Blicken wir zunächst auf die abgelaufene ChampCar Atlantic-Saison. In dieser lief es zumindest bis Cleveland I mit Siegen und guten Platzierungen sehr gut, aber danach...
Andreas Wirth: Ich bin angetreten, um die Meisterschaft zu gewinnen. Für das Qualifying war es mein Ziel, immer aus den Top-5 zu starten, das habe ich fast immer geschafft. Aber wie gesagt: Ab dem Wochenende in Toronto fing es an, bergab zu gehen. Leider lag das außerhalb meines Einflussbereichs. Ich bin von Platz 3 gestartet und in der ersten Kurve ist mir der Achtplatzierte ins Auto gefahren. In San José musste ich, auf Position 4 liegend, einem Unfall ausweichen und war danach nur noch 16. Nach drei Runden hatte ich mich schon wieder auf Platz 11 vorgekämpft - auf einer Strecke, auf der man eigentlich überhaupt nicht überholen kann. Ich hatte das mit Abstand schnellste Auto, aber dann ist mir der Zehnte einfach in die Karre gefahren. Das war nicht mein Fehler, aber sehr wohl mein Problem. In Montreal hatten wir Motor- und Getriebeprobleme. Diese drei Rennen haben mir im Meisterschaftskampf das Genick gebrochen. Das gehört zum Motorsport dazu, dennoch war es nach dem guten Start sehr schade.

Ist der dritte Gesamtrang angesichts dieses Saisonverlaufs nun zufrieden stellend oder eher nicht?
Andreas Wirth: Im Motorsport lässt sich leider nicht alles planen, deshalb muss ich mit Platz 3 irgendwie zufrieden sein. Besonders weil die Serie in diesem Jahr ein extrem hohes Niveau und viele Top-Fahrer hatte. Sie war absolut zu vergleichen mit der Formel 3 EuroSerie. Durch die hohe Wettbewerbsfähigkeit und die vielen starken Fahrer und Teams habe ich viel gelernt. Leider hat es mit der Meisterschaft nicht geklappt, denn die zwei Millionen Dollar Preisgeld hätten mir bei der Cockpitsuche für nächstes Jahr sehr geholfen. Jetzt muss ich nach vorne schauen und dafür sorgen, dass ich 2007 auch ohne diese zwei Millionen in der ChampCar Serie dabei bin.
Bei den letzten beiden ChampCar-Rennen gab es dieses Jahr zumindest eine kleine Entschädigung für den verlorenen Titel...
Andreas Wirth: Ja klar, Dale Coyne hat mir eine Riesenmöglichkeit geboten, für sein ChampCar-Team zu fahren. Es sagt schon etwas aus, dass er nicht den Gewinner oder den Zweiten der ChampCar Atlantic Serie gefragt hat, sondern mir das Cockpit angeboten hat.
Wie lief die Vorbereitung auf das ChampCar-Debüt in Australien?
Andreas Wirth: Ich hatte nur einen Testtag, bevor ich in Australien das erste Mal in dem Auto gesessen habe. Es ist fast unmöglich seinen Fahrstil von einem Formel Atlantic auf ein ChampCar an nur einem Tag umzustellen. Deshalb war ich sehr zufrieden, in Australien in die Top10 gekommen zu sein. Gerade wenn man bedenkt, in was für einem Auto ich gesessen habe.
Wie schwierig war es, sich an das ChampCar zu gewöhnen? Immerhin ist dieses ja schon eine größere Herausforderung mit mehr PS, viel Gewicht, Push-to-Pass-Button...
Andreas Wirth: In Australien war das für mich viel Neuland. Allerdings hatte ich vorher noch nie so viel Spaß an einem Rennen wie dort. Anfangs wusste ich nicht, ob ich das Rennen überhaupt durchhalte, da es doch sehr viel Arbeit ist, so ein Auto zu fahren, vor allem auf einem Straßenkurs, wo man keinen Fehler machen darf. Aber das ganze Rennen hat so viel Spaß gemacht - es war einfach nur geil! Das Feeling in einem ChampCar zu sitzen und so ein Auto fahren zu dürfen, war toll. Zudem waren meine Zeiten zur Rennmitte sehr gut und ich konnte mit den Jungs mithalten. Das hat mir so viel Adrenalin und so einen Kick gegeben; wie gesagt: Ich hatte noch nie so viel Spaß und bin dadurch absolut nicht müde geworden. Ich weiß gar nicht, wie ich es beschreiben soll - wenn man in so einem Auto drin sitzt, gibt es nichts anderes mehr.
