Formel 1 - Lance Stroll: Nur Geld oder auch Talent?

Williams will keine Paydriver mehr

Lance Stroll fährt 2017 mit Williams in der Formel 1 - wegen seines Talents oder wegen den Milliarden seines Vaters?
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Motorsport-Magazin.com - Das Schimpfwort Paydriver ist in der Formel 1 etwas aus der Mode gekommen. Nach Pascal Wehrlein, Esteban Ocon und Stoffel Vandoorn bilanzierte Mercedes Motorsportchef Toto Wolff: "Es sind aufregende Zeiten! Ich finde das ist großartig. Wir sehen einen Generationswechsel mit der nächsten Generation Superstars. Einige von den Jungs haben das Potential!"

Am Donnerstag präsentierte Williams die Fahrerpaarung für 2017. Mit dabei: Lance Stroll. Der 18-jährige Kanadier ist ein neues Gesicht in der Formel 1. Hintergrund des Neulings: Vater Lawrence Stroll baute Modemarken wie Tommy Hilfiger und Ralph Lauren auf und ist milliardenschwer. Vater Lawrence fördert die Karriere seines Sohnes seit Beginn an.

Ist Lance Stroll deshalb ein Paydriver? "Ich will sehr klar sagen, dass Williams die letzten Jahre ein Team war, das finanzielle Überlegungen nicht mit in die Fahrerwahl einbezogen hat", sagte Teamchefin Claire Williams bei der Präsentation von Stroll selbstbewusst. "Geld verbessert die Performance im Cockpit nicht - entweder man hat Performance oder nicht."

Williams braucht Geld

Doch ganz so klar ist die Sache nicht, wie die stellvertretende Teamchefin glaubhaft machen will. Zwar las sich der Geschäftsbericht des Teams zum ersten Halbjahr 2016 positiv, doch Geld tut dem Team nicht schlecht. Die zweigleisige Entwicklung für die Saison 2017 und wahrscheinlich sinkende Einnahmen aus dem Topf des kommerziellen Rechteinhabers drohen ein Loch in das Budget zu reißen.

Während Williams 2014 und 2015 jeweils Dritter in der Konstrukteurweltmeisterschaft wurde, droht 2016 nur der fünfte Platz. Finanziell hätte das enorme Auswirkungen auf das nächste Geschäftsjahr. Inzwischen steht Williams finanziell zwar wieder stabiler da als zu Maldonado-Zeiten, auf Rosen gebettet ist der Traditionsrennstall aber noch lange nicht.

Da kommt ein hoher zweistelliger Millionenbetrag, den Stroll für das Williams-Cockpit mitbringen soll, nur gelegen. "Jeder hat seine eigene Meinung, das kann ich nicht ändern", sagte Lance Stroll bei seiner Präsentation in Grove. "Meine Familie hat viel Geld, das kann ich nicht verneinen, aber ich glaube, dass ich meine Chance in der Formel 1 verdient habe, weil ich jede Meisterschaft gewonnen habe, in der ich gefahren bin."

Stroll: Klar habe ich Geld - aber auch Talent

"Die FIA hat die Hürde für die Superlizenz eingeführt, damit sich Leute den Weg in die Formel 1 nicht kaufen können", fügt Stroll hinzu. Tatsächlich sind die Hürden für eine Superlizenz inzwischen ziemlich hoch. In drei Jahren müssen die Piloten mindestens 40 Punkte sammeln, dabei sind verschiedene Rennserie im Punktesystem unterschiedlich gewichtet. Wer nicht auf 40 Punkte kommt, erhält keine Superlizenz.

Als Formel-3-Meister sammelte Stroll alleine in dieser Saison die erforderlichen 40 Punkte. Als Fünfter der Saison 2015 erhielt er zusätzlich 8 Punkte, für die Meisterschaft in der Italienischen Formel 4 2014 gab es 12 Punkte. Somit kommt Stroll auf 60 Zähler - ein starker Wert. Vor allem die Art und Weise, wie überlegen er den Titel in der europäischen Formel 3 in diesr Saison holte, beeindruckte viele Beobachter.

