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Formel 1 - Interview - Felipe Massa: Von der Ferrari-Last befreit

Mehr Druck als sein sollte

200 Rennen: Felipe Massa spricht mit Motorsport-Magazin.com über den Druck bei Ferrari, die Auferstehung von Williams und eine Begegnung mit der Polizei.
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Motorsport-Magazin.com - Felipe, du fährst hier deinen 200. Grand Prix. Hättest du zu Beginn deiner Karriere erwartet, so weit zu kommen?
Felipe Massa: Wahrscheinlich nicht. Ich habe viel mehr erreicht, als das, was ich mir als Kind vorgestellt habe. Ich bin Formel-1-Fahrer, bin für fantastische Teams gefahren, habe dabei viele Rennen gewonnen und um die Weltmeisterschaft gekämpft. Leider habe ich diese in der allerletzten Sekunde verloren, aber ich kann auf eine großartige Karriere zurückblicken. Hoffentlich kann ich dem noch viele schöne Momente hinzufügen. Es ist aber fantastisch, an 200 Grands Prix teilgenommen zu haben und dieses Jubiläum dann ausgerechnet auf dieser Strecke zu feiern. Ich hoffe, dass wir das mit einem guten Rennen krönen können.

Die Polizisten haben dann offensichtlich gedacht, dass ich irgendwelche Mittel genommen hätte...
Felipe Massa

Du bist direkt aus der Euro F3000 in die Formel 1 eingestiegen. Etwas, das heutzutage nahezu unmöglich erscheint. Hattest du das Glück, damals in die Formel 1 zu kommen und nicht heute?
Felipe Massa: Ich glaube nicht, dass es heutzutage unmöglich ist. Es kommt auf dein Talent an. Ich bin aus der Formel 3000 in die Formel 1 aufgestiegen, aber ich bin auch eine gute Saison gefahren. Ich habe viele Punkte geholt, die es damals nur für die Top-6 gegeben hat. Das war also viel schwieriger als heute, dennoch ist es nicht unmöglich. Viele Fahrer kommen aus der GP2 in die Formel 1. Ich kann mir aber auch vorstellen, dass ein guter Fahrer aus der Formel 3 den Sprung schaffen kann.

Augusto Farfus hat in seiner Kolumne auf Motorsport-Magazin.com eine lustige Geschichte aus eurer Anfangszeit in Italien erzählt. Du bist ohne Schuhe mit ihm im Auto gefahren und dann wurdet ihr von der Polizei angehalten...
Felipe Massa: Das Problem waren nicht meine fehlenden Schuhe. Es war, dass er die Polizisten angeschaut hat. Ich habe ihm noch gesagt: 'Schau die Polizisten nicht an!' Danach haben sie uns angehalten. Ich bin gefahren, hatte aber keine Schuhe an. Die Polizisten haben dann offensichtlich gedacht, dass ich irgendwelche Mittel genommen hätte... Deshalb zogen sie ihre Pistolen. Augusto hatte aber viel mehr Angst als ich.

Felipe Massa im Gespräch mit Christian von Motorsport-Magazin.com - Foto: Sutton

Du hast dein Formel-1-Debüt mit Sauber gegeben. Welche Erinnerungen hast du an diese Zeit?
Felipe Massa: Es war keine einfache Saison. Aber wir haben viele Punkte geholt und sind Fünfter in der Weltmeisterschaft geworden. Ich bin einige sehr gute Rennen gefahren und konnte zeigen, was ich drauf habe. Ich habe aber auch in meinem Jahr als Ferrari-Testfahrer viel gelernt.

Fühlst du noch ein bisschen mit dem Team. Sauber erlebt ja aktuell eine sehr schwierige Saison...
Felipe Massa: Ehrlich gesagt nicht. Ich habe meine Zeit bei Sauber genossen, aber es ist heute nicht mehr das gleiche Team wie damals, als ich für sie gefahren bin. Ich weiß zu wenig über ihre aktuelle Situation, um mich dazu zu äußern.

Ferrari: Tradition verpflichtet

Du hast stets mehr Druck, als es sein sollte.
Felipe Massa

Mit Ferrari und Williams bist du in der Formel 1 für zwei Traditionsteams gefahren, die eine lange Geschichte und viele Erfolge aufweisen. Interessierst du dich für die Geschichte der Formel 1?
Felipe Massa: Ja, absolut. Ich bin Teil eines sehr wichtigen Abschnitts in der Geschichte. Ich bin für Ferrari gefahren, fahre jetzt bei Williams für ein weiteres Traditionsteam. Und das auch noch zu einem guten Zeitpunkt. Ich fühle mich hier wohl. Wir erzielen stetig Verbesserungen. Ich bin wirklich sehr glücklich hier.