Der Unterschied zu den ganzen anderen Autos davor ist also nicht nur auf dem Papier immens?
Andreas Wirth: Das ist ein richtiges Rennauto. Ein Formel 1 ist sicher noch einmal anders zu fahren, aber dieses Auto ist trotzdem eine spezielle Herausforderung, eben weil es so schwer ist, weil man noch mit der Hand schalten muss, weil es keine Fahrhilfen gibt und weil man die Bremsen noch drücken muss, bis einem der Fuß wehtut. Es ist ein richtiges Rennauto, das man noch selbst fahren muss und keines, das fast von selber fährt.

Wie verlief das zweite Wochenende in Mexiko?
Andreas Wirth: In Mexiko hatten wir leider ab Freitag Probleme mit den Bremsen, die wir bis zum Rennen nicht beheben konnten. Deshalb habe ich viel Zeit beim Bremsen verloren und wenn man 20 Meter früher bremsen muss, verliert man schnell eine halbe Sekunde. Wir haben das Problem nicht ausfindig machen können. Das Team hat fast alle Teile ausgetauscht, aber eben nicht alle. Dafür hat uns letztlich die Zeit gefehlt. Zudem hat das Team nicht das größte Budget, so dass beim letzten Saisonrennen nicht mehr alle Ersatzteile vorhanden sind, besonders weil im nächsten Jahr mit den neuen Autos gefahren wird.
Was war also das Ziel für das Rennen in Mexiko?
Andreas Wirth: Ich musste als Letzter losfahren und haderte auch noch etwas mit der Abstimmung des Autos, da ich einen anderen Renningenieur hatte. Mit neuen Leuten und einem neuen Auto bei Null anzufangen, ist immer schwierig, insbesondere bei einem Mittelfeld-Team, dem es einfach am nötigen Budget fehlt. Für mich ging es also in allererster Linie darum, Erfahrungen zu sammeln. Ich konnte mich mit dem Auto und den 750 PS vertraut machen und mich an die längeren Rennen mit Boxenstopps und Taktiken gewöhnen. Der Rest war reine Zugabe. Der Top10-Platz bei meinem ersten Rennen in Australien war super und ich hätte sogar noch besser sein können. Aber ich bin sehr konservativ gefahren, weil ich das Auto nicht in die Wand setzen wollte - denn ich wusste: es war kein Ersatzauto da.
Im Rennen kam dann in Mexiko alles zusammen: Funkprobleme, Kollisionen, Regen, eine Strafe...
Andreas Wirth: Ja, das kann man so sagen. Schon nach fünf Runden ist mein Funkgerät abgestorben. Somit hatte ich überhaupt keinen Kontakt zum Team. Als es anfing zu regnen, hat man mich zwei Runden zu spät reingeholt, dadurch habe ich natürlich sehr viel Zeit verloren. Bei meinem ersten Boxenstopp ging zunächst das rechte Hinterrad nicht drauf und dann hat mich der Lollipop-Mann etwas zu früh losgeschickt und ich bin mit Will Power kollidiert, der gerade von hinten angefahren kam und mir gegen das linke Vorderrad fuhr. Dadurch war meine Aufhängung etwas verbogen. Bei dieser Gelegenheit habe ich gleich noch eins auf die Schulter bekommen und mir einen Nerv eingeklemmt. Ich wollte rausfahren und habe eingelenkt, in diesem Moment bekam ich den Stoß der Kollision direkt zu spüren. Der eingeklemmte Nerv tat während des Rennens höllisch weh. Aber ich habe mich durchgeboxt und bin das Rennen zu Ende gefahren. Denn ich wollte so viele Erfahrungen und Kilometer mitnehmen wie möglich und dabei keinen Fehler begehen.
