Als Bentley den W12 in den Ruhestand schickte, war die Skepsis groß. Über zwei Jahrzehnte lang gehörte das Triebwerk fest zur Marke. Doch schon nach wenigen Kilometern zeigt sich: Der neue Continental GT Speed tritt nicht als Verzichtsmodell an.

Unter der langen Motorhaube arbeitet Bentleys neuer Ultra Performance Hybrid-Antrieb. Das Zusammenspiel aus 4,0-Liter-Biturbo-V8 und Elektromotor liefert 782 PS und 1.000 Nm Drehmoment. Auf dem Papier ist das spektakulär, auf der Straße vor allem eines: verblüffend souverän.

Bentley, Continental GT Speed
Foto: Simninja

Der Sprint auf 100 km/h gelingt in 3,2 Sekunden, die Höchstgeschwindigkeit liegt bei 335 km/h. Werte, die vor wenigen Jahren noch klar im Revier ausgewachsener Supersportwagen lagen.

Hybrid mit Haltung

Seine größte Stärke ist aber nicht die rohe Leistung, sondern die Bandbreite die er mitliefert. Wer möchte, fährt den Continental nahezu lautlos. Bis zu 81 Kilometer elektrische Reichweite erlauben im Alltag tatsächlich entspanntes und lokal emissionsfreies Gleiten.

Bentley, Continental GT Speed
Foto: Simninja

Ein entschlossener Tritt aufs Gaspedal verändert den Auftritt jedoch sofort. Dann meldet sich der V8 deutlich zu Wort und erinnert daran, warum große Verbrennungsmotoren für viele Enthusiasten noch immer eine besondere Anziehungskraft besitzen. In einer Zeit künstlich verstärkter Klangkulissen wirkt der Sound hier angenehm authentisch.

Sein eigentliches Talent: Strecke machen

Unsere Testfahrt führte Richtung Süden bis ans Meer. Rund 30 Prozent der Strecke verliefen über Landstraßen, der Rest über Autobahnen, teilweise sogar ohne Tempolimit. Genau dort spielt der Bentley seine Stärken aus: Nicht als nervöses Hochleistungs-Coupé, sondern als souveräner Reisewagen für sehr hohes Tempo. Der Fahrkomfort blieb über die gesamte Strecke hinweg auf bemerkenswert hohem Niveau.

Bentley, Continental GT Speed
Foto: Simninja

Ebenso überzeugend arbeitet die Bremsanlage, die die 2,5 Tonnen Fahrzeuggewicht jederzeit sicher im Griff hat.

Überraschend effizient

Bemerkenswert ist auch der Verbrauch. Während der gesamten Testfahrt wurde das Fahrzeug nicht extern geladen, sondern ausschließlich über das Hybridsystem betrieben. Trotzdem standen am Ende durchschnittlich 12,1 Liter Kraftstoff und 6,7 kWh Strom pro 100 Kilometer im Bordcomputer. Das sind keine Kleinwagenwerte – für ein 782 PS starkes Luxus-Coupé mit diesem Leistungsniveau ist das Ergebnis dennoch beachtlich.

Bentley kann jetzt auch Digitales

Mit dem aktuellen Facelift hat Bentley einen Bereich verbessert, der bislang nicht zu den größten Stärken der Marke zählte: das Infotainment.

Bentley, Continental GT Speed
Foto: Simninja

Das System reagiert spürbar schneller als bisher und wirkt im Alltag aufgeräumter und intuitiver. Gleichzeitig hält Bentley an einem entscheidenden Vorteil fest: Wichtige Funktionen lassen sich weiterhin über echte Knöpfe und Schalter bedienen.

Bentley, Continental GT Speed
Foto: Simninja

Der Innenraum selbst bleibt eine der großen Stärken des Continental. Vor allem die Kombination aus edlen Materialien und den optionalen High Gloss Carbon Fibre-Elementen verleiht dem Cockpit eine sportlichere Note, ohne den luxuriösen Gesamteindruck zu beschädigen.

Tanzanite Purple: Understatement in Violett

Das exklusive „Tanzanite Purple by Mulliner“ wirkt schon auf Fotos besonders, entwickelt seine Wirkung aber erst in natura vollständig. Je nach Lichteinfall verändert sich der Farbton deutlich: Unter grauem Himmel erscheint er als tiefes, sattes Violett, bei Sonne fast wie ein dunkles Blau.

Bentley, Continental GT Speed
Foto: Simninja

In Verbindung mit den optionalen Black Painted Wheels ergibt sich ein eleganter, zugleich sportlicher Auftritt.

Trotzdem bleibt der Continental ein zurückhaltendes Auto. Anders als ein Lamborghini oder Ferrari verlangt er nicht an jeder Tankstelle nach Aufmerksamkeit. Gerade das dürfte für viele Käufer Teil seines Reizes sein.

Luxus mit kleinen Schwächen

Natürlich zeigt auch dieses Auto im längeren Test nicht nur Stärken.

Der Einstieg in den Fond bleibt umständlich, und die hinteren Plätze taugen eher für kurze Etappen als für große Reisen. Auch der Kofferraum fällt für ein Fahrzeug dieser Größe eher knapp aus.

Optisch stört vor allem der inzwischen kaum noch vermeidbare Sensorsatz im Kühlergrill. Technisch ist er notwendig, gestalterisch aber ein Fremdkörper in einer ansonsten sehr stimmigen Front.

Bentley, Continental GT Speed
Foto: Simninja

Hinzu kommen einige verchromte Kunststoffteile im Innenraum, die bei der sonst exzellenten Materialanmutung etwas abfallen. Gerade an den Lüftungsdüsen und einzelnen Bedienelementen würde mehr echtes Metall einfach schöner und hochwertiger wirken.

Bentley, Continental GT Speed
Foto: Simninja

Und dann sind da noch die extrem flauschigen Fußmatten. Sie fühlen sich hervorragend an, sammelten auf der Testfahrt aber auch auffallend viele Staubflusen und Schmutzpartikel.

Fazit: Ein würdiger Nachfolger, aber auf eigene Art

Der überarbeitete Bentley Continental GT Speed hat keine leichte Aufgabe. Er muss die Erinnerung an den legendären W12 nicht ersetzen, aber in die Gegenwart übersetzen.

Bentley, Continental GT Speed
Foto: Simninja

Der Zwölfzylinder wird für viele Fans immer etwas Besonderes bleiben. Doch Bentleys neuer Hybrid-V8 macht schnell klar, dass er nicht als Kompromiss antritt. Er ist schneller, effizienter und im Alltag vielseitiger als sein Vorgänger. Vor allem aber hat er ein eigenes Profil: die Fähigkeit, lokal emissionsfrei durch Ortschaften zu rollen und kurz darauf mit Nachdruck Richtung Horizont zu marschieren. Genau diese Bandbreite macht den neuen Continental GT Speed zu einem der überzeugendsten Bentley der vergangenen Jahre.

Alle weiteren Bilder von unserer Testfahrt gibt es hier: