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Janis McDavid: Keine Arme, keine Beine, eine Ideallinie

Der Motorsport schreibt besondere Geschichten. Wie die von Janis McDavid, einem Menschen, der auszog, um ohne Arme und Beine neue Grenzen zu sprengen.
von Robert Seiwert

Motorsport-Magazin.com - Der Artikel wurde in der 80. Ausgabe des Printmagazins von Motorsport-Magazin.com am 02. September 2021 veröffentlicht.

Da saß er nun, der junge Mann in seinem schicken, grün-weißen Rennoverall. Und mit einigen skeptischen Blicken auf ihn gerichtet, als er durch das Fahrerlager der Oldschool-Strecke Zolder zum Auftakt des DTM-Wochenendes rollte. "Ich habe mir vorgestellt, was die Leute so denken", sagt Janis McDavid. "Bei manchen Reaktionen habe ich etwas gesehen nach dem Motto: 'Ah, der Behinderte darf jetzt auch mal einen Rennanzug anziehen...'"

Kann man es den unwissenden Neugierigen verdenken? Janis hat einen Rennanzug und einen Rennhelm. Nur Arme und Beine, die hat der 29-Jährige nicht. Tatsächlich noch nie gehabt, seit seiner Geburt fehlt ihm, was ein Großteil der Menschheit als völlig selbstverständlich erachtet. "Dann", strahlt Janis im Gespräch mit Motorsport-Magazin.com, und die Erinnerungen lösen noch beim Schreiben dieser Zeilen Gänsehaut aus: "Dann haben die Leute gesehen, dass ich hier einen Rennwagen fahre und nicht nur als 'Deko' da bin."

Fast schon unglaublich, aber wahr: Janis McDavid fuhr im Rahmen des belgischen DTM-Wochenendes an beiden Renntagen die Einführungsrunde, bevor sich die Profis mit ihren Audis, Mercedes oder Ferraris in der Startaufstellung einreihten. Es war für die Zuschauer vor Ort oder vor dem Fernseher nichts anderes als ein technologisches wie menschliches Spektakel, miterleben zu dürfen, wie Janis samt eines speziell umgebauten BMW E46 M3 auf dem anspruchsvollen Zolder-Kurs durch die engen Kurven flitzte und Höchstgeschwindigkeiten von bis zu 160 km/h erreichte.

Ein ziemlich cooles Gefühl sei es gewesen, "zu wissen, dass so viele Rennlegenden hier sind und ich vorne wegfahren darf", sagt der gebürtige Hamburger später. Nervös? Immerhin gilt Zolder als echter Gradmesser und nicht selten war die Fahrt für Profi-Piloten nach einem ungeplanten Ausflug in die Streckenbegrenzung vorzeitig beendet. "Natürlich war ich nervös", sagt McDavid, der offenbar in so ziemlich allen Lebenslagen einen souveränen Eindruck hinterlässt. "Das war das erste Mal, dass ich ganz alleine fahren durfte, sonst hatte ich immer einen Beifahrer dabei. Es kann immer etwas passieren, ich hatte aber immer das Gefühl, das Auto gut unter Kontrolle zu haben."

'Unter Kontrolle', das bedeutet in Janis' Fall: den in die Sitzschale integrierten Vier-Wege-Joystick perfekt anliegend zwischen der linken Achsel eingeklemmt zu haben, mit dem er seinen BMW M3 steuert: Gas geben, bremsen, nach links und rechts lenken, all das erledigt er nur mit seinem Körper, unheimlich viel Feingefühl und diesem speziellen Joystick, der ein wenig an alte Spielekonsolen erinnert. Eine Technologie, die längst real ist, aber stets einen Eindruck von Science-Fiction hinterlässt, wenn sich das Lenkrad wie von Zauberhand - und ohne Hände - im Cockpit dreht.

Diesen BMW M3 steuert Grenzensprenger Janis McDavid - Foto: Schaefller Paravan

"Ich habe davor absolut größten Respekt. Und seine Art, wie positiv er ist und wie er strahlt, das ist schon Wahnsinn", sagt der langjährige DTM-Pilot Timo Glock, der vor dem Rennwochenende als wohl schnellster 'Fahrerlehrer' der Welt fungierte und McDavid im vorauseilenden Safety Car die Eigenheiten der Strecke näherbrachte. Glock: "Da ziehst du schon den Hut, wenn du weißt, wie eng es hier rumgeht und wie du von rechts nach links lenken musst. Er ist da wirklich die ganz normale Rennlinie gefahren."

Glock kann das ansatzweise einschätzen, nachdem er selbst dem Erfinder dieses Systems, der Firma Schaeffler Paravan aus dem schwäbischen Aichelau, einen Besuch abgestattet und ein Straßenauto allein durch die Steuerung eines Vier-Wege-Joysticks gefahren war. "Aber nicht mehr als 30 km/h", lacht Glock. "Wenn du alles mit einem Joystick machst, brauchst du ein enormes Feingefühl. Und ich rede von meiner funktionalen Hand..."

Die Hände sind es nicht, aber etwas andere verbindet Timo Glock und Janis McDavid: das besondere und dreifach redundante Lenksystem, mit dem sie über Rennstrecke oder Straße schnellen. Was es Janis seit vielen Jahren und 350.000 Kilometern unfallfreier Fahrt ermöglicht, wie alle anderen Menschen am Straßenverkehr teilzunehmen, hat Glock in seinem ROWE-BMW verbaut, mit dem er dieses Jahr in der DTM an den Start geht.