Zu allem Überfluss gab es auch noch eine Durchfahrtsstrafe...
Andreas Wirth: Ja, eigentlich hätte mir das Team sagen müssen, dass ich den Hintermann vorbeilassen sollte, aber ich dachte, er sei ein direkter Gegner und kämpfte mit ihm. Dafür habe ich eine Durchfahrtsstrafe erhalten. Letztlich habe ich sehr viel Zeit wegen der Funkprobleme verloren. Immerhin habe ich auf diese Weise sehr viele Erfahrungen machen können, was für meine ersten beiden Rennen sehr wichtig war.

Für nächstes Jahr ist es natürlich das Ziel noch mehr Erfahrung zu sammeln - als Stammfahrer über die gesamte Saison hinweg.
Andreas Wirth: Seit ich nach Amerika gegangen bin und mir gesagt habe ich verlasse Europa, ist die ChampCar Serie mein Ziel. Das erste Ziel habe ich erreicht: ich bin zwei ChampCar-Rennen gefahren. Das freut mich sehr, aber jetzt muss ich mich in der Serie etablieren und möchte nächstes Jahr die gesamte Saison fahren. Das wird natürlich nicht einfach, weil man dafür Sponsoren finden muss. Daran arbeite ich derzeit und ich hoffe, dass in den nächsten Wochen einige gute Dinge passieren werden, so dass ich 2007 fahren kann.
Das neue Auto bietet da natürlich eine gute Chance, weil sich alle Fahrer und Teams erst daran gewöhnen müssen.
Andreas Wirth: Zum einen das, zum anderen werden nächstes Jahr viele Dinge verboten sein, die bislang mit den Lolas erlaubt waren. Dazu zählen die Entwicklungsarbeiten in den Windkanälen und auf den Prüfständen. All das wird verboten. Man wird also keine Setups mehr auf den Prüfständen testen können. Es wird also noch mehr auf den Fahrer und das Team ankommen. Die Top-Teams wie Newman/Haas, RuSport oder Forsythe werden nicht mehr von ihren größeren Budgets und Testmöglichkeiten profitieren können. Somit rückt der Fahrer mehr in den Mittelpunkt.
Gibt es irgendwelche Alternativen, quasi einen Notfallplan, wenn es doch nicht mit einem Stammcockpit klappen sollte?
Andreas Wirth: Ich denke nicht an Alternativen. Ich konzentriere mich voll auf die ChampCar, sollte es nicht klappen, müssten wir uns etwas überlegen - aber auch das wäre auf jeden Fall etwas in den USA und nicht in Europa.
Wie kam es überhaupt zu diesem Wechsel nach Amerika?
Andreas Wirth: In Europa wird der Motorsport eher von der Politik, Kontakten und Geld bestimmt. Das Talent spielt nicht immer die entscheidende Rolle. Natürlich braucht man im Rennsport überall Geld, aber in Amerika kann man noch mehr mit Talent erreichen als in Europa. Ich wusste vor meinem Wechsel über den großen Teich nicht, ob es klappen würde, aber zum Glück ging der Plan auf.
In Amerika ging es mit der Formel BMW USA los.
Andreas Wirth: Ich bin durch einen blöden Zufall dazu gekommen. Nach einer verkorksten Formel BMW-Saison in Deutschland war ich bei einem Test in Hockenheim - nur zum Zuschauen, weil ich dort in der Nähe wohne. Dort habe ich erfahren, dass die Formel BMW auch in Amerika fahren wird. Das hörte sich aus meiner Sicht sehr gut an. Allerdings war das keine einfache Sache: Ich befand mich im dritten Lehrjahr meiner Ausbildung und war noch nicht einmal alt genug, um in Amerika ein Leihauto zu bekommen. Wir entschlossen uns trotzdem dazu, das Risiko einzugehen. Das hat sich ausgezahlt. Ich habe die Formel BMW USA gewonnen und dadurch die Chance bekommen für ein Atlantic-Team zu testen. So habe ich die Chance erhalten 2005 in dieser Serie anzutreten. Denn ich hatte nie das Geld, um mir ein Cockpit zu kaufen. Ich musste immer kämpfen. Ohne diese Hilfe wäre ich 2005 nicht gefahren und somit auch 2006 nicht bei Forsythe gelandet.

