Jetzt wird der Junge erwachsen: Im letzten Jahr fuhr er noch mit 190 PS in der Formel Renault 2.0, in diesem Jahr gibt er gleich mit 600 PS in der GP2 Gas. Als aufstrebendem Rennfahrer reicht ihm das natürlich noch lange nicht; wenn schon erwachsen, dann richtig: Mit 900 PS eines Red Bull Racing F1-Boliden im Rücken, hämmerte er Anfang März im fernen Abu Dhabi an der Strandpromenade entlang.

Aber wer ist ER eigentlich? Er heißt Michael Ammermüller, ist 20 Jahre jung, 1,80 m groß, Brillenträger und stammt aus Passau. Nur knapp scheiterte der Red Bull Junior im letzten Jahr an den Titelgewinnen in der italienischen und europäischen Formel Renault 2.0. Aber was einen den Titel kostet, macht einen bekanntlich nur noch härter.

Wenn am Samstag die Motoren der GP2-Boliden die morgendliche Ruhe auf dem Circuit Ricardo Tormo vor den Toren Valencias zerreißen, wird nur ein Geräusch noch lauter zu vernehmen sein: Michaels Herzschlag. Zum ersten Mal wird er bei einem Rennstart hinter dem Steuer sitzen und den unerbittlichen Druck der Konkurrenten und der Stoppuhr spüren.

Gegen Weltmeistersöhne, Formel 1-Testfahrer, Ex-F1-Piloten und angebliche zukünftige GP-Stars muss er sich durchsetzen. Aber irgendwie kann sich keiner davon mit seinem letzten Rivalen messen. Dieser saß in einem 430 km/h schnellen Red Bull Air Race Flieger und kam trotzdem gegen Michaels F1-Boliden nicht über ein Remis hinaus. Die Herren Piquet, Bruni, Hamilton oder Glock sollten sich also warm anziehen.

Denn mit 200 Stundenkilometern über eine buckelige Küstenstraße zu rasen und dabei mit einem Flugzeug zu konkurrieren, war Michael nicht rasant genug. "Eigentlich war mir das ein bisschen zu langweilig." Schließlich ist der Junge jetzt erwachsen. Und erwachsene Männer wollen mehr Power als ein schnöder Achtzylinder hergibt: "Es war toll, dass ich noch mit einem 'echtem' F1-Motor fahren durfte", strahlte er. Sprich: Mit einem V10-Motor. "Es ist einfach Wahnsinn, wenn du im 7. Gang noch einmal aufs Gaspedal steigst und denkst es nimmt überhaupt kein Ende."

Seine GP2-Karriere nimmt erst ihren Anfang. An acht Testtagen lernte er sein neues Spielzeug für Erwachsene in Südfrankreich und Spanien kennen. "Ich lag von Anfang an um den siebten Platz. Mal Fünfter, mal Sechster. Und das, obwohl ich viel weniger Erfahrung als die anderen habe." Obwohl er jetzt erwachsen ist, muss Michael noch viel lernen. Deshalb standen Setup-Arbeiten und Erfahrung sammeln ganz oben auf seiner Prioritätenliste. Hilfe erhielt er von seinem Teamkollege Nicolas Lapierre, der immerhin schon eine GP2-Saison für Arden International auf dem Buckel hat. Aber auch die Jahre in der Formel Renault halfen Michael. "Die größte Umstellung waren die Bremsen und die Leistung. Aber mit dem Handling des GP2-Boliden bin ich gleich gut zurechtgekommen."

Die Zeit des Testens ist vorbei. Jetzt wird es ernst. "Es wäre toll, wenn ich im ersten Rennen diesen siebten Platz aus den Tests halten könnte", hofft er nicht ohne Hintergedanken: Sollte ihm das gelingen, wird das Team ein Loblied auf das GP2-Reglement singen. In der umgekehrten Startaufstellung der ersten Acht, würde er somit im zweiten Rennen in der ersten Startreihe stehen.