Die Wecker der Teilnehmer an der "Rennfahrerausbildung für die Nordschleife mit A-Lizenzqualifikation" klingeln um spätestens 6.00 Uhr. Im Morgengrauen machen sich bei so manchem Zweifel breit: Längst nicht alle der je nach Interpretation 70 bis 100 Nordschleifenkurven sind vom Vortag in Erinnerung geblieben; beim Blick auf dem Streckenplan fällt so manche Kurve ins Auge, deren Eigenheiten man sich einfach nicht mehr entsinnen kann... Wie verläuft der Praxistag für die Teilnehmer des Lehrgangs im "Klassenzimmer Nordschleife", das so manche tückische Hinterkammer bereithält? motorsport-magazin.com war weiterhin für Sie dabei.

Freitag, 7:15 Uhr: Die morgendliche Eifelidylle wird durch eine vorbeiströmende Autokolonne unterbrochen. In den nächsten Minuten finden sich rund 100 Fahrzeuge auf der Start- und Zielgeraden der Nordschleife ein. Ob kompakte Vertreter wie Ford Fiesta ST oder VW Golf II in Tuning-Version, die Autobahnfraktion aus Audi A4, BMW 3er und Mercedes CLK, Sportlimousinen wie Audi RS4 und BMW M5 oder reinrassige Sportwagen wie Chevrolet Corvette, Lamborghini Gallardo oder der unvermeidliche Porsche 911 - das Starterfeld besticht durch seine Vielfalt.

Die Porsche-Armada blieb zur Freude der schwächer Motorisierten unter sich, Foto: adrivo
Die Porsche-Armada blieb zur Freude der schwächer Motorisierten unter sich, Foto: adrivo

Dass besagter Porsche 911 das häufigste Teilnehmerfahrzeug darstellt, muss die Piloten weniger rasanter Fahrzeuge nicht beunruhigen: In den 15 am Vortag nach Erfahrenheit der Piloten sowie der Potenz ihrer Fahrzeuge eingeteilten Kleingruppen stellen sich die Teilnehmer in homogenen Reihen auf. Funkgeräte werden ausgeteilt, die Sitzposition im Fahrzeug wird optimiert, ein letztes Briefing vor dem Start erfolgt: Die Instruktoren machen ihre "Fahrschüler" mit den Spielregeln für die nächsten drei Stunden bekannt.

8:00 Uhr: Das Herzstück des Lehrgangs beginnt - das "Guide Fahren". Ausgerüstet mit Funkgerät und Helm sitzen die Teilnehmer voller Tatendrang im Fahrzeug, ein Funkspruch "Start your engines" erübrigt sich. Langsam, aber bestimmt startet die Nachwuchs- und Journalistengruppe, angeführt von den Instruktoren Ralf Kraus und Kati Droste, nach hinten abgeschirmt von Instruktor Jens Fischer, zur ersten Runde durch die 20,8 Kilometer lange "Grüne Hölle".

Im Entenmarsch ans Limit

Die wirklichen "höllischen" Seiten der Grünen Hölle werden in Runde eins nicht ohne Grund noch mit einer gewissen Distanz erlebt, gilt es doch zunächst, sich die Streckenführung sowie die Ideal- bzw. Grundlinie bei gemäßigtem Tempo einzuprägen. Ralf Kraus erläutert via Funk nochmals vor jeder Kurve die richtige Linie, das am Vortag erworbene Wissen wird aufgefrischt. Die acht Gruppenmitglieder fahren im Entenmarsch hinter Ralf Kraus die Ideallinie nach und werden dabei auf besondere Tücken wie Kuppen, Bodenwellen und überhöhte Kerbs hingewiesen.

Auch die Instruktoren waren hinreichend motorisiert, Foto: adrivo
Auch die Instruktoren waren hinreichend motorisiert, Foto: adrivo

In den folgenden beiden Runden erklingen die Anweisungen Kraus' seltener aus dem Ohrstöpsel, zumeist ist ihr Gegenstand das gefahrlose Passieren langsamerer oder das Vorbeilassen schnellerer Gruppen. Es gilt, weit gehend eigenständig die Ideallinie Kraus' zu beobachten und im eigenen Cockpit umzusetzen. Die Rasanz des Entenmarsches nimmt schrittweise zu, so dass Tücken wie die altbekannten Bodenwellen bereits etwas deutlicher spürbar werden. Gelegentlich vernimmt man in Kurven ein Reifenquietschen...

8:50 Uhr: Die Gruppe von Ralf Kraus und Jens Fischer steuert eine Parkbucht auf der Start-/Zielgeraden an. Die Teilnehmer steigen aus; das Zwischenbriefing beginnt: Man tauscht sich aus, fragt nach Optimierungsmöglichkeiten und tankt Kraft für die nächsten 60 Kilometer auf der Nordschleife. Die fünf Nachwuchspiloten zeigen sich besonders interessiert am Feedback der beiden Instruktoren, geht es doch für sie mehr als nur um die Freude am Fahren sowie das Zertifikat zur A-Lizenz: Wer sich in den Augen der Instruktoren am besten schlägt, darf künftig im Renn-Polo der Motorsport Akademie an Rennen teilnehmen - und sich auf weitere Förderungen einstellen.

Die zweite von drei Etappen steht an: Erneut fährt die Gruppe mit moderater Geschwindigkeit die Tiergartenpassage hinauf und überquert die Überführung vorbei an der Grand-Prix-Strecke - woraufhin erneut das Tempo erhöht wird: Die Mutkurven der Bergab-Passage Hatzenbach werden nun etwas rasanter genommen, in der Highspeed-Passage von der Quiddelbacher-Höhe bis hin zum berüchtigten Schwedenkreuz werden die Gänge weiter ausgedreht, bei der Zufahrt zum Adenauer-Forst wird von der steilsten Bergab-Passage der Strecke, der Fuchsröhre, mehr Speed mitgenommen. Und dennoch bleibt im Bewusstsein: Weniger die Geschwindigkeit als vielmehr die Gewöhnung an Tücken und Grundlinie der Nordschleife steht im Vordergrund.

