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WRC

Vorschau: Die WRC-Saison 2005 kann beginnen

Sebastian Loeb und Citroen gehen als Titelverteidiger ins neue WRC-Jahr. Doch die Konkurrenz ist bereit den Kampf aufzunehmen.
von Stephan Heublein

Motorsport-Magazin.com - Genug der Pause: Kaum mehr als zwei Monate nach dem spannenden Finale 2004 startet die Rallye-Weltmeisterschaft wieder in die neue Saison. Für Reifenhersteller Michelin – gemeinsam mit Citroën und Sébastien Loeb Weltmeister sowohl in der Marken- als auch in der Fahrerwertung – gibt es an der Aufgabenstellung keinen Zweifel: Der Konzern aus Clermont-Ferrand peilt den 37. und 38. Rallye-WM-Titel seiner Geschichte an.

Dabei rüstet die Marke mit dem Bibendum drei der sechs in der Rallye-Weltmeisterschaft engagierten Werke mit den erfolgreichen Pneus der Pilot-Baureihe aus. Bei einigen der insgesamt 16 Wertungsläufen sorgt zudem ein neues Reifen-Regularium für nochmals anspruchsvollere Bedingungen.

Los geht´s in Monaco

Die Karten sind neu gemischt, das Spiel kann beginnen: Nicht nur aus Sicht von Michelin bringt die neue Saison in der Rallye-Weltmeisterschaft erneut markante Veränderungen mit sich. Obwohl der Kalender mit 16 WM-Veranstaltungen im Vergleich zum Vorjahr nicht reduziert wurde, dürfte die Menge der benötigten Rallye-Pneus aus französischer Fertigung abnehmen: Mit Citroën, Ford und Skoda konzentriert sich Michelin in 2005 auf nur noch drei der sechs in der Rallye-WM vertretenen Werksteams. Nach zahlreichen gemeinsamen Erfolgen wechseln sowohl Peugeot als auch Mitsubishi, die Viert- und Fünftplatzierten der Marken-Wertung 2004, zu einem konkurrierenden Ausrüster.

In Schweden, Italien, Argentinien, Finnland und Japan müssen alle Werksfahrer in punkto Pneus den Gürtel enger schnallen: Während die Teams üblicherweise zwei verschiedene Reifenprofile pro WM-Lauf nominieren dürfen, steht in Absprache mit der Motorsporthoheit FIA zur Kostenreduzierung bei diesen fünf WM-Läufen nur noch ein einziges Laufflächenmuster zur Verfügung. Dieses ist aber auch weiterhin in variierenden Gummimischungen erhältlich, um abweichenden Asphalttemperaturen entsprechen zu können. Und: Die Laufflächen dürfen per Hand und gemäß den individuellen Wünschen der Fahrer nachgeschnitten werden.

Ebenfalls neu for 2005: Fahrer und Beifahrer müssen fortan das "Head and neck support system" (HANS) tragen, das Kopf und Nackenmuskulatur im Falle eines Unfalles schützt und sich in der Formel 1 und im Tourenwagenbereich bereits bestens bewährt hat. Die Beantwortung der Frage, ob es sich auch für den Einsatz im Rallye-Sport eignet, wird mit Spannung erwartet.

Auch das umstrittene SupeRally-Prinzip wurde neu geregelt: Wer durch einen technischen Defekt oder einen Unfall bereits ausgeschieden war, darf trotzdem weiter an der Veranstaltung teilnehmen – sogar in Wertung. Für jede nicht absolvierte Wertungsprüfung werden dem Fahrzeitkonto jedoch fünf Minuten gut geschrieben.

Jugend forsch: Der Generationswechsel in der Rallye-WM setzt sich fort

Ein umfassendes Stühlerücken hat die Fahreraufstellung grundlegend durcheinander gewirbelt und für spannende Konstellationen gesorgt. So nutzte der aufstrebende Jungstar François Duval den Abschied von Altmeister Carlos Sainz als Chance und wechselte von Ford zu Citroën. An der Seite des amtierenden Weltmeisters Sébastien Loeb will der erst 24 Jahre alte Belgier nun beweisen, was in ihm steckt. Auf eine Konstante kann er sich dabei verlassen: Die Xsara WRC rollen ebenso wie das Focus World Rally Car auf Pneus von Michelin.

Nichts weniger als die Titelverteidigung hat sich indes Loeb auf die Fahnen geschrieben. Im Vorjahr war der 30-jährige Franzose fulminant in die Saison gestartet: Er gewann vier der ersten sieben WM-Läufe und stellte dabei sein überragendes Allround-Talent auf den eisigen Pisten Schwedens ebenso unter Beweis wie auf dem Asphalt der Rallye Monte Carlo oder den Schotterpfaden auf Zypern und in der Türkei. Und dass er nicht nur zu den heißesten Glühern gehört, sondern in entscheidenden Situationen auch einen kühlen Kopf bewahren kann, dies stellte der Elsässer mit taktisch klugen Fahrten auf Korsika und in Spanien nachhaltig unter Beweis.

