eSports - Harter Kampf bis zum (bitteren) Ende - die sechs Stunden am Nürburgring

NEO Endurance Series: Heimspiel am Nürburgring

Ein hartes Rennen stand den 50 Teams in allen drei Klassen der NES bevor. Wie konnten sich die deutschen Teams beim Heimspiel schlagen?
von Dustin Hickmann & Manuel Sudau

Motorsport-Magazin.com - [Nürburgring] Auf dem technisch anspruchsvollen Grand Prix-Kurs im Schatten der Nürburg erlebten Teams und Fahrer der NEO Endurance Series (NES) während dem vierten Saisonlauf das wohl aufregendste und spannendste Rennen der bisherigen Saison. Offensichtlich war dieses Mal vor allem der sich zuspitzende Kampf um die Meisterschaften, der in allen Klassen für große Aufreger zu sorgen vermochte.

Spannung in der Prototypen-Klasse: Enges Duell nach Qualifying-Krimi vorprogrammiert

Der Kampf um den Gesamtsieg war eigentlich ein Duell zwischen CoRe SimRacing und VRS Coanda, welcher zugleich auch eine Vorentscheidung im Titelkampf bringen sollte. Bei CoRe SimRacing war der Siegeswille vor dem Rennen sicher größer denn je. Beim dritten Saisonlauf in Motegi verpasste man zuletzt einen möglichen Sieg und die Übernahme der Meisterschaftsführung durch eine Überschreitung der maximalen Fahrzeit eines einzelnen Fahrers. So war man zwar das erste Team, welches die Zielflagge sah, allerdings verlor man am grünen Tisch zwei komplette Runden und damit wichtige Positionen und Punkte im Kampf um den Titel in der Prototypenklasse.

Die Qualifikation am Samstag war bereits denkbar knapp. Frederik Rasmussen legte in dem zwanzigminütigen Zeitfahren mit einer 1:40,392 zunächst vor und sicherte CoRe SimRacing die vorerst beste Rundenzeit. Martin Krönke wusste darauf zehn Runden lang keine Antwort, stellte den Prototypen von VRS Coanda Simsport jedoch mit seiner elften und letzten Runde und der Rundenzeit von 1:40,375 knapp auf die Pole. Von beiden Teams eine sehr starke Leistung, die umso beachtlicher wirkt, wenn man sich den Abstand von einer halben Sekunde auf die weiteren, sonst eng beieinander liegenden Plätze im Prototypen-Feld ansieht. Thrustmaster Mivano startete von Platz 3 aus, Saisonauftaktsieger Chimera von der vierten Position und Friction Racing sicherte sich den fünften Startplatz. Alle drei Teams lagen innerhalb von zwei Zehntelsekunden.

Angekommen am Rennsonntag sollte sich nun also zeigen, ob die Konkurrenz die Lücke aus der Qualifikation hat schließen können, oder ob sich die Ansätze einer Zwei-Klassen-Gesellschaft bewahrheiten werden.

Am Start zu viel gewollt: Isaac Price verliert zunächst die gute Startposition - Foto: Dustin Hickmann

Gleich zum Rennstart die erste Überraschung: Isaac Price, der für CoRe SimRacing von Position zwei aus in das Rennen startete unterlief ein Fehler in der Mercedes Arena, wodurch man die Verfolgerposition auf Coanda direkt an Team Chimera abtreten musste. Martin Krönke konnte sich dadurch direkt die ersten Sekunden an Vorsprung herausfahren. Doch so schnell wollte sich CoRe SimRacing nicht abschütteln lassen und eroberte sich nach ein paar Runden in Kurve 1 den zweiten Platz zurück und man nahm die Verfolgung auf.

Für's Erste schien man den besseren Weg durch den Traffic gefunden zu haben und man konnte Runde für Runde den Abstand zu Coanda minimieren. Inmitten des bereits gemischten GT-Überrundungsverkehrs konnte CoRe Martin Krönke überraschen und sich in Kurve 1 erfolgreich daneben setzen und damit die Führung des Rennens übernehmen. Ein kleines Polster von ein bis zwei Sekunden hat man sich bis zu den ersten Boxenstopps vorerst aufbauen können, allerdings konnte von einem wirklichen Vorsprung keine Rede sein.

Eiskaltes Taktieren am Kommandostand kann den Unterschied ausmachen

Die ersten Boxenstopps standen nach einer Stunde an und Isaac Price übergab das Fahrzeug nach 35 Runden an Frederik Rasmussen. Bei Coanda hingegen konnte man den Stint noch um eine Runde verlängern und wusste dies zu nutzen: Durch einen knapp schnelleren Pitstopp, sowie durch eine schnellere Inlap konnte man sich wieder an dem orangenen Prototypen von CoRe vorbeisetzen und stellte die Rangordnung aus den ersten zehn Runden wiederher.

