Wie fällt die Volkswagen Bilanz vor den letzten beiden Etappen der "Dakar" aus?

Kris Nissen: "Unsere Bilanz fällt zwei Etappen vor dem Ziel in Dakar positiv aus. Wir haben in allen Bereichen riesige Fortschritte erzielt. Technik, Team, Logistik, Vorbereitung - wir haben diese sehr komplexen Aufgaben sehr gut gelöst. Bis jetzt haben wir fünf Etappensiege sowie drei zweite und sieben dritte Etappen-Platzierungen erreicht, mehr als vor einem Jahr. Wir sind noch mit vier von fünf Race Touareg im Rennen und liegen in der Gesamtwertung momentan auf den Plätzen zwei, fünf, acht und elf - auch das bedeutet eine Steigerung. Sollte es bei Rang zwei bleiben, so ist dies die beste Platzierung eines Dieselfahrzeuges bei der Rallye Dakar und die beste Platzierung eines deutschen Automobil-Herstellers seit dem Porsche-Sieg 1986. Wenn es nicht zum Sieg reicht, dann sind wir aber auch enttäuscht. Die Chance zum Sieg war da, aber wir konnten sie - so sieht es im Moment aus - nicht nutzen, auch wenn wir den Seriensieger Mitsubishi über weite Strecken spürbar unter Druck gesetzt haben."

Welche Stärken hat der Race Touareg 2 während der Rallye gezeigt? Welches Potenzial steckt in dieser Neuentwicklung?

Kris Nissen: "Mit dem Race Touareg 2 haben wir einen großen Schritt nach vorne gemacht, speziell Fahrwerk und Motor sind besser. Aus meiner Sicht sind wir Mitsubishi - und das ist der Maßstab - im Kamelgras-Gelände ebenbürtig, auf harten, brutalen Schotterstrecken sind wir sogar etwas besser, im tiefen, weichen Sand und bei niedrigen Geschwindigkeiten fehlen uns noch ein paar Prozent. Wir stehen mit dem Race Touareg 2 erst am Anfang seiner Entwicklung, in ihm steckt noch viel Potenzial. Sicherlich werden wir in Zukunft mehr im weichen Sand testen. Wir werden uns jedenfalls nicht ausruhen. Im Motorsport muss man die Entwicklung ständig vorantreiben, denn die Konkurrenz schläft nicht."

Hat es während der Rallye konkrete technische Probleme gegeben?

Kris Nissen: "Nein, die Zuverlässigkeit dieses neuen Fahrzeuges war auf Anhieb gut. Die Defekte, die wir hatten, waren im Grunde geringfügig, aber in der Wirkung erheblich. Erstens, eine undichte Dieselleitung bei Bruno Saby durch einen gelösten Druckanschluss - ihm hat nur das Spezialwerkzeug gefehlt, um diesen wieder festzuziehen. Danach hatte jedes Fahrzeug dieses Werkzeug an Bord, obwohl so etwas vorher nie vorgekommen ist. Zweitens, es gab defekte Kühlerlüfter, die Carlos Sainz und Jutta Kleinschmidt sehr viel Zeit gekostet haben. Diese Lüfter waren geprüft, sind am Ruhetag neu eingebaut worden und gingen trotzdem kaputt. Die Gebrauchten haben danach wieder tadellos gehalten."

Nur 24 Monate nach der Premiere des Race Touareg hat Volkswagen seine Siegfähigkeit unter Beweis gestellt. Wie ist das in so kurzer Zeit gelungen?

Kris Nissen: "Nach der Rallye Dakar 2004 bin ich mit einem vollen Notizbuch als Lastenheft heimgeflogen. 2005 hatte ich etwa die Hälfte an Aufzeichnungen. Dieses Mal reichen ein paar kleine Seiten im Team-Guide. Wir haben all die Punkte, die aufgefallen sind, sofort umgesetzt und haben quasi im Zeitraffer aus den Erfahrungen und Erkenntnissen gelernt. Alle Mitglieder unserer Mannschaft wurden genau so präzise auf die anspruchsvollen Aufgaben vorbereitet wie auch die Technik. Gerade bei einem Mammut-Unternehmen wie der ‚Dakar´ ist eine optimale Vorbereitung extrem wichtig - und die hat sich in den vergangenen Tagen und Wochen wirklich ausgezahlt. Das hat man an der Routine und Ruhe der gesamten Mannschaft bei der täglichen Arbeit im Biwak gemerkt - kein Vergleich zu 2004, als wir kaum wussten, was uns erwartet."

Volkswagen setzt bei der Rallye Dakar 2006 auf fünf starke Fahrer/Beifahrer-Paarungen. Wie fällt die Bewertung aus?

Kris Nissen: "Es hat sich bewährt, mit fünf Race Touareg und mit einem vielseitigen Fahrer-Feld anzutreten. Ich will niemanden hervorheben. Alle fünf Volkswagen Piloten und ihre Beifahrer haben starke Leistungen gezeigt. Kleine Ausrutscher sind normal. Oft sind die Folgen für das Fahrzeug nicht gleich - mal passiert nach einem Fehler nichts oder nur ein Reifenschaden. In anderen Fällen, wie bei Mark Miller, folgen zwei Überschläge, im Fall von Jutta Kleinschmidt ist die Rallye sogar beendet. Es herrscht eine starke, aber gesunde Konkurrenz untereinander. Dadurch ist das Tempo hoch, doch auch die Zahl der Fehler steigt. Solche Fehler sind auch anderen Toppiloten passiert, die ebenfalls unter Druck waren."

Wie groß war die Enttäuschung nach den Etappen sieben und acht, als alle fünf Race Touareg nacheinander mehr oder weniger weit zurückgeworfen wurden?

Kris Nissen: "Das war absolut bitter, dass gleich alle fünf Teams an diesen beiden Tagen betroffen waren und wir nicht mehr an der Spitze waren. Das ist ja fast schon nicht normal. Die Enttäuschung in der Mannschaft war natürlich groß. Kurz darauf war der Kampfgeist aber wieder voll da. Wir haben Tag für Tag aufgeholt und jeden Tag um den Etappensieg gekämpft. Und wir werden auch bis zum letzten Tag nicht zurückstecken."

Welchen Eindruck hat die diesjährige Rallye Dakar bei Ihnen hinterlassen?

Kris Nissen: "Das war eine extrem schwierige, schnelle und spannende ‚Dakar´. In der ersten Woche ging es meist um Sekunden, und zeitweise lagen bis zu drei Volkswagen in der Gesamtwertung vorne. Und auch der Schlussspurt ist ein Herzschlagfinale mit offenem Ausgang. Sportlich ist diese ‚Dakar´ wirklich sehr hochwertig. Ich weiß allerdings nicht, ob sich bei einer ‚Dakar´ schon einmal so viele Spitzenteams festgefahren oder verfahren haben. Die Navigation war ein schwieriges Thema, das den Teams das Leben sehr schwer gemacht hat und wodurch die Chancen wohl auch nicht immer gleich verteilt waren."