Für Zufall ist in der Formel 1 kein Platz. Alles muss blitzblank poliert, perfekt geplant und genau analysiert sein. Dennoch nimmt so manche Motorsportkarriere per Zufall ihren Lauf. Etwa wenn ein achtjähriger Steppkes mit seinem Vater per Zufall ein neues Hobby findet, das schon bald zur Berufung werden sollte.
"Mit 8 Jahren habe ich Fußball gespielt und bin nur zufällig mit meinem Vater an einem Parkplatz vorbeigekommen, wo man Slalom-Kart fahren konnte", erinnert sich Dominik Schraml elf Jahre zurück. Das Credo lautete damals: 10 Mark zahlen und Gas geben!
Dominik war auf Anhieb flott unterwegs und bald stellte ihn sein Vater Stefan vor die Wahl: "Willst Du weiter Fußball spielen oder lieber Kart fahren?" Dominik fiel die Antwort nicht schwer, auch wenn sie in der heutigen Zeit der WM-Begeisterung vielleicht etwas unerwartet aussah: "Auf jeden Fall Kart fahren!"

Die anfänglichen Erfolge gaben ihm Recht: Vereinsmeister, Landkreismeister, bayerischer Meister - Dominik gewann schon in seiner Debütsaison 1996 im Kartslalom so ziemlich alles, was er gewinnen konnte. Aber schnell kamen er und sein Vater zu der Ansicht: "Das kann noch nicht alles sein - es muss doch noch weiter gehen." Im zweiten Jahr wechselte das Vater-Sohn-Gespann auf die Rundstrecke. "Wir kannten uns nicht richtig aus und haben einfach ein bisschen am Kart herumgeschraubt", sagt Dominik mit einem Lächeln.
Dann der erste Durchbruch: Man knüpfte erste Kontakte mit Mach1 Kart und wurde ab dem dritten Jahr mit Material ausgestattet. Als Dominik eines Tages einige Trainingsrunden im Kart drehte, kam der Chef von ProKart auf ihn zu und fragte ihn direkt, ob er für Jarno Trullis Kartmarke fahren wolle. Dadurch konnte Dominik fast an jedem Wochenende seiner liebsten Beschäftigung nachgehen und bis ins Jahr 2001 weitere Kart-Erfolge einfahren.
Plötzlich stand er erneut vor der Frage: Wie soll es weitergehen? "Kart fahren ist schön und jeder wusste, dass ich schnell bin - aber es musste ja irgendwie weiter nach oben gehen", so Dominik. Also galt es Ordner zu wälzen und Informationen über die einzelnen Formel-Rennserien zu sammeln: Formel BMW, Formel Ford, Formel König - alles wurde genau durchleuchtet. Am Ende des Auswahlprozesses fiel die Entscheidung zugunsten der Formel König. Denn mit dem VW- und Audi-Autohaus König hatte man einen treuen Sponsor an der Hand, der natürlich in der Formel BMW fehl am Platz gewesen wäre.
Trotz einiger Ausfälle belegte Dominik in der ersten Formel König Saison den 3. Platz in der Rookie-Wertung. "Das war schon sensationell", erinnert er sich, "da ich nie gedacht hätte, dass ich einmal in so einem Auto sitzen würde."
Nach einem weiteren Jahr in der gleichen Kategorie stand für 2005 wieder eine Veränderung an. "Die Formel Renault wäre ein optimales Lehrjahr gewesen", sagt Dominik, "aber alle sagten: Entweder du bist ein Talent und bestehst in der Formel 3 oder eben nicht." Also stieg Dominik relativ kurzfristig mit nur einem Test in die deutsche Formel 3 ein. Schon im dritten Rennen auf dem Sachsenring stand er in der 2. Startreihe, aber jetzt strafte ihn die fehlende Erfahrung und er schmiss das Auto weg. Aber Dominik tröstete sich: "Die Formel 3 ist Weltspitze, da kann man nicht einfach kommen und vorne mitfahren."