Gemeint ist das sogenannte Space Drive, das seit 2019 vermehrt auch im Motorsport Einzug gehalten und auf der Rennstrecke unter extremen Bedingungen weiterentwickelt wird. Die komplexe Technik dahinter in zwei Sätzen erklärt: Es handelt sich um ein Steer-by-Wire-System, bei dem eine mechanische Verbindung zwischen Lenkgetriebe und Lenkrad nicht mehr vorhanden ist. Die Übertragung der Lenkbefehle erfolgt stattdessen innerhalb von Millisekunden über Kabel - also 'by Wire' - durch elektrische Impulse.

"Dass ich so eng mit jemandem wie Timo Glock zusammenarbeiten darf, kommt selten vor", sagt Janis, der kurz vor seiner Reise ins belgische Zolder zusammen mit Freunden den Kilimandscharo bereist hatte. "Er war vielleicht von mir beeindruckt, ich aber auch von ihm. Ich selbst fahre Space Drive seit elf Jahren in einem normalen Straßenauto. Zu wissen, dass er die gleiche Technologie in einem DTM-Auto fährt und ich ein Stück weit der Vorreiter dafür bin, ist ein wahnsinnig cooles Gefühl."

Ein Stück weit gelebte Inklusion auch im Rennsport. Genau darum geht es Janis McDavid, der als Speaker und Buchautor seit einigen Jahren - natürlich selbst am Steuer seines umgebauten Mercedes Sprinter - durch die Weltgeschichte tourt und Menschen mit seiner positiven Art inspiriert.

"Ich habe hier bei der DTM und mit diesem Rennauto-Projekt natürlich einen riesengroßen Spaß", sagt Janis. "Aber im Grunde genommen geht es um die Botschaft dahinter. Meine Vision ist es, in einer Welt zu leben, in der Merkmale, die uns unterscheiden, nicht zu einem Unterschied führen. Und hier können wir an einem wahnsinnig coolen Beispiel sehen, dass Technologie hilft, diese Unterschiede abzubauen."

Auf dem sicherlich nicht immer barrierefreien Weg dorthin braucht es die richtigen Begleiter. In diesem Fall das Team um Roland Arnold, Gründer und Geschäftsführer der Paravan GmbH. Auch seinem Erfindergeist ist es zu verdanken, dass Menschen mit einer Behinderung seit 20 Jahren mit umgebauten Fahrzeugen am Straßenverkehr teilnehmen können.

Janis McDavid fährt per Space Drive - Foto: Schaefller Paravan

Bei einem weiteren Treffen zwischen Motorsport-Fan Arnold und McDavid entstand schließlich die Idee mit dem Rennauto - und der Weg in die Einführungsrunde bei der DTM war nicht immer einfach, aber absehbar. "Einige Menschen haben den Kopf geschüttelt und meinten, dass das doch ein bisschen zu weit ginge", erinnert sich Janis. "Roland und ich waren uns aber einig, dass wir es ausprobieren wollen. Ich teste gern Grenzen aus, bin dabei aber vorsichtig. Das gefällt mir an Roland und seinem Team, sie sind nicht zögerlich, gehen aber Schritt für Schritt nach vorne."

Laut Arnold sei McDavid "die Vorstufe für das autonome Fahren", und weiter: "Wenn ich sehe, dass Janis jetzt auf der Rennstrecke fährt, ist das für mich unglaublich. Mit dem Projekt wollen wir anderen Menschen Mut machen, Grenzen zu überwinden, mit einer Technologie, die in der Zukunft eine ganz zentrale Rolle bei der Entwicklung zukünftiger autonomer Fahrzeugkonzepte spielen und jedem zugutekommen wird."

DTM-Chef Gerhard Berger zeigte sich schnell offen für das bislang einmalige Projekt in der über 30-jährigen Geschichte der deutschen Traditionsserie. "Wir haben mit Schaeffler einen Partner an unserer Seite, der zusammen mit Schaeffler Paravan das autonome Fahren sehr vorantreibt", sagt der Österreicher zu Motorsport-Magazin.com. "Nachdem ich mir das vor Ort angeschaut habe, war ich wirklich begeistert von den Möglichkeiten, die Technologie in diesem Bereich eröffnet. Menschen mit einer Querschnittslähmung ab dem Hals abwärts können mithilfe von technologischer Unterstützung Auto fahren und den Führerschein machen. Daher war es uns wichtig, dass das Thema auch auf der DTM-Plattform eine Rolle spielt."

"Auch der Motorsport darf sich dem Thema Inklusion nicht verschließen", ist Matthias Zink, Vorstand Automotive Technologies der Schaeffler AG, im Gespräch mit Motorsport-Magazin.com überzeugt. "Mich fasziniert an Janis und an der Aktion, dass diese Mischung aus Technologie, Kreativität, Innovation sowie positiver Lebenseinstellung ein solches Ergebnis liefert. Wenn man sieht, mit welcher Leichtigkeit Janis über einen Joystick oder Sprachbefehle mobil und auch hier bei der DTM dabei sein kann, ist das einfach großartig."

Und wer jetzt glaubt, dass das Abenteuer Motorsport für McDavid beendet ist, der kennt Janis nicht. "Ich habe Blut geleckt", kündigt er zum Ende unseres Gesprächs mit einem verschmitzten Grinsen an und man kann sich nur ausmalen, welche Grenzen er als nächstes sprengt.

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