Rad an Rad: Patrick Wolf und Jack Keithley schenken sich hier nichts - Foto: Dustin Hickmann

In der zweiten Rennstunde sollte sich dieser Abstand von zwei bis drei Sekunden stabilisieren und beide Teams versuchten zwar gleichermaßen sich den absoluten Limits ihrer Boliden anzunähern, doch an den Abständen tat sich zunächst nichts. Einzig auf die hinteren Plätze wuchs die Lücke, dort fand sich Mivano mit einem Rückstand von etwa 25 Sekunden auf der dritten Position wieder, Friction Simsport hatte gute 45 Sekunden Rückstand nach zwei Stunden und direkt dahinter lauerte Team Chimera auf Position 5. Diese hatten sich am Ende des zweiten Stints einen harten Zweikampf mit Patrick Wolf von Pure Racing Team geliefert, den man am Ende für sich verbuchen konnte. Wolf war zwar nach wie vor in Reichweite, musste aber nach einem Dreher Ausgang der Mercedes Arena den Abstand zur Top 5 abreißen lassen und lag somit eine knappe Minute hinter Martti Pietilä (Coanda) auf Position 1.

Feuriges Duell auf dem Nürburgring gegen Rennmitte

Nachteil Außenbahn: Im Laufe des Rennens verdreckt die Strecke abseits der Ideallinie mehr und mehr, was Pietilä zum Verhängnis wird - Foto: Dustin Hickmann

Wer die letzten Rennen verfolgt hat, der wusste, dass wir noch längst nicht mit einer Vorentscheidung rechnen konnten - im Gegenteil. In der Rolle des Jägers fühlt man sich bei CoRe SimRacing besonders wohl und machte Coanda erneut das Leben möglichst schwer und drängte auf die Führung. Nach einigen Runden sah Frederik Rasmussen seine Chance und setze in Kurve 1 außen herum zum Überholmanöver an. Zu zweit ging es in die Mercedes-Arena, wo Martti Pietilä auf der verdreckten Außenbahn etwas an Traktion verlor und zugleich auch die Kontrolle über seinen HPD ARX-01c. Eine leichte Berührung mit CoRe, sowie ein Halbdreher in die Auslaufzone waren die Folge, allerdings gab es keine Beschädigungen und der Zeitverlust hielt sich mit drei Sekunden in Grenzen. Der erneute Führungswechsel war hingegen vollzogen und bei CoRe versuchte man nun aus dem Gegner der Konkurrenz weiteres Kapital zu schlagen: Einen Vorsprung von knappen zehn Sekunden konnte man am Ende des Stints zur Halbzeit des Rennens verbuchen.

The big Bang: Großartiger Showdown endet mit dem großen Knall

In der letzten Stunde des Rennens sollte die Entscheidung fallen: Noch immer betrug der Abstand der ersten beiden Teams im Prototypen-Feld gute fünf Sekunden. Nun hieß es: CoRe SimRacing gegen Coanda Simsport - Isaac Price gegen Martin Krönke.

Eine gute halbe Stunde vor Schluss erlebten die Zuschauer erneut die Situation, dass der Vorsprung des Führenden immer kleiner wurde. Diesmal befand sich Coanda in der Rolle des Jägers und es sollte letzte und entscheidende Duell an diesem Rennsonntag werden. Erneut ist die Mercedes-Arena Schauplatz, Martin Krönke versucht es außen herum in Kurve 1, nutzt den Undercut um sich in Kurve 3 die Innenbahn zu sichern und holt sich die Führung zurück. Man glaubte es geschafft zu haben, doch der Versuch eines überraschenden Konters von CoRe resultiere letztendlich mit einer Kollision und einem Gespräch mit der Rennleitung. Stop-and-Hold Penalty lautete folgerichtig das Urteil der Stewards und somit gelang es Coanda den lädierten Boliden auf der ersten Position ins Ziel zu tragen. Dennoch war der Vorsprung groß genug und für CoRe war es am Ende ein verdienter zweiter Platz. Mivano Racing folgt auf Position 3 vor Friction Racing und Pure Racing Team Black.

Für die Meisterschaft bedeutet dies nun nach 4 von 6 Läufen eine komfortable Führung für Coanda Simsport, dennoch darf man sich natürlich keine Fehler leisten bei noch 60 offenen Zählern durch die doppelten Punkte beim Saisonfinale der 24h von Le Mans. Mivano Racing und CoRe Simracing sind sehr dicht beisammen und auch Pure Racing Team darf sich noch Chancen auf ein sehr gutes Meisterschaftsergebnis ausrechnen.

