Jo Ramirez, zu Zeiten von Ayrton Senna und Alain Prost Teammanager bei McLaren, und zum ersten Mal in diesem Jahr als Gast bei einem Grand Prix, hatte bei der Siegerehrung für Bruno Tränen in den Augen: "Es ist unglaublich, wieder einen Senna da oben stehen zu sehen." Später lagen er und Brunos Mutter Viviane, Ayrtons Schwester, sich gerührt in den Armen. Viviane Senna hatte das Rennen ganz allein in Brunos Motorhome an der Strecke im Fernsehen verfolgt, war erst nach dem Sieg ins Fahrerlager gekommen, um ihren Sohn zu beglückwünschen: "Mir ging es heute Vormittag nicht besonders, ich habe eine Bindehautentzündung, das Auge ist sehr lichtempfindlich. Deshalb bin ich erst mal dort geblieben. Aber jetzt muss ich natürlich hier sein, es ist so schön, so unfassbar, ich kann es noch gar nicht glauben… Ich glaube, nur Gott weiß, warum diese Dinge passieren…"
Es war in dieser Saison das erste Mal, dass sie zu einem Rennen gekommen war - in der britischen Formel-3-Meisterschaft war sie ja regelmäßig dabei gewesen: "Zu Hause zu sitzen und nicht genau zu wissen, was passiert, das ist noch viel schlimmer." In Brasilien gab es ja bis jetzt keine Live-Übertragungen der GP2, obwohl fünf Brasilianer in der Serie am Start sind - was sich jetzt allerdings schnell ändern könnte. Denn gerade in seiner Heimat, aber auch weltweit, hat sich Bruno Senna mit diesem Sieg schneller ins absolute Rampenlicht katapultiert, als er selbst je gedacht hatte. "Ich hätte wirklich nicht mit so einem Start in die Saison gerechnet. Aber ich werde jetzt trotzdem mit beiden Füßen auf dem Boden bleiben, meine Ziele haben sich nicht geändert. Ich werde zwar umso härter weiterarbeiten, aber die Saison ist noch lang und ich sehe mich ganz bestimmt noch nicht als Titelkandidaten."
Dass bei weiterhin derart guten und konstanten Leistungen die ersten Formel-1-Testangebote sehr bald kommen werden, ist keine Frage. Aber auch das schiebt er erst einmal weg: "Ich will mich auf meinen Job hier konzentrieren - dann kommt alles andere von allein." Die Ruhe, die Abgeklärtheit, auch die Gelassenheit im Umgang mit der besonderen Aufmerksamkeit um seine Person beeindruckt viele. Auch seine Mutter gibt zu, dass sie in diesem Punkt schon Bedenken gehabt habe: "Aber er kann mit dem Druck und der Verantwortung, die der Name nun mal mit sich bringt, viel besser umgehen, als ich gedacht habe."
Die Emotionen, die "Dejá-vu" Effekte bei denen, die bereits die Karriere von Ayrton Senna miterlebten, lassen sich nicht ganz vermeiden, obwohl Bruno ja völlig zu Recht immer wieder betont, nur er selbst zu sein, seinen eigenen Weg gehen zu wollen, und jegliche Vergleich mit dem Onkel und großen Idol sowieso für abwegig hält. Aber sie entstehen dann halt doch immer wieder, vor allem, weil die Ähnlichkeit in einigen Punkten, nicht nur optisch, ja verblüffend ist. Die akribische Arbeitsweise, das Tüfteln zum Beispiel: Am Abend vor dem Rennen bis um 21 Uhr mit seinem Renningenieur im Transporter zu sitzen und die optimale Abstimmung auszutüfteln, dafür sogar zum verabredeten Abendessen mit Freund und Förderer Gerhard Berger zu spät zu kommen, das klingt irgendwie vertraut… Und auch die Fähigkeit, ein ganzes Team um sich zu scharen, zu motivieren, dort auch intern eingefahrene Dinge relativ schnell zum Positiven zu verändern, lässt sich jetzt bei Arden schon beobachten.

Das alles erst nach weniger als drei kompletten Jahren im Motorsport - und einem Beginn auf niedrigem Level: "Bei seinem ersten Start in der Formel BMW 2004 wusste er ja gar nichts - er hat nach dem Rot der Startampel vor dem Grün noch auf Gelb gewartet - und ist dadurch endlos weit zurückgefallen. Man muss bedenken - das war vor weniger als drei Jahren," erinnerte sich Viviane gestern leicht amüsiert - aber auch stolz: "Dass er so schnell lernt, so schnell an die Spitze gekommen ist, zeigt, wie viel Talent er wohl haben muss…" Für sie selbst ist das nicht immer ganz einfach, sie ist es, die mit der Angst fertig werden muss, Angst um den Sohn, die größer ist als es die Angst um den Bruder je war. "Je besser Bruno wurde, desto mehr war mir klar, dass dieser Weg nicht mehr zu stoppen ist. Aber es ist okay, es ist ja das Wichtigste, dass er das tun kann, was er wirklich will, dass er sich seine Träume verwirklichen kann. Ich darf ihm dabei doch nicht im Weg stehen."
Trotzdem, der schönste Moment für sie "ist immer der, in dem das Rennen vorbei ist…" Wenn es so endet wie an diesem Samstag in Barcelona, dann natürlich ganz besonders. Wenn zur Erleichterung noch die unendliche Freude über den Erfolgt kommt. Und das einen Tag vor Muttertag - der in Brasilien einen noch größere Bedeutung hat als in Europa: "Wahrscheinlich hat Bruno sich überlegt, was er mir zum Muttertag schenken soll - und ist zu dem Ergebnis gekommen, dass ein Sieg das Beste wäre," lächelte Viviane Senna - das Lächeln einer Mutter und einer starken Frau…

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