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DTM / Analyse

Frey und der Tomczyk-Effekt - Analyse der Audi-Fahreraufstellung für 2012

Alte Fahrer, neue Teamaufstellung. Was hat sich Audi dabei gedacht, Rahel Frey in ein Team mit den Speerspitzen zu stecken und warum kehrt Rockenfeller zurück?
von Robert Seiwert

Motorsport-Magazin.com - Überraschungen? Fehlanzeige. So könnte man die Audi-Fahreraufstellung für 2012 in zwei Worten zusammenfassen. Motorsportchef Dr. Wolfgang Ullrich machte wahr, was er schon während des letzten Rennens der vergangenen Saison angekündigt hatte: Audi bedient sich für 2012 vornehmlich am bestehenden Fahrerpool. Die Ingolstädter setzen in der neuen Saison sieben Autos ein, statt der neun im vergangenen Jahr. Martin Tomczyks Abgang Richtung BMW vereinfachte das Aussieben, zudem musste Oliver Jarvis seinen DTM-Spind räumen.

Jarvis' Rauswurf aus dem DTM-Programm war keine große Überraschung. Wieder einmal hatte der Brite im vergangenen Jahr mit einem Neuwagen nicht überzeugen können - offenbar eine sieglose Saison zu viel. Spätestens seit dem Zeitpunkt, als Audi Jarvis' Einsatz bei den 24 Stunden von Le Mans bekanntgab, war eigentlich klar, dass er künftig in Sport- statt in Tourenwagen sitzen würde. Immerhin: zum ersten Mal darf Jarvis für das Audi-Werksteam an der Sarthe antreten, nachdem er 2010 noch für das Kolles-Privatteam gestartet war.

Oliver Jarvis wird 2012 nicht mehr in der DTM starten - Foto: Audi

Ob Jarvis angesichts der zurückgekehrten Langstrecken-Weltmeisterschaft nur in Le Mans fährt oder weitere Rennen der WEC bestreitet, ist noch nicht klar. Er hatte allerdings bereits angekündigt, vor dem großen Klassiker noch bei anderen Le Mans ähnlichen Rennen ins Cockpit zu steigen. Seinen Platz bei Abt in der DTM nimmt etwas überraschend Rahel Frey ein. Viele hatten zunächst vermutet, dass die Schweizerin 2012 keine Chance mehr erhalten würde - doch offenbar schenkt ihr Audi viel Vertrauen.

Während der vergangenen Testfahrten war Frey allerdings nicht nur im neuen A5 unterwegs, sondern sollte im Vorjahresauto unter anderem weitere Erfahrungen sammeln. In den Boliden der 2012er Generation muss sie nun zeigen, ob sie ihren Platz in der DTM verdient hat. Frey selbst ist zuversichtlich. "Ich bin mir sicher, dass es für mich ein Vorteil ist, dass wir alle mehr oder weniger bei null anfangen, weil es eben komplett neue Autos gibt", sagte sie im Gespräch mit Motorsport-Magazin.com. "Ich möchte allerdings betonen, dass Erfahrung im Motorsport grundsätzlich eine wichtige Rolle spielt - ob auf der Strecke oder bei der Arbeit mit dem Team."

Ich bin mir sicher, dass es für mich ein Vorteil ist, dass wir alle mehr oder weniger bei null anfangen, weil es eben komplett neue Autos gibt.
Rahel Frey

Erfahrung wird sie in diesem Jahr reichlich bekommen - nicht nur auf der Strecke. Frey findet sich 2012 in einem Team mit Mattias Ekström und Timo Scheider wieder. Nun könnte man sich fragen, warum ausgerechnet Frey von Phoenix Racing zum erfolgreichsten Audi-Team "aufsteigt". Die Idee dahinter hat wohl mehrere Gründe: zum einen bestand keine Not, das Rosberg-Duo Filipe Albuquerque und Edoardo Mortara zu sprengen. Teamchef Arno Zensen hatte die beiden Youngster schon in der vergangenen Saison gelobt und sich gewünscht, in Zukunft mit ihnen weiter arbeiten zu können. Ullrich erfüllte diesen Wunsch.

Zum anderen könnte Audi wieder auf den Tomczyk-Effekt setzen. Im vergangenen Jahr war der Champion nach seinem Wechsel zu Phoenix die unangefochtene Nummer 1 im Team. Tomczyk machte kein Geheimnis daraus, dass dies ein Mitgrund für seine überragende Saison war. Dieses Jahr kehrt Mike Rockenfeller zu Phoenix zurück, nachdem er zu Beginn des Vorjahres die Plätze mit Tomczyk getauscht hatte. Rocky zeigte in der vergangenen Saison, dass er Rennen gewinnen kann. Mit ihm verfügt das Meister-Team wieder über einen Siegfahrer - gut für die Teamwertung. Auch sein neuer Teamkollege, Miguel Molina, konnte schon beweisen, dass er für Podiumsfahrten gut ist.

Das neue Arbeitsgerät - Foto: Audi

Zusammengefasst: Team Rosberg bleibt unverändert, was Albuquerque und Mortara in ihrer Entwicklung zugute kommen wird. Phoenix hat nach Tomczyks Abgang zwei potentielle Siegfahrer, um Audi in der Teamwertung zu helfen und bei Abt kann man sich nun voll auf die beiden Speerspitzen kümmern. Das Traditionsteam hatte vor kurzem seinen Rückzug aus dem GT Masters bekannt gegeben, um sich laut eigener Aussage voll auf das Projekt DTM konzentrieren zu können.

Ekström und Scheider brennen darauf, ihre nächsten Titel einzufahren. Bei Abt sollten sie grundsätzlich die besten Chancen besitzen und das Team kann sich voll auf die beiden fokussieren. Im Schatten der beiden Ingolstädter Aushängeschilder kann sich Frey ohne zusätzlichen Druck entwickeln. Vielleicht reicht es auch zu mehr, wenn man Audis Motorsportchef zuhört. "Ich glaube, dass Rahel in ihrer zweiten DTM-Saison für Überraschungen sorgen kann", so Ullrich. "Sie hat bei den Testfahrten im Winter gezeigt, dass in ihr viel Potenzial steckt."