktioniert", betonte Brawn. Angesichts des bevorstehenden Reglementumbruchs im kommenden Jahr blieb jedoch die Frage, ab wann sich das Team vermehrt um die Entwicklung des neuen Autos kümmern würde.

Selbst Nico Rosberg war diesbezüglich hin und hergerissen. "Ich finde es so cool, mit dem besten Auto zum Rennwochenende zu kommen und zu wissen, dass ich damit auf Pole fahren und gewinnen kann", verriet er. Andererseits muss das Team den richtigen Zeitpunkt abpassen, um sich auf 2014 zu konzentrieren. Die breite Aufstellung in der Technikabteilung ermöglicht es zumindest, gleichzeitig an mehreren Projekten mit Topleuten zu arbeiten.

Spätestens mit dem Beginn der neuen Motoren-Ära 2014 gilt Mercedes für viele Experten als heißer WM-Anwärter. Schon seit Monaten arbeiten die Motorenbauer in Brixworth und die Technikmannschaft in Brackley daran, die neuen Power Units auf die Bedürfnisse des nächsten Silberpfeils zuzuschneiden. Motorenchef Andy Cowell verriet bereits im Januar im Rahmen eines Werksbesuchs: "Früher haben wir bei der Entwicklung des V8-Motors mit McLaren zusammengearbeitet, jetzt arbeiten wir mit dem Team von Bob Bell zusammen." Das könnte dem Werksteam einen entscheidenden Vorteil in der neuen Ära verschaffen. Wenn nicht, dürften Niki Laudas Handy wieder einige unruhige Nächte bevorstehen.

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