Ob Schwedenkreuz, Bergwerk, Caracciola-Karussell oder Döttinger-Höhe - schon allein die Namen vieler Streckenpassagen sprechen Bände über Tradition und Charakter des Kurses. Seit 69 Jahren fasziniert er Rennfahrer und Hobbyrennfahrer, ist Stätte motorsportlicher Triumphe und Tragödien, belohnt Mut und bestraft Übermut. Die Rede ist von der Nordschleife des Nürburgrings. Seitdem Rudolf Carraciola - noch in der Prä-Silberpfeil-Ära - das erste Autorennen auf der Nordschleife gewann, ist sie aus der Automobil- und Motorsportlandschaft kaum wegzudenken. Selbst fernöstliche und amerikanische Automobilhersteller ziehen zuweilen Testfahrten auf der Nordschleife heran, um die wahren Qualitäten ihrer Neuentwicklungen zu erproben...

Kann das 20,8 Kilometer lange Eldorado anspruchsvollsten Motorsports als Trainingskurs für motorsportliche Anfänger in ihren oftmals durchaus potenten Privatfahrzeugen herhalten - trotz der nur schwer einzuprägenden Streckenführung, der mangelnden Auslaufzonen und so mancher Tücke, wie sie nur die Nordschleife aufweist? Die Motorsport Akademie Nürburgring plagt keine Zweifel: Auch am 14. und 15. September bot sie die "Rennfahrerausbildung für die Nordschleife mit A-Lizenzqualifikation" an - um so selbst motorsportunerfahrene Autofahrer innerhalb zweier Tage zum qualifizierten Rennfahrer auszubilden, der auf eigene Faust an nationalen Rennveranstaltungen unterer Klassen teilnehmen darf. motorsport-magazin.com wollte sich selbst einen Eindruck verschaffen...

Von A wie "Asphalt mit Eigenleben"...

Bike World Nürburgring - der Ort des Geschehens, Foto: adrivo
Bike World Nürburgring - der Ort des Geschehens, Foto: adrivo

Donnerstag, 14:00 Uhr: Im Anschluss an die Einschreibung haben sich rund 100 Teilnehmer in einem Schulungsraum der "Bike World Nürburgring" eingefunden; Instruktor Peter Bonk und Christopher Bartz, Leiter der Motorsport Akademie, kommen hinzu. Nach ersten Worten der Begrüßung, zum Programmablauf sowie zur Einteilung der 15 Kleingruppen für den morgigen Praxistag, in denen rund fünf bis acht Piloten ähnlicher Fahrkenntnis und ähnlicher automobiler Ausstattung zusammenkommen, erfolgt sogleich der Einstieg in die Theorie des Rennfahrerhandwerks.

Einer der Schwerpunkte stellt das Fahren der nordschleifenspezifischen Ideallinie, der so genannten Grundlinie, dar, gibt es doch laut Peter Bonk "keinen Gegenverkehr - jedenfalls im Idealfall..." Nachdem die Ideallinie in klassischen 90-Grad-Kurven ("besser zu spät als zu früh einlenken") und S-Kombinationen ("zuerst spät einlenken, um die Gegenkurve optimal zu durchfahren") erklärt sind, wird die konkrete Grundlinie der Nordschleife in Angriff genommen - nicht ohne dass zuvor die besonderen Tücken der so genannten Grünen Hölle zur Sprache kommen...

Eine virtuelle erste Runde auf der Nordschleife, Foto: adrivo
Eine virtuelle erste Runde auf der Nordschleife, Foto: adrivo

So hören die aufmerksamen Teilnehmer vom regen Eigenleben des Nordschleifenasphalts, der durch Erdverschiebungen im Monatsrhythmus andere Bodenwellen aufweist, von den Aquaplaninggefahren auf altem Asphalt sowie vom sicheren Befahren der nordschleifeneigenen Kuppen, bevor ein Video an die Wand projiziert wird: Im virtuellen Cockpit eines Porsche 911 sowie mit dem fachkundigen Kommentar eines unverkennbar schweizerischen Sprechers, der sowohl mit seiner den Schweizern eigenen Präzision ("80 Zentimeter vom Kerb entfernt") als auch mit seinem Kommentar zum Caracciola-Karussell ("Ratter-Ratter-Ratter") gelegentlich für Erheiterung sorgt, drehen die Teilnehmer im Geiste ihre erste Runde auf der Nordschleife. Dennoch überlassen Christopher Bartz und Peter Bonk das Feld keineswegs gänzlich den Schweizern:

Vielmehr wird der Film am jeweils markantesten Punkt der Kurve angehalten, um weitere sachdienliche Hinweise zu geben: Bartz und Bonk warnen vor überhöhten Kerbs aus Zeiten, als die Fahrzeuge noch auf zwei Rädern durch die Kurven fuhren, machen genaue Angaben zu Brems- und Einlenkpunkten, führen mit Anekdoten aus dem Rennfahrerleben besondere Gefahrenpunkten vor Augen, machen feierlich mit dem ersten - kurz vor Kilometer 6 befindlichen - Kiesbett der Strecke bekannt und werben für einen unweit des Kurses gelegenen Supermarkt: "Wenn man sich an der Brücke Breidscheid verbremst, kann man sofort einkaufen gehen..."

… bis Z wie "schwarz-weiß karierte Zielflagge"

Die Teilnehmer debattieren in der Pause über die richtige Grundlinie..., Foto: adrivo
Die Teilnehmer debattieren in der Pause über die richtige Grundlinie..., Foto: adrivo

17:45 Uhr: Themenwechsel nach drei Stunden Nordschleifentheorie: In den folgenden beiden Stunden werden reglementarische Stichpunkte durchforstet, die jeder Inhaber der A-Lizenzqualifikation im Hinterkopf haben sollte. Von Helmen mit dem aktuellsten FIA-Siegel über Zulassungsvoraussetzungen des Fahrzeuges bis hin zur Organisation eines professionellen Rennens: Wie geht die Startprozedur vonstatten? Bei wem sind Proteste gegen mutmaßliche Regelverstöße der Gegner einzureichen, wer entscheidet über sie? Wann darf Berufung eingelegt werden?

Auch die unvermeidliche Flaggenkunde bleibt nicht unerwähnt, bergen doch auch beim motorsportinteressierten Autofahrern schwarze Flaggen mit rotem Punkt durchaus mehr Interpretationspotenzial als das klassische gelbe Exemplar. Abschließend kommen die erworbenen Kenntnisse in der schriftlichen Prüfung erstmals zur Anwendung - bevor am zweiten Tag umso schwierigere (Fahr-)Aufgaben auf die Teilnehmer warten...