Über weite Strecken offenbarte der Testfreitag im sachsen-anhaltischen Oschersleben wenig Spektakuläres - um dann umso mehr zu überraschen. Sowohl beim ersten Test als auch beim zweiten Training fanden sich Beispiele hierfür...
Ruhe ohne Regensturm
Nachdem bereits für den Testfreitag in Oschersleben eine hohe Regenwahrscheinlichkeit vorausgesagt worden war, konnten die Regenreifen bereits in Folge des morgendlichen Roll-Outs wieder abmontiert werden: Bei beiden Testsessions präsentierte sich der kurvenreiche Kurs trocken, was gleichbedeutend war mit dem erhofften, möglichst großen Zeitfenster zur in gerade in Oschersleben kniffeligen Ausarbeitung einer ausgewogenen Trockenabstimmung.
Bot noch der verregnete erste Test auf dem EuroSpeedway genügend Zeit zum Finden eines geeigneten Regen-Setups für die Lausitz, um schließlich ein nahezu trockenes Qualifying sowie ein gänzlich trockenes Rennen zu erleben, so dürfte sich angesichts der weiterhin vorhergesagten Schauer für Samstag und Sonntag die Freude der Piloten beim Gedanken, nach regenfreien Testsessions ohne ein ausgeklügeltes, streckenspezifisches Regen-Setup in ein möglicherweise verregnetes Rennen zu gehen, in Grenzen halten...
Der Jahreswagen-Sturm
Das erste Training präsentierte sich zunächst ohne Überraschungen: Nachdem die neue Audi-Speerspitze Tom Kristensen über die erste Hälfte des Tests hinweg an der Spitze gelegen hatte, löste den Oschersleben-Sieger von 2004 mit Bernd Schneider ein weiterer Sieg- und Titelfavorit ab. Jamie Green, der sich zu Beginn des Tests einen Ausritt geleistet hatte, schloss sich auf Platz zwei an. Es sollte die Ruhe vor dem ersten Freitagssturm sein...
Ausgelöst wurde er durch die Jahreswagen: Gleich vier Boliden des Vorjahres setzten sich innerhalb der letzten Minuten überraschend an die Spitze. Christian Abt, der noch auf dem EuroSpeedway vom "schlimmsten Testfreitag" seiner Karriere zu berichten hatte, erlebte in Oschersleben die Wiedergutmachung, indem er frei von Getriebeproblemen und Ausritten ins Kiesbett Bernd Schneider im besten Neuwagen um mehr als sechs Zehntel zu distanzieren vermochte. Auf den Phoenix-Piloten folgten das Mercedes-Duo Daniel La Rosa und Jean Alesi sowie Teamkollege Pierre Kaffer.

Gemäß dem Kräfteverhältnis des vergangenen Jahres präsentierten sich die Audi-Jahreswagen insbesondere im ersten Test tendenziell stärker als die Mercedes-Pendants. Der Allgäuer gab sich auch mit Blick auf den zweiten Test dennoch nicht enthusiastisch. "Im ersten Test war alles okay. Wir fanden eine gute Abstimmung fürs Qualifying", bestätigt Abt die gute Performance, schränkt jedoch ein: "Im zweiten Test haben wir einen Long-run gefahren. Wir haben zwar Fortschritte erzielt, sind aber noch nicht ganz zufrieden."
Auch seinen Teamchef Ernst Moser kann das gute Ergebnis des ersten Trainings nicht über das vorhandene Verbesserungspotenzial hinwegtäuschen: "Im zweiten Training ist uns aufgefallen, dass wir mit den Long-runs leider noch zu weit weg vom Optimum weg sind." Den zweitplatzierten Daniel La Rosa euphorisierte seine Sternstunde im Jahreswagen sichtlich mehr: "Platz zwei am Vormittag war ein tolles Gefühl - ich gehe sehr zuversichtlich in das weitere Wochenende."
Der Mercedes-Sturm
Der zweite Test, während dessen die Strecke nach den morgendlichen Regenschauern allmählich wieder zum gewohnten Gripniveau fand, sollte für Audi die Zeit der von Seiten Mosers zitierten Long-runs werden - was guten Ergebnissen zunächst nicht im Wege zu stehen schien: Auch diesmal setzte sich Tom Kristensen an die Spitze, um diese auch scheinbar bis über den Ablauf der Testzeit retten zu können. Doch weit gefehlt...
Schließlich hatte den Dänen angeführt von Jamie Green das gesamte HWA-Mercedes-Quartett von der Spitze geschoben, Jean Alesi und Stefan Mücke drängten den aktuellen Meisterschaftszweiten bis auf Rang sieben. Was so mancher Audi-Fan auf den Tribünen schockiert zur Kenntnis nahm, erklärt man bei Audi mit einem taktischen Schachzug. "In der letzten Viertelstunde, als die schnellsten Zeiten erzielt wurden, sind wir keine neuen Reifen mehr gefahren", relativiert Sportchef Dr. Wolfgang Ullrich die formale Dominanz der Stuttgarter.
Eine mit auf die somit zusätzlichen Reifen für das Qualifying durchaus clevere Taktik, die den jeweils dreizehntplatzierten Mattias Ekström nicht davon abhält, die Zeiten der HWA-Piloten mit großem Respekt zu betrachten: "Wir haben heute sehr viel ausprobiert, aber wir müssen auch noch eine Menge herausfinden, wenn ich die Zeiten unserer Konkurrenz sehe." Der 20 Kilogramm betragende Gewichtsnachteil im Vergleich zu Audi braucht den Stuttgartern derzeit offenbar keine schlaflosen Nächte zu bereiten, sofern die Ingolstädter angesichts ihrer heutigen Taktiklaunen nicht absichtlich Ruhe gaben vor dem Audi-Sturm...

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