Meisterschaftsstand nach 4 von 6 Läufen
Virtual Racing School Coanda Simsport 67
Thrustmaster Mivano Racing 56
CoRe SimRacing P 54

Zweiter Sieg in Folge in der GT-Klasse: CORE Motorsport mausert sich zum Titelfavoriten

Nachdem Heusinkveld CORE Motorsport bereits beim vorweihnachtlichen dritten Saisonlauf durch den ersten Saisonsieg im Meisterschaftsklassement mit Torrent Motorsport gleichziehen konnte, lag der Fokus vor dem Heimrennen von CORE selbstverständlich auf den punktgleichen Kontrahenten. Bereits beim samstäglichen Qualifying gelang es CORE die erste Duftmarke zu setzen. Eine Rundenzeit von 1:48,746 Minuten reichte für die Pole Position. Vom Start weg, war die #55 in der Folge darum bemüht, keine Zweifel an der aktuellen Form aufkommen zu lassen. Bereits nach wenigen Runden waren die Verfolger von VRS Coanda und Torrent abgehängt. Während CORE stetig seine Führung ausbaute, zeichnete sich im Verfolgerfeld ein interessanter Zweikampf zwischen Coanda und Torrent ab, der durch stetige Positionswechsel geprägt war.

Nachdem Coanda sich nach etwa zwei Rennstunden einen kleinen Vorteil erarbeitet hatte, sah die Corvette wie der erste Verfolger von CORE aus und schickte sich gerade an, die Führenden mit etwas schnelleren Rundenzeiten wieder unter Druck zu setzen, als plötzlich und ohne Vorwarnung der sieben Liter-V8-Motor made in Amerika mit einem großen Knall seinen Geist aufgab. Im Dunst einer eindrucksvollen Rauchwolke bedeutete das Rennende der #48 einen gewaltigen Rückschlag im Kampf um die Klassenwertung. Ungefährdet und mit großem Vorsprung gelang es CORE Motorsport schließlich den zweiten Klassensieg in Folge einzufahren. Torrent Motorsports gelang durch den zweiten Rang immerhin Schadensbegrenzung. Den letzten Rang auf dem Podium sicherte sich schließlich SimRC.de Crimson, vor dem Schwersterauto SimRC.de Iris. Dem deutschen Team in den auffälligen und ansehnlichen gelben Lackierungen gelang damit das erfolgreichste Rennwochenende in der NES.

In der Gesamtwertung verbesserten sich Crimson auf Rang 5 und Iris auf Rang 3. CORE Motorsports übernahm durch den zweiten Saisonsieg erstmals die alleinige Gesamtführung der GT-Klasse und ist in dieser bestechenden Form wohl zum Titelfavoriten gewachsen, auch wenn Torrent mit nur vier Punkten dahinter, beste Chancen hat, diesen streitig zu machen.

Meisterschaftsstand nach 4 von 6 Läufen
Heusinkveld CORE Motorsports 70
Torrent Motorsports 66
SimRC.de Iris 52

Zündstoff im GT3-Feld: Kontroverser Sieger bei der Sternpremiere

Für die Überraschung im Qualifying, sorgte das Team MSP-Drivers-Home. Mit ihrem #85 Audi sicherten sie sich mit rund einer Zehntel Vorsprung sensationell die Pole Position für ihr sechsstündiges Heimrennen. Doch gleich beim Start siegten die Nervosität und PRT. Von Rang zwei gestartet, eroberte die #71 direkt die Führung in der GTS-Klasse und führte nun ein extrem enges Feld von neun GTS-Fahrzeugen an. Doch die #85 war an diesem Wochenende vom Renntempo her eine Klasse für sich. Obwohl sich PRT mit allen Mitteln und ansehnlich zur Wehr setzte, schien Lukas Jestädt mit seinem Audi überlegen. So war es eine Frage der Zeit, bis der Pole-Sitter sich die Führung zurückerobern würde, jedoch zeigte sich auch, dass ein Überholmanöver auf dieser Strecke extrem schwierig zu bewerkstelligen ist.

