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DTM / Analyse

Von fliegenden Sternen, lahmenden Ringen & kollidierenden Blitzen...

Während Audi und Opel als Verlierer des Saisonauftakts hervorgehen, erlebte Mercedes-Benz einen Saisonauftakt nach Maß.
von Wolfgang André Schmitz

Motorsport-Magazin.com - Ein fast schon gewohntes Hockenheim-Bild: Triumphierende Mercedes-Piloten, eher enttäuschte Herren der Ringe bei Audi, lange Gesichter bei Opel. Dennoch bedürfen die heutigen Ergebnisse einer Bewertung ihrer Aussagekraft.

Mercedes-Benz – wie von einem anderen Stern...

Der Titel, den bereits gestern die Mercedes-Pressemeldung zum Qualifying trug, könnte auch heute problemlos nochmals Verwendung finden: "Let´s talk about Sechs". Nachdem gestern bereits sechs C-Klassen die Super Pole erobert hatten, die Vollkommenheit dieses Triumphes durch die überraschende Pole Position des DTM-Meisters Mattias Ekström im Audi jedoch noch verhindert wurde, darf heute über sechs C-Klasse-Piloten gesprochen werden, die die Punkteränge eroberten.

Drei dieser sechs Mercedes-Fahrer wurden gar die Ehren der Podiumszeremonie zuteil – mit Jean Alesi, Gary Paffet und Bernd Schneider feierten die Stuttgarter im nahe gelegenen Hockenheim einen Dreifachtriumph. Während Jean Alesi vom fünften Startplatz aus dank einer gelungenen Taktik, die zwei weit hinausgezögerte Boxenstopps vorsah, und der perfekten Umsetzung derselben auf fahrerischer Seite seinen Hockenheim-Sieg vom Oktober 2003 wiederholte und damit seine lange sieglose Phase beendete, spricht das gute Abschneiden Paffets und Schneiders umso mehr für die Überlegenheit des Sterns:

Der junge Brite hatte seit der Anfangsphase des Rennens mit einer sich immer wieder öffnenden Fahrertür zu kämpfen, die sich auch durch Klebeband nicht bändigen ließ und somit weiterhin munter auf- und zuschwang, der 40-jährige Deutsche hatte sich nur scheinbar bereits in der ersten Runde seiner Podiumschancen entledigt: Nach einem Frühstart unterlief Schneider ein starker Verbremser, der Frühstart wurde später mit einer Durchfahrtsstrafe geahndet.

Doch auch abseits des Podiums hinterließ Mercedes einen starken Eindruck: Jamie Green feierte in der aktuellen C-Klasse des Persson-Teams nach einem sehenswerten, aber für ihn verlorenen Duell mit Mattias Ekström mit Rang sechs ein gelungenes DTM-Debüt, Stefan Mücke fuhr im Jahreswagen nach einer für ihn in jeder Hinsicht folgenlosen Kollision mit Pierre Kaffer auf Rang sieben. Selbst Mika Häkkinen, dessen fehlende DTM-Praxis im Qualifying mit Rang 15 und angesichts der Geschwindigkeitsübertretung auch in der Boxengasse allzu offensichtlich wurde, verhalf die überlegene Performance der C-Klasse noch zum achten Platz bzw. einem Meisterschaftspunkt.

Und so hat nicht nur der soeben erwähnte "Flying Finn" für Schlagzeilen gesorgt; auch die "Flying Stars" sorgten für Furore: Nachdem man Audi im letzten Jahr beim Auftaktrennen in Hockenheim deutlich besiegte, der A4 der C-Klasse in der folgenden Saison jedoch mindestens ebenbürtig war, könnte der nochmals deutlichere Hockenheim-Triumph durchaus als Indiz für eine generelle Überlegenheit der C-Klasse gedeutet werden. Dennoch: Trotz des aus Sicht der Stuttgarter traumhaften Ergebnissen dürften es die Mercedes-Piloten nicht nur angesichts der Zusatzgewichte in Höhe von zehn Kilogramm im kommenden Rennen auf dem Eurospeedway Lausitz deutlich schwerer haben.

Audi – der erste Verlierer auf dem Ring

Marketingkatastrophe bei Audi: Nachdem der seit 2000 angebotene Serien-A4 schon vor einigen Monaten mit großem Aufwand durch eine insbesondere optisch stark überarbeitete Version ersetzt worden war, schlug der schon im letzten Jahr so erfolgreiche A4 der abgelösten Generation die DTM-Version seines prägnanter gestylten Nachfolgers...

Obgleich es angesichts der Pole Position des amtierenden Meisters Mattias Ekström durchaus einige Zuversicht im Hinblick auf das Rennen gab, wurde die Audi-Misere bereits wenige Meter nach dem Start eingeleitet: Während Rinaldo Capello als Folge seines Crahs mit Laurent Aiello letztlich auch Tom Kristensen ins Unglück bzw. in die vorzeitige Aufgabe riss, endete auch für Martin Tomczyk das Rennen, bevor es richtig begonnen hatte: Infolge einer Berührung mit Bruno Spengler kam der junge Rosenheimer während der Safety-Car-Phase zweimal in die Box, wodurch bei seinem demolierten A4 allerdings kein Heilungsprozess in Gang gesetzt werden konnte...