Dabei verlief schon die Saison 2005 bis zur Verletzung sehr gut...
Andreas Wirth: Ich war bis zwei Rennen vor Saisonende Zweiter in der Meisterschaft. Ich hatte also einen guten Lauf und hätte die Meisterschaft vielleicht sogar gewonnen. Leider habe ich mir bei einem ganz dummen Unfall drei Rückenwirbel gebrochen. Damit war das Jahr gelaufen. Dennoch hat Forsythe gesehen, was ich mit diesem Team erreicht habe. Denn mein Team war keines der Top-Teams. Nach meinem Sieg in der ersten Formel BMW USA-Saison bekam ich einen ChampCar-Test bei Forsythe, weswegen mich das Team bereits kannte. Der Kontakt ist seit dieser Zeit niemals abgebrochen und als ich meine Leistungen aus der Formel BMW mit einem schlechteren Team in der Atlantic Serie bestätigen konnte, wollten sie, dass ich für ihr neues Atlantic-Team fahre. So bekam ich eine Riesenchance in der Serie anzutreten, ohne viel Geld zu haben.
Nicht nur der Rennsport ist in Amerika anders, auch die ganze Mentalität und Kultur. Wie schwierig war es, sich dort zurecht zu finden?
Andreas Wirth: Ich komme schon seit ca. 15 Jahren nach Amerika. Wir hatten in Florida ein Ferienhaus, so dass ich schon immer im Urlaub in Amerika war. Von daher wusste ich, wie die Mentalität der Menschen ist. Außerdem gefällt mir Amerika sehr. Auch der etwas andere Motorsport gefällt mir.
Was ist der größte Unterschied?
Andreas Wirth: Die Fans sind viel näher dran. In den USA hat man noch viel mehr mit den Leuten selbst zu tun - das finde ich einfach geil. In Amerika scheint man besser zu verstehen, dass es den Sport ohne die Fans gar nicht geben würde. In der Formel 1 kommt man an die Fahrer nie heran, in der ChampCar sind es wirklich Fahrer zum Anfassen. Wenn man sieht wie sich die Leute freuen, weil sie ein Autogramm bekommen haben oder nach dem Training das Auto sehen konnten, dann gibt mir die Begeisterung der Menschen noch mehr Motivation.
In der Formel 1 bekommen die Fans die Auto mit etwas Glück von den Tribünen zu sehen, aber auch nur, wenn sie nicht gerade Motoren schonen... Apropos Formel 1: Fast alle Rennfahrer träumen von der F1 und sehen die ChampCars bestenfalls als Weg dorthin.
Andreas Wirth: Ich würde lügen, wenn ich sagen würde, dass die Formel 1 nicht mein Traum ist. Aber ich bin zu sehr Realist, um zu sagen: Ich muss unbedingt in der F1 fahren. Es gibt so viele Deutsche in der F1, so viele deutsche Nachwuchsfahrer mit den richtigen Connections und Sponsoren - da hat man ohne Geld oder Unterstützung eines Herstellers keine Chance. Mein realistischer Traum ist es deshalb in einem konkurrenzfähigen Team in der ChampCar Serie zu starten - am liebsten bei Forsythe Racing. Dann hätte ich mein Ziel erreicht. Ich konzentriere mich nicht mehr auf Europa oder die F1, sondern ich konzentriere mich auf ChampCar. Denn in dieser Serie könnte ich Erfolg haben. Wenn sich irgendwann einmal durch Zufall eine Möglichkeit ergeben sollte, würde ich natürlich Formel 1 fahren, aber das wird wohl nicht eintreten. Deshalb heißt mein Ziel und mein Traum ChampCar.



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