Erfahrung macht klug. Timo Glock war schon im letzten Jahr zu Gast im Speed Park vor den Toren Istanbuls - als das Deutsche Tourenwagen-Masters dort seinen Auftritt hatte. "Damals war ich zwar nur eineinhalb Tage dort und habe mir die Strecke nicht angeguckt. Aber ich hörte von vielen, dass die Brücken über den Bosporus, von denen man eine passieren muss, um aus der Stadt an die Strecke zu kommen, oft verstopft sind."
Beim Formel 1-Grand Prix 2005 stand man vor den Brücken gern mal 90 Minuten im Stau. Und auch sonst floss der Verkehr in der Innenstadt von Istanbul, rund um den Downtown-Stadteil Taksim, bestenfalls zäh. Dieses Jahr rechnen die Veranstalter mit neuen Zuschauerrekorden - entsprechend stauträchtig dürfte sich das Verkehrsaufkommen entwickeln.
Glock und sein iSport-Team umgehen das durch eine geschickte Wahl des Hotels: Sie wohnen im asiatischen Teil der Türkei; Istanbul selbst liegt in Europa, und zwischen den beiden Kontinenten fließt der Bosporus, aber nicht der Verkehr über den Strom...
Zweimal muss sich aber auch Timo durch den Verkehr quälen. Einmal nach der Landung am gestrigen Mittwoch und einmal vor dem Abflug am Flughafen Atatürk, und der liegt am - von der Rennstrecke aus gesehen - falschen Ende des europäischen Stadtteils. Mit der frühen Anreise am Mittwoch schlug das Team dem Verkehr jedoch ein Schnippchen.
Ferien auf dem Bauernhof
Aber Timo war schon vorher auf Reisen: Die einen fliegen in den Sommerferien nach Mallorca. Timo Glock machte lieber Urlaub auf dem Bauernhof. Der 24-Jährige verbrachte den Donnerstag und Freitag der letzten Woche bei seinem Team iSport - das seine Zelte auf dem Betriebsgelände eines alten, aber immer noch bewirtschafteten Bauernhofs in der englischen Grafschaft Norfolk aufgeschlagen hat.
Die GP2-Mannschaft von Paul Jackson und Jonathan Williams bewohnt auf dem Farmgelände vor den Toren von Norwich eine relativ neu gebaute, etwa 300 Quadratmeter umspannende Halle. "Auf dem Grundstück stehen mehrere solcher Hallen nebeneinander; der Landwirt vermietet die an verschiedene Abnehmer, darunter auch das Comtech-Team aus der World Series by Renault", beschreibt Glock. "Das sieht hier alles ziemlich unscheinbar aus; der Teamsitz ist nichts Spezielles, das dich umhauen würde. Aber alles ist typisch englisch sehr effektiv und effizient, gut organisiert und funktionell gestaltet."
Für Timo sind die beiden Tage bei den Norfolkites erst der zweite Besuch bei iSport. "Deswegen war es mir auch so wichtig, mich in den freien Tagen vor Istanbul dort noch mal sehen zu lassen", erklärt er. "Ich war zuletzt am Jahresanfang da, als wir zum ersten Mal ernsthaft über ein Cockpit für 2006 verhandelt haben - aber damals auch nur für eineinhalb Stunden. Jetzt konnte ich mir alles in Ruhe angucken, und wir hatten Zeit, auch mal in Ruhe zusammenzuhocken und über private Dinge zu reden."
Der Rennsport war in den englischen Timo-Tagen meist nur am Rande ein Thema. "An den Autos hätte ich selbst dann nichts machen können, wenn ich gewollt hätte - denn die sind schon zwei Tage vor meiner Ankunft auf die Reise nach Istanbul geschickt worden. Mit Sitzprobe oder Ähnlichem wäre also sowieso nichts gegangen. Wir haben die meiste Zeit in einem Büro oder einem Besprechungsraum gehockt, pausenlos einen Tee nach dem anderen getrunken und über alles Mögliche geredet, was uns gerade so in den Kopf kam. Der Teamchef Paul Jackson war dabei, mein Renningenieur Richard Selwin, und auch einige meiner Mechaniker kamen vorbei. Die hatten in dieser Woche zwar eigentlich Urlaub, aber sie nahmen sich dennoch die Zeit, mal vorbeizukommen oder abends mit Essen zu gehen."
Die lockere Plauderstunde klingt nach einem wenig zielführenden Freizeitvertreib. Aber das täuscht. Denn diese Form des "socialising" ist ein wichtiger Bestandteil dessen, wie Team und Fahrer miteinander verwachsen. Timos Manager Hans-Bernd Kamps verweist auf ein prominentes Beispiel: "Es gilt ja als allgemein bekannt, dass ein Riesen-Anteil von Michael Schumachers Erfolg bei McLaren darauf zurückgeht, dass er auf seine Mechaniker und alle Teammitarbeiter eingeht. Er kennt nicht nur jeden persönlich, sondern ist auch genau über deren private Umstände im Bild: wann seine Kinder Geburtstag haben, welche Hobbys jeder einzelne hat und so weiter. Schumacher hat durch seine Art, mit den Mitarbeitern umzugehen, eine ganz besondere Atmosphäre im Team geschaffen - sodass sich nun auch jeder Mechaniker ein Bein für ihn ausreißt, weil er sich vom Fahrer voll respektiert fühlt. Dass das so funktioniert, hat Timo sich bei Schumi abgeguckt. Sein Besuch bei iSport diente dazu, auch mit seinen Leuten einen ähnlich guten Draht aufzubauen. Das ist im Top-Motorsport ein nicht zu unterschätzender Bestandteil des Erfolges."



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