Estoril 2004: Mattias Ekström gewinnt den Start gegen seine Mercedes-Rivalen Christijan Albers und Gary Paffett; er kann sich leicht absetzen und scheint seinem zweiten DTM-Sieg entgegenzufahren. In Runde acht läuft er auf Stefan Mücke im Vorjahres-Mercedes auf, der seinen ersten Pflichtstopp noch nicht absolviert hat. Ekström gelingt es nicht, den Berliner zügig zu passieren - stattdessen wird er gleichzeitig von Paffett und dem späteren Sieger Albers überholt. Es entbrennt eine Diskussion um die Mercedes-Jahreswagen und ihre Eingriffe ins Renngeschehen; Audi droht, die TT-R des Vorjahres aus der Garage zu holen...
Zandvoort 2005: Trotz des neuen Gewichtsreglements kommt es erneut zum Streit um die Jahreswagen. Diesmal ist es Siegkandidat Bernd Schneider, der auf Rinaldo Capello im Vorjahres-Audi aufläuft. Es misslingt dem vierfachen Meister, Capello hinter sich zu lassen - stattdessen fährt er auf Capellos Audi auf und beschuldigt den Italiener, seinen Bremspunkt stark vorverlegt zu haben...
Szenarien, die sich auch in dieser Saison nicht gänzlich ausschließen lassen, wohl aber nun weitaus unrealistischer sind. Mercedes-Motorsportchef Norbert Haug sah die Kombination aus überarbeitetem Gewichtsreglement und der weit gehend eingefrorenen Technik im Gespräch mit motorsport-magazin.com positiv: "Die Technik an der Spitze wird beschränkt, die Technik aus der jungen Vergangenheit erhält eine kleine Marscherleichterung. Das hat sich sehr gut bewährt."
Zwar sieht er die zweijährigen Gebrauchten weiterhin etwas gehandicapt: "Insofern wäre es schön, wenn man mit einem zwei Jahre alten Auto um den Sieg fahren könnte. Das ist vielleicht nicht ganz möglich - auch deshalb, weil nicht die erfahrenen Leute auf den 2004er-Autos sitzen." Bezogen auf die Teams im eigenen Mercedes-Lager sieht Norbert Haug dennoch für die Speerspitze HWA Konkurrenz durch die Jahreswagen der Mücke- und Persson-Mannschaften.

"Es ist überhaupt nicht ausgeschlossen, dass ein Persson- oder Mücke-Team Autos der neuen 2006er-Generation schlägt, das ist auch deren Zielsetzung", prognostiziert Haug, muss jedoch leicht einschränken: "Alle zu schlagen wird schwierig sein, es gibt in diesem Jahr insgesamt acht Autos der neuen Generation. Insofern sind eigentlich vom reinen Kräfteverhältnis her alle Punkteplätze belegt."
Gleichwohl hält es der langjährige Koordinator der Mercedes-Motorsportaktivitäten für möglich, dass sich die Jahreswagen aus eigener Kraft in die Top 8 zwischen die Neuwagen mischen können. Ein möglicher Vorsprung der Neuwagen gegenüber den Jahreswagen wäre für ihn auch mit einem weiteren, viel vergessenen Faktor zu erklären:
"Das HWA-Team ist natürlich ausgefuchst über viele, viele Jahre mit Erfolg von Beginn der DTM an. Wir waren früher die AMG-Mannschaft - das ist ein und dieselbe Truppe um Gerhard Ungar und Jürgen Mattheis", blickt Haug auf die erfolgreichen Einsätze in den 90er-Jahren zurück, "und die Einsatzqualität, der Aufwand, mit dem die Autos eingesetzt werden, die Strategie, all das ist da natürlich im absoluten Spitzenteam noch ein bisschen weiter ausgefeilt."
Ein Aspekt, der auch bei der Ingolstädter Konkurrenz mit seinem Top-Team Abt und den Jahreswagenteams Phoenix und Rosberg von Bedeutung sein dürfte. Dennoch sieht Klaus Ludwig im motorsport-magazin.com-Interview die Chancen der Jahreswagen noch höher als sein früherer Vorgesetzter. "Am Anfang ist der Gewichtsunterschied 10 Kilo zwischen 2005 und 2006, aber wenn die 2006er-Autos mal Zusatzgewichte haben und dann mit 20, 25 oder sogar 30 Kilogramm Mehrgewicht fahren, dann wird es schon mit Sicherheit interessant werden."
"Bei 30 Kilogramm stellt sich die Frage, ob das dann ausreicht für die 2005er-Autos, um die 2006er-Autos zu schlagen, zumal die 2005er-Autos ja auch sehr gut besetzt sind mit guten Leuten", führt Ludwig aus. Ein Szenario, das für die Vorjahresfahrzeuge nicht zwingend zum Erfolg führen muss, setzen vier 1.080 Kilogramm schwere Fahrzeuge einer Marke doch nicht nur vier Siege in Folge voraus - die vier Neuwagen der gegnerischen Fahrzeuge träten in jenem Fall mit dem gleichen Gewicht wie die Jahreswagen an. Eines jedoch dürfte feststehen: Die Abt-Audi TT-R können in der Garage bleiben...

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