MotoGP - Best of 2013: Der Paddock spricht Deutsch

Interesse durch Erfolg

Hier wird Deutsch gesprochen! Dank der WM-Titel von Stefan Bradl und Sandro Cortese steigt das Ansehen der Fahrer aus dem deutschsprachigen Raum.
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Motorsport-Magazin.com - Wenn man durch das MotoGP-Fahrerlager und die Boxen wandert, sind bei der Verständigung in erster Linie Spanisch und Italienisch hilfreich. Ein Großteil der Fahrer, Mechaniker und Teamverantwortlichen kommt aus diesen beiden Ländern und zumindest eine dieser beiden Sprachen ist für Personal aus Drittländern als Fremdsprache sehr nützlich. Neben Englisch wird aber auch Deutsch immer wichtiger im Paddock und ist immer öfter zu vernehmen. Zehn Piloten (sieben Deutsche und drei Schweizer) mit deutscher Muttersprache tummeln sich 2013 in den drei Klassen der Motorrad-WM, hinzu kommen einige Teams unter deutscher oder Schweizer Flagge, wie etwa das Racing Team Germany, Dynavolt Intact GP, Kiefer Racing oder Interwetten Paddock. Mit dem österreichischen Hersteller KTM kommt der aktuelle Primus unter den Moto3-Bikes aus dem deutschsprachigen Raum und mit Bernhard Gobmeier hat ein Bayer die Motorsportgeschicke des gesamten Ducati-Konzerns in seinen Händen. In der Moto2 duellieren sich um die vorderen Plätze ausschließlich Piloten auf einem Chassis des Schweizer Ingenieurs Eskil Suter oder von der schwäbischen Schmiede Kalex. Schließlich mischt auch noch BMW ein wenig mit, stellt neben dem Pace Car, einer neuen Hospitality und dem BMW M Award, für den schnellsten MotoGP-Piloten, Motoren für das italienische MotoGP-Team Came IodaRacing. Nicht zuletzt wird im Hintergrund immer mehr Deutsch gesprochen, so legt etwa das französische MotoGP-Team von Tech 3 die Geschicke von Hospitality und Pressebetreuung in die Hände von zwei deutschen Damen.

Das Zuschauerinteresse am Sachsenring ist riesig - Foto: Simninja

Der aktuelle Boom ist den Erfolgen der letzten Jahre geschuldet: allen voran Stefan Bradl und Sandro Cortese, die in den letzten beiden Jahren WM-Titel erobern konnten. "Man muss ganz klar sagen, dass mit den Erfolgen und vor allem den Titeln das Ansehen steigt", ist sich der amtierende Moto3-Champion Cortese im Gespräch mit dem Motorsport-Magazin sicher. Vor allem das Medieninteresse würde bei Podiumsplätzen, Siegen und Titeln rasch und erheblich steigen. "Bei uns in Deutschland war das Interesse lange niedrig, weil wir keine Fahrer hatten. Top-10-Ergebnisse reichen da nicht aus, du musst Podiumsplätze und Siege einfahren, dann schalten die Medien ein. Das ist in jeder Sportart so. Ein Gegenbeispiel ist Tennis: das interessiert in Deutschland aktuell niemanden. Vor 20 Jahren war das mit Boris Becker und Steffi Graf noch anders - da hat Tennis geboomt. Im Motorradsport war es genau umgekehrt."

Auch Bradl, seit 2005 in der WM dabei und 2011 Titelträger der Moto2, sieht die Aufwärtstendenz: "Wir hatten zwei Weltmeister binnen zwei Jahren. Das hat das Standing des deutschsprachigen Raums ganz klar gefestigt und gestärkt. Aber es gibt im Vergleich zu Italien oder Spanien noch immer einen unglaublichen Aufholbedarf. Wir dürfen das noch nicht überbewerten und müssen so weiterarbeiten wie bisher. Speziell für Deutschland sieht es beim Nachwuchs ja nicht so schlecht aus." Mit Philipp Öttl und Florian Alt konnten gleich zwei Rookies im Winter einen Stammplatz in der Moto3, wo auch Jonas Folger und Toni Finsterbusch fahren, ergattern. "Denen muss man Zeit geben, aber sie haben sicher das Potenzial, in den nächsten paar Jahren weit nach oben zu kommen", glaubt Bradl. Al mitverantwortlich für den Aufstieg des Junioren-Duos sieht der deutsche MotoGP-Pilot den Rookies Cup an - eine kostengünstige Alternative zu den nationalen Nachwuchsklassen. "Vor allem im Rahmenprogramm der WM zu fahren, ist definitiv eine gute Sache. Da haben sich diese Jungs gut gemacht und haben sich das WM-Ticket verdient", so Bradl. Der Rookies Cup ist in der Chefetage ebenfalls eine deutschsprachige Angelegenheit, eine österreichische im Speziellen: Vom Red-Bull-Konzern von Dietrich Mateschitz gesponsert, sind die Talente auf Motorrädern von KTM unterwegs und werden vom fünffachen GP-Sieger August Auinger gecoacht und betreut.

