Es gibt nicht viele Autorennen, die selbst jene kennen, die Motorengeheul sonst eher wenig abgewinnen können. Dazu gehört der Große Preis von Monaco, die Indy 500, vielleicht noch die Rallye Paris-Dakar, auf jeden Fall aber die 24 Stunden von Le Mans. Sie alle eint eine lange Tradition, in der viele kleinere und größere Geschichten geschrieben wurden, die den Rennen ihren unverwechselbaren Charakter verleihen. Diese Geschichten gibt es natürlich auch in Le Mans zuhauf. Schließlich geht das wichtigste Langstrecken-Rennen im Motorsport seit seiner Gründung 1923 an diesem Wochenende in seine 75. Auflage.

Dabei wurde sie nicht als ein verwegenes Vergnügen für ein paar verrückte Abenteurer gegründet. Vielmehr war sie schon damals als Vergleichstest für die Automobilhersteller gedacht, wer das leistungsfähigste und zugleich zuverlässigste Auto entwickelt hatte. Von seinen Anfängen bis in die heutige Zeit ist der Star in Le Mans das Fahrzeug und nicht seine Piloten.

Jacky Ickx und Jackie Oliver: Sieger trotz Startboykotts im Jahre 1969., Foto: Sutton
Jacky Ickx und Jackie Oliver: Sieger trotz Startboykotts im Jahre 1969., Foto: Sutton

Dennoch können die wenigsten Fahrer dem Ruf von Le Mans widerstehen. So taucht beim Blick auf die Teilnehmerlisten das Who is Who des Motorsports auf: Ob Formel 1-Weltmeister Michael Schumacher, Juan-Manuel Fangio oder Jackie Stewart, um nur einige zu nennen, oder Rallye-Champion Sebastien Loeb - sie alle waren bei den 24 Stunden von Le Mans schon dabei.

Selbstverständlich hat sich in den 84 Jahren seit der Gründung auch einiges verändert. So wurde bis Ende der sechziger Jahre das Rennen auf eine sehr kuriose und einmalige Weise gestartet. Die Fahrer saßen dabei nicht in ihren Fahrzeugen, sondern mussten zu den in der Boxengasse aufgestellten Autos sprinten und die Fahrzeuge stehend starten. Der legendäre Le Mans-Start kam jedoch mit Einführung der Sicherheitsgurte 1969 immer mehr in die Diskussion.

So kam es zu einem Eklat als Jacky Ickx aus Protest demonstrativ langsam zu seinem Auto schlenderte. Da er und sein Partner Jackie Oliver dennoch das Rennen gewannen, entschied man sich 1970 ganz auf die Sprinteinlage zu verzichten. Das Rennen wurde stehend gestartet. Ein Jahr später fand man zum jetzigen Modus. Seitdem werden die 24 Stunden von le Mans vornehmlich aus Sicherheitsgründen wie die 500 Meilen in Indianapolis nach einer Einführungsrunde fliegend eröffnet.

Apropos Sicherheit. Hier gibt es auch eine unrühmliche Geschichte über das Traditionsrennen zu erzählen. Denn in Le Mans ereignete sich auch der verheerendste Unfall der Motorsportgeschichte. 1955 flog der Franzose Pierre Levegh mit seinem Mercedes-Benz 300 SLR nach einer Kollision auf der Zielgeraden in die Zuschauermenge an der Streckenbegrenzung. Dabei kamen 82 Menschen ums Leben. Kurze Zeit später zog sich Mercedes vorerst aus dem Motorsport zurück.

In der Zwischenzeit ist der 13 Kilometer lange Circuit de la Sarthe jedoch erheblich sicherer geworden. Insbesondere die ehemals fast fünf Kilometer lange Gerade, die Ligne Droite des Hunaudières, wurde nach dem Tod von Jo Gartner 1986 ein wenig entschärft. Der Österreicher kam bei Tempo 300 wegen einer gebrochenen Hinterradaufhängung von der Strecke ab. Nun sorgen zwei Schikanen dafür, dass die Spitzengeschwindigkeiten von 400 auf immer noch atemberaubende 340 km/h gesenkt wurde. Der Faszination Le Mans kann das aber nichts anhaben. Denn 24 Stunden sind viel Zeit um weiter neue Geschichten zu produzieren.