Auch ein möglicher Punkterang Pierre Kaffers im A4-Jahreswagen wurde vom Strudel der zahlreichen Berührungen verschluckt. Nachdem sich der DTM-Debütant in der Schlussphase des Rennens bereits auf Platz sechs vorgearbeitet hatte, zwang ein Folgeschaden einer Kollision mit Stefan Mücke zur vorzeitigen Aufgabe. Frank Stippler konnte an das relativ gute Qualifying-Ergebnis nicht anknüpfen und platzierte seinen Vorjahres-A4 auf Platz 10 – einen Rang vor Allan McNish, der nicht nur im Kampf gegen Mika Häkkinen unterlag.

Lediglich Christian Abt und Mattias Ekström konnten Schadensbegrenzung betreiben: Dank einer fahrerisch hervorragenden Leistung platzierte der Allgäuer seinen um 15 Kilogramm erleichterten Jahreswagen auf Rang vier vor Mattias Ekström, der einzig in der Anfangsphase des Rennens mit den Mercedes mithalten konnte. Nach einem sehenswerten Kampf gegen Gary Paffet – sowohl auf der Strecke als auch in der Box – wurde der Schwede schließlich bis auf den fünften Platz durchgereicht.

So ist es unumgänglich, bei den Herren der Ringe von einem schlechten Saisonauftakt zu sprechen. Dennoch gab es auch positive Veränderungen bei Audi: Nicht nur das erfolgreiche Überholmanöver Ektröms gegen Paffet auf der Zufahrt zur Haarnadelkurve deutete darauf hin, dass mit den Audi künftig nicht nur auf langsamen und kurvigen Streckenpassagen, sondern auch auf Hochgeschwindigkeitsabschnitten zu rechnen sein könnte. Die Tatsache, dass es angesichts der Unfälle Kristensens und Tomczyks sowie der Unerfahrenheit McNishs mit Ekström lediglich einen halbwegs zuverlässig zu bewertenden Audi aktuellen Jahrgangs gab, erhöht aber sicherlich nicht die Aussagekraft der heutigen Audi-Leistung. Und so ist nur davor zu warnen, Audi trotz des beeindruckenden Resultats der Mercedes bereits jetzt abzuschreiben...

Opel – Blitz ohne Donner...

Nachdem die ITR-Tests in Mugello und Spa viel versprechend verlaufen waren und man zumindest Audi deutlich hinter sich gelassen hatte, ging Opel beim Saisonauftakt gänzlich leer aus. Für die so hoffnungsfroh in ihre letzte Saison gegangene Mannschaft um Opel-Sportchef Volker Strycek folgte nach einem enttäuschenden Qualifying, das lediglich Marcel Fässler in die Super Pole verhalf, ein noch enttäuschenderes Rennen. Der im Kühlergrill des neuen Vectra GTS befindliche Blitz ist eingeschlagen – allerdings leider nur in die Kohlefaserhaut gegnerischer Fahrzeuge:

Denn keinem der Vectra-Fahrer gelang es unglücklicherweise, den zahlreichen Feindberührungen auszuweichen: Laurent Aiello kollidierte im Startgetümmel mit den Audi-Piloten Capello und Kristensen und wurde so der angesichts seines elften Startplatzes durchaus noch vorhandenen Punktechancen entledigt. Auch Reuter kam nicht unbeschadet aus der Runde und war gezwungen, seinen Opel in der Box zu parken. Heinz-Harald Frentzen hatten es offenbar die C-Klassen der Vorjahresgeneration angetan: Nachdem er bereits einige Runden zuvor mit DTM-Debütant Alexandros Margaritis kollidiert war, folgte wenig später ein Unfall mit Bruno Spengler – das Aus für den Mönchengladbacher.

Lediglich Marcel Fässler ließ die DTM-Welt aufhorchen: Der Viertplatzierte der Super Pole eroberte beim Start Rang drei und konnte lange die Performance der Audi und Mercedes mitgehen. Ihm wurde ein Manöver gegen Bruno Spengler zum Verhängnis – der Schweizer drehte sich und hatte fortan mit Reifen zu kämpfen, die der Vibrationsfreiheit und dem Handling seines Vectra sicherlich nicht zu Gute kamen. Nachdem ein Punkterang lange sicher schien, wurde Fässler bis auf Rang neun durchgereicht.

Trotz katastrophaler Ergebnisse im Qualifying und Rennen stellt Fässlers Leistung durchaus einen Lichtblick dar. Sie zeigte zumindest Ansätze einer Performance, die sich auch wegen eines gewissen Pechs der Opel-Piloten in Qualifying und Rennen nicht entfaltete. Doch auch die weitere Existenz der altbekannten Nickbewegungen des Vectra-Vorderwagens beim Anbremsen vor Kurven offenbart: Den erwünschten Fortschritt scheint auch die Neuauflage des DTM-Vectras nicht zu bringen.