Formel 1 - Williams: Analyse eines schleichenden Niederganges

Hilft erneut ein Regelumbruch?

Williams ist endgültig zurück im tristen Mittelfeld. Die Erfolge aus 2014 sind weit entfernt. Bringt wieder ein neues Reglement die Wende?
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Motorsport-Magazin.com - Man kennt dieses Gefühl in Grove. Eigentlich hatte man damit abgeschlossen. Doch nach Jahren der Podestnähe entwickelt sich Williams wieder zu einem Graue-Maus-Team, das sich im Kampf um die Punkte auf besondere Ideen verlassen muss. Von ersten Startreihen sind Felipe Massa und Valtteri Bottas so weit entfernt wie Ferrari von nachvollziehbaren Reifenstrategien. Innerhalb von zwei Jahren hat sich die Punkteausbeute um mehr als die Hälfte reduziert. Doch warum? Ein Rückblick.

Kaum ein Team profitierte von der Einführung der Hybrid-Technologie 2014 so sehr wie Williams. Frühzeitig hatte man sich Mercedes als Motorenlieferanten gesichert, was sich als absoluter Glücksgriff erwies. Aus dem Traditionsteam, das am Ende der Nahrungskette der Formel 1 angelangt war, wurde wieder ein regelmäßiger Podiumskandidat. In Zahlen betrachtet war der Sprung beinahe unglaublich. In der Saison 2013 sammelte Williams gerade einmal fünf mickrige Punkte. Nur ein Jahr und ein neues Motorenreglement später wurden es 320 Zähler.

Den großen Erfolg eines Sieges konnte Williams jedoch nicht einfahren. Selbst die beste Ausgangslage in Form einer reinen ersten Startreihe in Spielberg konterte Mercedes mit einem Doppelsieg. Dass Williams schon damals nicht über das beste Chassis verfügte, zeigten die Ergebnisse auf Strecken wie Monaco oder Ungarn, wo man nur mit Mühe überhaupt in die Punkte kam. Daher musste man sich trotz des enormen Power-Vorteils in der Konstrukteurs WM auch Red Bull geschlagen geben, die immerhin drei Saisonsiege erringen konnten. Das beste Gesamtergebnis lieferte Williams beim Saisonfinale in Abu Dhabi ab, als sowohl Felipe Massa, als auch Valtteri Bottas auf das Podest fuhren.

Die Zeit spielt gegen Williams

In der vergangenen Saison wurde es für Williams bereits deutlich schwerer. Die Motorenhersteller erzielten enorme Fortschritte bei der Entwicklung ihrer Power Units, die Unterschiede wurden geringer. Zwar konnte ein durch Streitereien und Differenzen geplagtes Red-Bull-Team überholt werden, doch die wiedererstarkten Ferraris zogen dank dreier Saisonsiege von Sebastian Vettel an Williams vorbei. Die Zahl der Podien verringerte sich für Williams von neun im Jahr 2014 auf nur noch vier.

Von dieser Zahl kann man bei Williams derzeit nur träumen. Mit dem dritten Platz von Valtteri Bottas in Kanada steht bislang nur ein Podest in dieser Saison zu Buche. Rang drei in der Konstrukteurs WM ist bloße Utopie, stattdessen ist selbst Rang vier derzeit an ein anderes Team vergeben. Mit Force India hat meinen einen Gegner bekommen, der sich in den vergangenen Jahren genau entgegengesetzt zu Williams entwickelt hat. Dabei verfügt Force India - anders als Red Bull oder Ferrari - über finanziell arg begrenzte Mittel. Kein Ruhmesblatt also für Williams.

Williams fällt hinter Foce India zurück

Wir haben uns auch verbessert, aber nicht in diesem Maße. Force India hat einen fantastischen Job gemacht.
Pat Symonds

Seit der britisch-indische Rennstall in Barcelona ein großes Update - quasi eine B-Version des Autos - brachte, sprangen bereits zwei Podestplätze heraus. Aus 43 Punkten Rückstand auf das in Grove beheimatete Team wurden zehn Punkte Vorsprung. Eine Ohrfeige für Williams. "Wir haben das gut gemacht, aber besonders Force India hat sich stark verbessert", erkennt Williams-Technikchef Pat Symonds die Leistung der Konkurrenten an. "In Barcelona haben sie einen großen Schritt vorwärts gemacht. Wir auf der anderen Seite haben uns auch verbessert, aber nicht in diesem Maße. Force India hat einen fantastischen Job gemacht", so Symonds.

An etwaigen unterschiedlichen Voraussetzungen habe es nicht gelegen, dass Williams zurückgefallen ist. "Die Infrastruktur ist etwa gleich, die Anzahl der Leute ebenso. Wir haben unseren Fokus in diesem Jahr frühzeitig schon auf 2017 gelegt, aber das ist nicht alles", stellt Symonds klar. Vielmehr habe man die Erwartungen aus dem Windkanal nicht umsetzen können. "Einige der Dinge, auf die wir uns im ersten Teil des Jahres konzentriert haben, haben einfach nicht so funktioniert, wie wir es erwartet hatten", gibt er zu. Während die Konkurrenz sich verbesserte, stagnierte Williams.

Was bringt 2017?

In diesem Jahr wird es kaum noch Veränderungen am Kräfteverhältnis geben. Force India und Williams werden sich in den verbleibenden vier Rennen weiterhin um Rang vier in der WM streiten. Im kommenden Jahr kann dagegen alles schon wieder ganz anders aussehen. Die neuen Aerodynamik-Regeln könnten das Kräfteverhältnis in der Formel 1 komplett drehen. Die Vorbereitungen bei den Teams laufen seit Monaten auf Hochtouren. Als es 2014 zu den einschneidenden Änderungen kam, profitierte Williams. Jedoch nicht von der eigenen Klasse, sondern von der Überlegenheit des Mercedes-Motors.

Die Kreativität unterscheidet sich vielleicht um fünf Prozent von den anderen Teams, aber das war es.
Pat Symonds

Die Antriebseinheiten bleiben weitestgehend gleich, durch den Wegfall der Token-Regelung ist eher zu erwarten, dass die Konkurrenz die Lücke zu Mercedes schneller schließt. Gefragt sind nun bahnbrechende Ideen auf der Chassis-Seite. Nicht unbedingt die Stärke von Williams in den letzten Jahren. Symonds jedoch beruhigt. "Man fragt immer, ob die Regeländerungen eher den großen oder kleinen Teams helfen. Fakt ist: Dadurch, dass die Windkanal-Nutzung auf 65 Runs pro Woche begrenzt ist, ist es für alle gleich. Die Kreativität unterscheidet sich vielleicht um fünf Prozent von den anderen Teams, aber das war es", erklärt Symonds.

Den größten Unterschied im Kampf mit den Topteams sieht Symonds bei der Produktion. "Je später man in Produktion für die Teile gehen kann, desto größer ist der Vorteil. Deshalb haben die großen Teams einen Vorteil. Sie geben das Geld aus, notfalls für Zulieferer. Wir machen hier alles bei uns im Haus", erläutert er. Und stellt klar: "Das machen wir nicht aus Stolz oder weil wir denken, dass wir es besser können, sondern weil es billiger ist." Eine Rückkehr an die Spitze erscheint also auch nächstes Jahr unwahrscheinlich.


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