Start frei für das freie Fahren..., Foto: adrivo
Start frei für das freie Fahren..., Foto: adrivo

Dass auf den tiefsten Punkt der Strecke, die Einfahrt Breitscheid, lange Kilometer mit beträchtlichen Steigungen folgen, macht sich auch innerhalb der Gruppe bemerkbar: Schon die leichten Differenzen beim Leistungsgewicht der Fahrzeuge werden hier durch gelegentlich entstehende Lücken sichtbar - was die Instruktoren aber rasch zur Kenntnis nehmen und korrigieren. Die Stimme aus dem Ohrstöpsel ist weit gehend verstummt, die volle Konzentration gilt der zügigen Kolonnenfahrt sowie der Optimierung der eigenen Linie. Die Linien der Gruppenmitglieder werden in den insgesamt neun instruierten Runden sichtlich flüssiger und sauberer - wenngleich man sich hinterher von vereinzelten ABS- oder ESP-Eingriffen berichtet...

Allein in der Grünen Hölle

11:00 Uhr: Die letzten Fahrzeuge biegen von der Strecke ab; nach rennfahrerischer Aktivität stellt man sich kurzzeitig wieder autofahrerischen Banalitäten wie der Suche nach einem Parkplatz - dessen Verlassen allerdings schnell wieder erfolgen wird. In 15 Minuten steht das freie Fahren an, die erworbenen Kenntnisse können ohne den Instruktor vertieft werden. Dass bei Überholvorgängen Vorsicht und Disziplin gefordert sind, es weiterhin um Lernfortschritte, nicht jedoch um eine brachiale Zeitenjagd geht und die Zeitnahme mit Stoppuhren daher nicht nur verboten, sondern auch wenig sinnvoll ist, führt Christopher Bartz, Leiter der Motorsport Akademie, bei einem gemeinsamen Briefing aller Gruppen noch einmal eindringlich vor Augen.

Bartz' Hinweise werden beherzigt: Die Überholvorgänge verlaufen auch beim freien Fahren größtenteils problemlos; die Fahrzeuge der Streckensicherung und des Rettungsdienstes müssen glücklicherweise keine außerplanmäßigen Kilometer auf der Nordschleife zurücklegen. Zum Ende der Session deutet kurz vor der Passage Schwalbenschwanz eine gelb-rote Flagge auf Fahrbahnverunreinigungen hin - die sich eine Kurve später als Kiesspuren eines Ausritts entpuppen... Ohnehin fällt es nach wie vor manchmal nicht leicht, die vielen sich ähnelnden Streckenpassagen zu unterscheiden und stets die Ideallinie zu treffen - vor Überraschungen war man auch nach 300 Nordschleifenkilometern nicht gänzlich gefeiht...

Schulleiter Bartz sowie die Instruktoren Droste und Fischer mit dem Nachwuchssieger, Foto: adrivo
Schulleiter Bartz sowie die Instruktoren Droste und Fischer mit dem Nachwuchssieger, Foto: adrivo

14:15 Uhr: Alle Teilnehmer haben sich - samt unbeschädigtem Fahrzeug - auf dem Parkplatz eingefunden, das Abschlussbriefing steht an. Christopher Bartz lobt die Disziplin der Teilnehmer, nennt den Castrol-Cup sowie die VLN-Langstreckenmeisterschaft als erste mögliche Stationen im Rennfahrerleben und spricht einige Abschiedsworte - wobei er einen Stapel bedruckter Papierbögen in der Hand hält. Wer am Vortag die theoretische Prüfung bestehen und die Instruktoren in der Praxis davon überzeugen konnte, die Nordschleife mit Augenmaß und ohne Übermut sicher umrunden zu können, bekommt ein Zertifikat ausgehändigt, das die erfolgreich bestrittene "Rennfahrerausbildung für die Nordschleife mit A-Lizenzqualifikation" bescheinigt - was auf nahezu alle Teilnehmer zutrifft.

"Nach mehr als 100 Lehrgängen habe ich auch diesmal keine nennenswerten Zwischenfälle erlebt", zieht motorsport-magazin.com-Kolumnist und Porsche-Carrera-Cup-Pilot Christian Menzel, der seinerseits eine der Gruppen instruierte, ein positives Fazit und spielt auf die behutsame Gewöhnung an die Nordschleife an: "Es ist immer eine Frage des Herangehens - weniger kann manchmal mehr sein. Wir gehen die Nordschleife und ihre Besonderheiten mit Vernunft und kleinen Schritten an." Was Menzel im krassen Gegensatz zu so manchen Hobbyrennfahrern sieht, deren allzu stürmische Versuche, die Nordschleife ohne Vorkenntnisse auf eigene Faust zu erobern, oft wenig erfolgreich enden...

"Wie viel Talent die einzelnen Teilnehmer für spätere Rennerfolge mitbringen, lässt sich im Rahmen des Lehrgangs nicht abschätzen, aber auch diesmal war sichtbar: Wir haben in der Gruppe auf kleinem Niveau begonnen und uns an ein immer höheres Niveau herangetastet. Auch für relativ erfahrene Fahrer bietet die Nordschleife ganz neue Aufgaben", beobachte Menzel - und fügt hinzu: "Das Wichtigste ist, dass man nie den Respekt vor der Nordschleife verliert..."