Einziger Wermutstropfen für Citroën: Nach der überraschenden Ankündigung, dass die Marke mit dem Doppelwinkel ebenso wie Konzernschwester Peugeot vorläufig zum letzten Mal in der Rallye-WM antritt, musste Teamchef Guy Fréquelin auch die bereits weit fortgeschrittene Entwicklung des World Rally Cars auf Basis des neuen Citroën C4 einstellen.

Auf ein Übergangsjahr hat sich auch die Werksequipe von Ford eingerichtet: 2005 tritt die Mannschaft rund um den deutschen Sportchef Jost Capito nochmals mit dem Focus WRC04 an, während parallel die Entwicklung des neuen Modells für die folgende Saison auf Hochtouren läuft. Das fahrende Personal besteht komplett aus neuen Gesichtern: Der 29-jährige Finne Toni Gardemeister hat seine Grundschnelligkeit bereits bei Skoda nachhaltig unter Beweis gestellt. Sein Teamkollege wird ihm bekannt vorkommen: Mit Roman Kresta erhält ein hochtalentierter Nachwuchsfahrer aus Tschechien von Ford die Chance, nach eher sporadischen Einsätzen am Steuer eines WRC nun den Durchbruch zu schaffen. Erfahrungen mit den Wettbewerbsreifen von Michelin bringen beide mit.

Ebenfalls auf Werksmaterial von Ford dürfen Anthony Warmbold sowie Henning Solberg, der ältere Bruder des Subaru-Werksfahrers Petter Solberg, zurückgreifen: Sie gehen unter der Bewerbung des Teams M-Sport an den Start, das verantwortlich zeichnet für den WM-Einsatz des amerikanischen Konzerns.

Einen deutlichen Sprung nach vorn hat sich auch Skoda vorgenommen. Nach dem erfolgreichen Debüt des Fabia WRC und einem Entwicklungsjahr nimmt der tschechische Hersteller wieder an der kompletten WM-Saison teil. Nummer-1-Pilot Armin Schwarz darf sich ab der Rallye Mexiko auf mehr Schub und eine nochmals verbesserte Aerodynamik freuen: Dann steht die in enger Zusammenarbeit mit Audi Sport entwickelte jüngste Homologations-Version des kompakten Fabia zur Verfügung.

Am Steuer weiterer Rallye-Boliden aus Mlada Boleslav wechseln sich aller Voraussicht nach gleich fünf verschiedene Nachwuchstalente ab: Neben den schwer Vollgas-verdächtigen Finnen Janne Tuohino und Jani Paasonen kommen auch die jüngste französische Nachwuchshoffnung Alex Bengue sowie der Tscheche Jan Kopecky zum Einsatz. Alles andere als ein PR-Gag verbirgt sich auch hinter der Fahrerbesatzung des dritten Fabia WRC für die Rallye Schweden: Kein geringerer als der amtierende DTM-Champion Mathias Ekström geht auf heimischem Boden als Favoritenschreck an den Start. Dass er sich auf den rasant schnellen Schneepisten pudelwohl fühlt, dies hat Ekström bereits im Vorjahr nachhaltig bewiesen – er verwies mit einem seriennahen Mitsubishi Lancer die versammelte Gruppe N-Weltelite in ihre Schranken.

Besondere Herausforderung für den Reifen-Partner

Die Ansprüche, die die Rallye-Weltmeisterschaft an die Pneus der WRC-Boliden stellt, könnten kaum komplexer sein: Auf den glühend heißen Asphaltpisten Korsikas ist rennmäßiger Grip ebenso gefragt wie auf den staubigen Straßen in Spanien. Über die verschneiten Pisten Schwedens wedeln die Rallye-Cracks dank Spike-Pneus mit bis zu Tempo 210. Der besonders feine Schotter Australiens erzeugt einen dem Aquaplaning nicht unähnlichen Effekt.

Die aggressiven Pisten in Griechenland, auf Zypern und Sardinien sowie in der Türkei verlangen besonders robuste Reifen mit ausgeprägten Notlaufeigenschaften. Bei der oftmals verregneten Rallye Argentinien wiederum sind perfekte Aquaplaning-Qualitäten hochgefragt. In Finnland wechseln sich irrwitzig schnelle Schotterpassagen mit Aufsehen erregenden Sprungkuppen ab, und in Neuseeland tanzen die Hightech-Allradler auf griffigem Schotter von einem Drift in den nächsten.

Die Rallye Monte Carlo – nach wie vor Saisonhöhepunkt und -auftakt zugleich – zeichnet sich im Januar vor allem durch ihre Unberechenbarkeit aus: In den bitterkalten Seealpen können sich trockener und nasser Asphalt sowie Schnee und Eis in einer einzigen Wertungsprüfung abwechseln. Nur wer einen kühlen Kopf bewahrt und den richtigen Pneu aus der beinahe unüberschaubaren Vielfalt des Angebots wählt, rollt als Erster über die Zielrampe im Hafen von Monaco. Und wer wie Michelin als Reifenhersteller sieben Konstrukteurs-Titel in Folge erringen will, der braucht neben technischem Know-how auch viel Erfahrung und den Mut zu innovativen Lösungen.



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