FIA Punktesystem für Superlizenz

Serie 1. 2. 3. 4. 5. 6. 7. 8. 9. 10.
Zukünftige Formel 2 40 40 40 30 20 10 8 6 4 3
GP2 40 40 30 20 10 8 6 4 3 2
F3 EM 40 30 20 10 8 6 4 3 2 1
WEC LMP1 40 30 20 10 8 6 4 3 2 1
IndyCar 40 30 20 10 8 6 4 3 2 1
Formel Renault 3,5 35 25 20 15 10 7 5 3 2 1
GP3 30 20 15 10 7 5 3 2 1 0
Japan. Super Formula 25 20 15 10 7 5 3 2 1 0
WTCC 15 12 10 7 5 3 2 1 0 0
DTM 15 12 10 7 5 3 2 1 0 0
Indy Light 15 12 10 7 5 3 2 1 0 0
Formel 4 12 10 7 5 3 2 1 0 0 0
Nat. F3 10 7 5 3 1 0 0 0 0 0
Formel Renault Serien 10 7 5 3 1 0 0 0 0 0
CIK-FIA Sen. Kart 5 3 2 1 0 0 0 0 0 0

Doch ist das die ganze Geschichte? In seiner ersten Formel-3-Saison war Stroll eher Mittelmaß, machte vor allem durch einen heftigen Unfall in Monza auf sich Aufmerksam. 2016 ging es steil bergauf: Im Prema Team, in das Vater Lawrence Stroll viel Geld investierte, war alles auf Lance ausgerichtet. Teamkollege Maximilian Günther musste bei einigen Gelegenheiten Platz für den Kanadier machen, der die Saison mit 507 Punkten auf Platz eins gewann. Günther, der Meisterschaftszweiter wurde, kam auf 322 Zähler.

Lance Stroll und Wingman Maximilian Günther - Foto: FIA F3

Von ungefähr kam die Leistungssteigerung bei Stroll nicht: Der Milliardärs-Sohn konnte mehr als alle anderen testen, hatte zudem einen eigenen Simulator bei Williams, den Lawrence Stroll finanzierte.

Unfassbares Formel-1-Testprogramm für Stroll

Als Vorbereitung auf die Formel 1 durfte Lance Stroll schon Erfahrung im 2014er Williams sammeln. Als zwei Jahre altes Auto fällt der Bolide nicht unter das TCC-Reglement (Testing of Current Cars), das Testfahrten mit aktuellen Autos stark einschränkt. Nach Informationen von Auto Motor und Sport soll Mercedes nur für die Testfahrten von Stroll zwei 2014er Power Units aufgebaut haben. Fünf Motor-Techniker und ein 20-köpfiges Williams Testteam sollen rund um Lance Stroll gearbeitet haben.

Um die Strecken kennenzulernen, soll mit dem Williams-Boliden exklusiv in Silverstone, Budapest, Spielberg und Monza getestet worden sein. Vor dem eigentlichen Debüt sollen außerdem noch Barcelona, Abu Dhabi, Austin und Sotchi auf dem Plan stehen. Ein unfassbarer finanzieller und logistischer Aufwand. 70 bis 80 Millionen Dollar soll die Familie in die Karriere investiert haben.

Max Verstappen kam ebenfalls gut vorbereitet in die Formel 1 - Foto: Scuderia Toro Rosso

In Zeiten der extremen Testbeschränkungen kommt Stroll so gut vorbereitet in die Formel 1 wie kaum ein anderer Pilot. Doch auch Max Verstappen hatte keine schlechte Vorbereitung. Zwar fuhr er nur eine Saison in der Formel 3, allerdings testete auch er deutlich mehr als viele seiner Konkurrenten. Vor seinem GP-Debüt spulte er außerdem Testfahrten und Showruns ab.

Stroll ist nicht nur wegen seines Geldes in der Formel 1, aber Geld ebnete ihm den Weg hin zur Königsklasse. Die Förderung durch seinen Milliardärs-Vater hat die Nachwuchsarbeit auf ein neues Level gehoben.


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