Viel Rauch ist immer ein Garant für viel Action - Foto: Dustin Hickmann

Während der Zweikampf um die Führung das GTS-Feld einstaute und beisammen hielt, setzten nach rund zwölf Minuten bereits die ersten Überrundungen der stärkeren Klassen ein. Es begannen aufregende, unübersichtliche und hektische Rennminuten, die den Piloten alles abverlangten. Mit einem sehenswerten Manöver gelang es der #85 schließlich in der elften Rennrunde die Führung zurückzuerobern. Fortan zog MSP dem GTS-Feld unwiderstehlich davon. Dahinter lieferten sich Odox, PRT, Atomic Motorsport, CoRe Simracing und Team RSO ansehnliche Duelle. Hervorzuheben ist aus dieser Riege besonders die #97 von Rennsport Online: Das deutsche Team, welches exklusiv in der #rsokolumne für uns aus der NES berichtet, stellte an diesem Wochenende den mit Abstand wettbewerbsfähigsten Mercedes in der GTS-Klasse und lag nach rund zwei Rennstunden auf einem starken fünften Rang.

Früh im Rennen wurde jedoch ersichtlich, dass einige Teams sehr darum bemüht waren, durch extensives Spritsparen auf einen fünften Boxenstopp zu verzichten. Unter anderem das PRT rollte zur Rennhälfte mehr um den knapp 5,2 Kilometer langen Kurs, als das Limit herauszufordern. So erschien der Rückstand von rund 30 Sekunden auf MSP plötzlich wieder sehr spannend, da sie mit einem Stopp weniger, rund 50 Sekunden einsparen würden. Doch die Zuschauer wurden jäh um diesen großartigen Showdown der beiden Kontrahenten gebracht, als rund eineinhalb Stunden vor Rennende, ausgerechnet das Schwesterauto von PRT bei einem Überrundungsmanöver mit den Klassenführenden der GTS-Klasse kollidierte. Der Aston Martin aus der GT-Klasse traf den MSP-Audi an der rechte Hinterachse, was der #85 faktisch alle Siegchancen nahm. Mit dem stark beschädigten Fahrzeug kämpfte man nun mit stumpfen Waffen und musste wehrlos dabei zusehen, wie sich PRT den bereits vierten Saisonsieg sicherte und damit beste Chancen auf die Klassenwertung.

Odox Motorsport zog ebenfalls noch an MSP vorbei und sicherte sich den zweiten Rang; und auch Rennsport Online konnte die #85 eine Viertelstunde vor Schluss noch abfangen und sicherte sich den letzten Podestplatz. Für MSP bleibt mit Rang vier ein verhältnismäßig ernüchterndes Ergebnis. Des einen Leid, ist des anderen Freud: mit dem dritten Rang sicherte sich mit Rennsport Online das erste Mal überhaupt in der NES ein Mercedes-Team eine Podestplatzierung.

Meisterschaftsstand nach 4 von 6 Läufen
Pure Racing Team GTS 80
Thrustmaster Mivano Racing GTS 57
Odox Motorsports 43

Auf zur Königin der Rennstrecken: Achterbahnfahrt durch die Ardennen

24 der insgesamt 54 Rennstunden sind absolviert und der vierte Saisonlauf auf deutschem Boden verschärfte die Kämpfe innerhalb der Klassenwertungen. Besonders für die Zuschauer war das jüngste Rennen ein Genuss: Teams und Fahrer kennen sich inzwischen gut und insgesamt verlief das Rennen überaus fair, auch wenn ein Multiclass-Rennen in sechs Stunden und zudem auf einer so engen Rennstrecke natürlich nicht ohne Rennunfälle auskommt. Fans und Zuschauer sahen spannende und packende Zweikämpfe, vielfältige Strategien und hochklassiges Racing. Bemerkenswert ist dabei die Rolle der deutschen Teams, im Konkurrenzkampf mit der internationalen Klasse: Mit CORE und PRT siegten zwei deutsche Teams in ihrer Klasse, und auch Coanda siegte mit deutscher Fahrerbeteiligung. Mit SimRC.de und Rennsport Online gesellten sich zudem zwei weiteren deutsche Teams auf den Podien hinzu und auch der starke Auftritt von MSP-Drivers-Home sollte nicht übersehen werden.

Das deutsche SimRacing ist auf dem Vormarsch und in der internationalen Spitzenklasse etabliert. Umso spannender wird die Fortsetzung auf dem traditionsreichen Kurs zu Spa-Francorchamps werden. Die legendäre, rund sieben Kilometer lange Ardennenachterbahn gilt als echte Fahrerstrecke und wartet am 18. Und 19. Februar mit den sechs Stunden by Sim-Lab.eu auf, bevor es rund einen Monat später zum großen Saisonfinale an die Sarthe geht.

NEO Endurance Series: Das große Heimspiel am Nürburgring: (389:17 Min.)


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