Ein Volkswagen, der keiner sein will. Während Volkswagen in Europa gerade wieder über echte Tasten und klassische Bedienkonzepte diskutiert, schlägt der Konzern in China einen völlig anderen Weg ein. Der neue ID. Era 9X zeigt eindrucksvoll, wie stark sich die Anforderungen der Märkte inzwischen unterscheiden.

Volkswagen-China-Chef Ralf Brandstätter brachte es bereits auf den Punkt: Europäische Kunden wünschen sich mehr Haptik, chinesische Käufer dagegen verlangen „AI-first“-Fahrzeuge – also digital vernetzte Autos mit Sprachsteuerung, großen Displays und maximaler Software-Integration. Genau dieses Konzept setzt das neue XXL-SUV kompromisslos um. Das Ergebnis ist ein Volkswagen, der innen kaum noch wie ein klassischer VW wirkt.

VW, ID.ERA 9X, Innenraum, Interieur
Foto: Volkswagen

Cockpit als Bildschirmlandschaft

Der Innenraum des sechssitzigen ID. Era 9X wird von Displays dominiert. Zwei jeweils 15,6 Zoll große Bildschirme bilden das Zentrum des Cockpits, physische Tasten sind dagegen nahezu verschwunden. Selbst das klassische Kombiinstrument fällt weg und wird durch ein Head-up-Display ersetzt.

Auch die Passagiere im Fond stehen im Fokus: Ein 21,4-Zoll-Monitor fährt aus dem Dachhimmel aus – ein Konzept, das man eher aus Luxuslimousinen kennt. Die sogenannten Captain’s Chairs in der zweiten Reihe erhalten zusätzlich Projektionsflächen in den Türen, auf denen Multimedia-Inhalte angezeigt werden können.

VW, ID.ERA 9X, Innenraum, Interieur
Foto: Volkswagen

Dazu kommt eine aufwendig inszenierte Ambientebeleuchtung mit insgesamt 12,8 Metern Lichtband, das sich durch den gesamten Innenraum zieht und das Panoramaglasdach einrahmt. Der Effekt erinnert eher an eine Lounge als an ein klassisches SUV-Cockpit.

Erstes VW-Serienmodell mit Range Extender

Technisch schlägt der ID. Era 9X ebenfalls neue Wege ein. Zwar handelt es sich primär um ein Elektrofahrzeug, doch erstmals kombiniert Volkswagen ein Serienmodell mit einem Range-Extender-System.

VW, ID. Era 9X
Foto: Volkswagen

Ein 1,5-Liter-Turbobenziner aus der bekannten EA211-Motorfamilie übernimmt dabei ausschließlich die Stromerzeugung. Mit 141 PS arbeitet das Aggregat im sogenannten Lambda-1-Betrieb – einem Verbrennungsprozess, bei dem Luft- und Kraftstoffverhältnis permanent ideal abgestimmt sind. Ziel: maximale Effizienz bei möglichst niedrigen Emissionen.

XXL-Format für den größten Automarkt der Welt

Mit über 5,20 Metern Länge gehört der ID. Era 9X zu den größten Fahrzeugen, die Volkswagen bislang entwickelt hat. Der Radstand von 3,07 Metern schafft großzügige Platzverhältnisse für drei Sitzreihen und einen komplett ebenen Fahrzeugboden.

VW, ID. Era 9X
Foto: Volkswagen

Käufer können zwischen Hinterrad- und Allradantrieb wählen. Je nach Variante kommt eine Batterie mit 51,1 oder 65,2 kWh zum Einsatz. Die größere Version soll bis zu 400 Kilometer elektrische Reichweite ermöglichen – allerdings nach dem chinesischen CLTC-Zyklus, der traditionell optimistisch ausfällt. Das Gewicht fällt entsprechend üppig aus: Bis zu 2,7 Tonnen bringt die Dual-Motor-Version auf die Waage.

Strategischer Schlüssel für Volkswagens Zukunft

Der ID. Era 9X markiert gleichzeitig den Auftakt einer großen Produktoffensive: Mehr als 20 sogenannte New Energy Vehicles – also Elektro- und Plug-in-Hybridmodelle – sollen bis 2027 speziell für den chinesischen Markt erscheinen. Das zeigt, wie ernst Volkswagen die wachsende Konkurrenz durch lokale Hersteller nimmt, die bei Software, Infotainment und Digitalisierung derzeit oft den Takt vorgeben.

VW, ID. Era 9X
Foto: Volkswagen

Ob die Strategie aufgeht, bleibt offen. Der Wettbewerb ist härter denn je, und selbst neue Markenprojekte des Konzerns kämpfen bereits mit schwierigen Marktstarts. Klar ist jedoch: Mit dem Era 9X versucht Volkswagen nicht mehr, China mit europäischen Ideen zu überzeugen – sondern entwickelt Autos konsequent nach chinesischen Erwartungen.