Trotzdem schielte er nach mehr: Nach dem Saisonende absolvierte er einen Test für das F3 Euro Series Team von Mücke Motorsport. Dabei lag er nur knapp hinter seinem Konkurrenten Peter Elkmann, aber dieser ist auch sechs Jahre älter. Somit sprachen das Talent und die Jugend für Dominik; nur die große Sorge fast aller Nachwuchs-Rennfahrer sprach gegen ihn: Das liebe Geld.
"Es ist immer wieder das gleiche Thema", sagt Dominik, "Kohle, Kohle, Kohle." Teamchef Peter Mücke verlangte ein bestimmtes Budget, das für Dominik nicht aufzubringen war. "Es ist schade, wenn man beim Teamchef im Motorhome sitzt, er einem sagt, dass fahrerisch alles super ist und wir nur noch etwas an der Ausdauer arbeiten müssen, aber für ein Cockpit die und die Summe nötig ist - nur dann bist du drin." Aber so ist das Geschäft. "Damit muss man einfach leben."
Also begann er auch die Saison 2006 in der deutschen Formel 3. Nach Rang 3 im ersten Rennen und Platz 5 in der Meisterschaft klopfte Seyffarth Motorsport an. Dort ersetzte er den verletzten Bruno Fechner, der sich beim Auftaktrennen in Hockenheim zwei Wirbel angebrochen hatte. "Also sagten wir uns: Nutzen wir unsere Chance in die F3 Euro Series hineinzuwachsen." Diese hatte er sich für 2007 ohnehin zum Ziel gesetzt.
Der Einstieg lief perfekt: Dominik war im 1. Freien Training ohne Testfahrten direkt Schnellster in der Trophy-Wertung. Damit war jedoch der positive Teil des Rennwochenendes in Oschersleben abgehakt: Eine Vielzahl kleinerer Probleme kostete ihn viel Zeit und die Chance auf ein gutes Ergebnis. "Es war enttäuschend, denn wir hätten gewinnen können", trauert er der verpassten Gelegenheit nach.
So blieb es dabei: Guten Leistungen und viel Lob von allen Seiten stehen keine zählbaren Erfolge gegenüber. "Wir haben leider nichts in der Hand. Keine Ergebnisse zum Vorweisen", klagt er. "In der Formel 3 sind die ersten 15 innerhalb einer Sekunde, da kann man nicht sagen, dass einer schlecht ist - es kommt einfach auf das Material, das Glück und die Beziehungen an."
Damit schneidet Dominik eine der zwei Säulen einer erfolgreichen Motorsport-Karriere an: Die Kontakte. Der zweite Schlüsselfaktor ist das Geld - das Talent ist heutzutage eine willkommene Zugabe. Während es bei den Sponsorengeldern noch hapert, kann Dominik auf ein gutes Kontaktnetzwerk bauen, dem auch der vierfache Le Mans Sieger Frank Biela angehört.
"Frank macht mir bei Sponsoren und Partnern die Türen auf", beschreibt er die Funktion des Audi-Piloten, mit dem sich mittlerweile eine enge Freundschaft entwickelt hat. Angefangen hat alles mit einem Anruf des Vaters: "Mein Vater hat bei Frank angerufen und er war der erste Fahrer, der von sich aus sagte, ich mache für Euch Kontakte." Man kann im Motorsport also doch noch etwas mit Eigeninitiative und Mut zum Risiko erreichen. "Wir machen alles aus dem Bauch heraus", stimmt Dominik zu.

Obwohl Dominik weiß "versprechen oder planen kann man im Motorsport so gut wie nichts", steht der Plan für seine Zukunft bereits fest: Für 2007 sucht man ein Cockpit in der F3 Euro Series oder GP2. 2008 soll es erste DTM- oder F1-Testfahrten geben. Für 2009 ist der Sprung in die Formel 1 oder DTM geplant. Aber Dominik ist Realist: "Die Formel 1 ist verdammt schwierig zu erreichen." Denn ihm stehen viele andere Fahrer mit Unterstützung "im Weg". Daneben sieht er die DTM als die "nächstbeste" Serie an. "Aber wenn ein ehemaliger F1-Fahrer kommt, dann ist die Promotion für die Hersteller natürlich größer als bei einem 19-jährigen, den niemand kennt." Umso wichtiger ist es für ihn "immer im Gespräch" zu bleiben: "Das ist das A und O."
Frank Biela glaubt fest an ihn. "Dominik kann in seiner sportlichen Karriere nur durch Finanzknappheit gestoppt werden. Das Talent für ganz oben hat er." Allerdings sind schon viele große Talente an eben jener Finanzknappheit gescheitert. Heute suchen sie verzweifelt nach einem Cockpit oder haben dem Motorsport ganz den Rücken gekehrt und spielen Fußball. Dominik möchte den Kreis seiner Karriere nicht mit einer Rückkehr zum Ballsport schließen.
Trotzdem weiß auch er: "Irgendwann steht man am Scheideweg und fragt sich: Geht es noch irgendwie weiter oder nicht?" Wehklagen hört man von ihm nicht. "Wir haben gewusst, worauf wir uns einlassen. Wir beschweren uns nicht, dass wir keine Chance haben, sondern kämpfen weiter." Schließlich kann man zwar durch Zufall zum Motorsport kommen, aber nur mit Einsatz und harter Arbeit kann man es bis ganz nach oben schaffen...



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