Auch Sandro Cortese gehört zu den deutschen aufstrebenden Talenten - Foto: Dynavolt Intact GP

Das Zuschauerinteresse untermauert den Motorrad-Boom im Herzen Europas: Zum Rennen auf dem Sachsenring pilgern seit Jahren regelmäßig über 200.000 Fans. Immer wieder gibt es Gerüchte, dass der Red Bull Ring in Spielberg ein Rennen ausrichten könnte, der Streckenchef des Salzburgrings (zwischen 1971 und 1994 fixer Bestandteil des WM-Kalenders) gab unlängst in einem Interview bekannt, die MotoGP zurück nach Salzburg holen zu wollen. Ähnliche Gerüchte sind in der Schweiz noch in weiter Ferne: Dort wurde erst vor zwei Jahren das Rundstreckenverbot aufgehoben. Dennoch konnte sich dort eine Motorrad-Szene entwickeln, die sich in der WM etablieren konnte.

So krönte sich Tom Lüthi 2005 in der Achtelliterklasse zum ersten deutschsprachigen Weltmeister seit 1993 (Dirk Raudies). "Die Reputation des ganzen geographischen Raumes ist auf jeden Fall gestiegen", ist sich der 168-fache WM-Starter sicher. "Es ist für alle gut, egal ob Deutsche oder Schweizer. Jeder kann von den anderen profitieren und mit Stefan haben wir auch ein Zugpferd in der MotoGP-Klasse. Wenn ich auf die Schweiz schaue: dort war 20 Jahre vor mir in den Meiden nicht viel über den Motorradsport zu finden. Jetzt wird wieder auf breiter Front davon berichtet. Da haben auch die Titel von Stefan und Sandro mitgeholfen, dass das Interesse breiter wurde."

Dennoch sind vor allem die Schweizer Jungs noch ein wenig gehandicapt. "Da wir in der Schweiz leider keine Rennstrecken haben, kann ich nicht groß auf Asphalt trainieren. Dadurch haben wir einen Nachteil gegenüber anderen Fahrern, aber ich war viele Jahre auf dem Motocross-Bike unterwegs und es macht immer noch Freude ein wenig zu jumpen und im Dreck rumzuwühlen. Ich fahre auch noch viel Supermotard, dafür muss ich aber auch immer nach Italien und Frankreich fahren", so Dominique Aegerter, der aktuell in der Moto2-Klasse fährt. Teamkollege und Landsmann Randy Krummenacher bläst in dasselbe Horn. "Das Trainieren ist sehr schwer. Wir sind da im Nachteil und müssen immer sehr weit reisen, um Motorrad zu fahren. Mittlerweile geht das besser, weil ich auch selbst mit dem Auto irgendwo hinfahren kann. Es ist aber immer noch beschwerlich, denn wir müssen sehr viel Zeit investieren."

Ein gestiegenes Interesse bemerkt aber auch Aegerter: "Wir haben seit Anfang April viele Medientermine, außerdem wurde auch viel über mich in den Schweizer Medien berichtet. Das lag zum einen bestimmt daran, dass Lüthi verletzt war und zum anderen, weil ich recht gut unterwegs war", erklärt der Schweizer, der keine landesinterne Rivalität sieht. "Die Medien haben das Ganze unheimlich gepusht, Tom und mich immer verglichen und einen Kampf daraus gemacht. So ist es aber nicht. Ich komme eigentlich ganz gut mit ihm zurecht, obwohl ich nicht allzu viel Kontakt zu ihm habe."

Jeder geht seinen eigenen Weg.
Sandro Cortese

Der Kontakt untereinander hält sich auch bei den deutschen Fahrern in Grenzen. "Jeder geht seinen eigenen Weg", erklärt Cortese. "Das heißt nicht, dass es irgendwelche Feindschaften gäbe, aber jeder hat seine Arbeit. Man versteht sich gut, doch es gibt an den Rennwochenenden einfach zu viel zu tun, als dass man gemeinsam abhängen könnte." Schließlich hat die deutschsprachige Armada in den nächsten Jahren noch viel vor. "Ich sehe noch viel Potenzial", so Cortese. "Deutschland ist eine Motorradnation, viele fahren hier selbst. Momentan schlummert es aber noch ein bisschen und wartet nur darauf, geweckt zu werden. Mit Jonas, Marcel, Stefan, den Rookies, mir, KTM und den Schweizer Jungs sind wir aber auf einem guten Weg."

"Die Nachwuchsförderung muss richtig gewesen sein, dass es so viele Deutschsprachige jetzt geschafft haben", glaubt auch Lüthi. "Hoffen wir, dass das nicht abreißt und so weitergeht." Vielleicht klappt es in einigen Jahren sogar mit einem deutschsprachigen Sieger in der MotoGP. In der Königsklasse gab es bislang erst einen Deutschen (Edmund Czihak 1974) und einen Schweizer (Michel Frutschi 1982), die ein Rennen in der höchsten Serie der Motorrad-WM gewinnen konnten.

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