Von außen betrachtet sind Ferrari und Williams sehr unterschiedliche Rennställe. Wie würdest du die Atmosphäre in Grove beschreiben?
Felipe Massa: Es ist tatsächlich ganz anders. Mit Blick auf die Arbeit ist es überall gleich. Aber die Jungs bei Williams sind viel organisierter als bei Ferrari. Mir hat es bei beiden Teams gefallen. Es sind unterschiedliche Charaktere am Werk.

Bei Ferrari warst du ständig einem riesigen Druck ausgesetzt. Die Tifosi erwarten, dass das Team endlich wieder den WM-Titel gewinnt. Natürlich gibt es auch bei Williams Druck. Aber war es für dich eine gewisse Erleichterung, nicht mit der Last des roten Mythos auf den Schultern in die Saison zu gehen?
Felipe Massa: Ja, ich bin mit der Situation hier glücklich. Es ist ein fantastisches Gefühl, für Ferrari zu fahren. Ein Teil der Ferrari-Familie zu sein. Für mich wurde damit ein Traum wahr. Aber dort herrscht wirklich sehr viel Druck. Manchmal ist es eben zu viel. Dabei spielt es keine Rolle, ob du konkurrenzfähig bist oder nicht. Du hast stets mehr Druck, als es sein sollte. Deshalb gefällt es mir, jetzt bei Williams zu sein. Das Team besteht aus echten Racern und ich glaube auch, dass wir etwas entspannter an die Sache herangehen.

Das Jahr 2008: Zugleich Höhe- wie Tiefpunkt für Massa - Foto: Sutton

Du kennst Fernando und Ferrari sehr gut. Ist dieser Druck auch einer der Gründe dafür, warum er noch keinen Titel mit Ferrari gewonnen hat?
Felipe Massa: Nein, das hat nichts mit dem Druck zu sein. Das lag allein am Auto. Wir hatten in all den Jahren nie ein Auto, um die Weltmeisterschaft zu gewinnen.

In dieser Saison liegt Fernando weit vor seinem neuen Teamkollegen Kimi Räikkönen. Lässt das auch deine Leistungen in einem anderen Licht erscheinen? Immerhin warst du gerade gegen Saisonende 2013 stets nah an ihm dran...
Felipe Massa: Das zeigt, dass ich nicht so schlecht war. Für mich ist es aber wichtig, nach vorne zu schauen. Ich möchte hier und jetzt mein Bestes geben. Leider habe ich in dieser Saison bislang nicht so viele Punkte geholt, wie ich es gerne getan hätte. Jetzt müssen wir daran arbeiten, die Punkte zurückzuerobern, die wir verloren haben.

"Fernando is faster than you." Denkst du manchmal noch über die Funksprüche nach?
Felipe Massa: Nein. Das ist Teil meiner Karriere, aber ich denke nicht darüber nach.

Nur die Familie zählt

Felipe Massa interessiert sich nicht für Aussagen anderer - Foto: Sutton

Ein wichtiger Moment in deiner Karriere war dein schwerer Unfall in Ungarn. Viele Leute sagen, dass du danach nicht mehr der Alte gewesen seist. Was antwortest du darauf?
Felipe Massa: Ich kümmere mich nicht darum, was die Leute sagen. Mich interessiert, was ich mir selbst zutraue. Ich bin sicher, dass ich konkurrenzfähig bin. In Österreich bin ich von der Pole Position gestartet und ein großartiges Rennen gefahren. Deshalb interessiert es mich nicht, was irgendjemand sagt. Ich bin davon überzeugt, dass ich noch sehr viel in meiner Karriere erreichen kann.

Wenn du dir eine Saison aus deiner bisherigen Karriere aussuchen könntest: welche wäre das?
Felipe Massa: Natürlich 2008. Wir haben viele Rennen gewonnen und bis zuletzt um den Titel gekämpft. Leider hat es auf den letzten Metern nicht gerecht, aber es war eine großartige Saison.

Ich kümmere mich nicht darum, was die Leute sagen.
Felipe Massa

Von den Silberpfeilen einmal abgesehen, scheinst du bei Williams zur richtigen Zeit am richtigen Ort zu sein. Hattest du das erwartet, als du beim Team unterschrieben hast?
Felipe Massa: Ich ging davon aus, dass es ganz anders aussehen würde als im vergangenen Jahr. Es gab über den Winter große Regeländerungen, neue Motoren. Deshalb habe ich definitiv erwartet, ein besseres Team vorzufinden. Ich bin auch sehr optimistisch, dass wir noch mehr erreichen können als bislang.

Du bist ein echter Familienmensch. In Spanien hast du deinen Sohn sogar mit auf die Fahrerparade genommen. Kannst du diese Momente jetzt viel mehr genießen?
Felipe Massa: Absolut. Ich genieße meine Karriere, aber auch meine Familie. Die Familie war für mich schon immer das Wichtigste. Du musst das Leben genießen. Sie begleiten mich zu den meisten Rennen, sodass wir es gemeinsam genießen können.


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